Der Johann-Heinrich-Merck-Preis

»Der Umfang der Literatur« – unter diesem Titel hatte Dolf Sternberger im Juli 1963 im Präsidium einen Veranstaltungs­zyklus angeregt. Kurz darauf, bei der Herbsttagung 1963, wurde dieses Programm bereits von ihm mit einem Grundsatzvortrag eingeleitet. Zum Auftakt sprach Wolfgang Schadewaldt über »Die Übersetzung als Literatur«. Im Frühjahr 1964 lautete das Thema in der neuen Reihe »Der Essay«, Walter F. Schirmer und Erich von Kahler trugen vor, Max Rychner las seinen Essay über »Benns Briefe«. Auf »Geschichtsschreibung« mit Golo Mann und Robert Minder im Herbst 1964 folgte dann im Frühjahr 1965 »Zur Situation der literarischen Kritik«. Bis 1977 wurde diese Erkundungsreise bei den Tagungen mit Vorträgen und Gesprächen fortgesetzt.

Dolf Sternberger, o. D. (1960er Jahre)
© ullstein bild - Tita Binz

Die Vortragsreihe über den »Umfang der Literatur« bildete ein Element des Aufbruchs, mit dem der im Frühjahr 1963 neu gewählte Akademiepräsident Hanns W. Eppelsheimer das »Feld der Literaturpolitik der Akademie« neu abstecken wollte. Parallel zu diesen Überlegungen reifte der Plan heran, dem Büchner-Preis weitere Preise an die Seite zu stellen. Im Frühjahr 1964 legte Hanns W. Eppelsheimer im Präsidium ein erstes Konzept vor; bereits im Herbst 1964 wurde die Idee öffentlich gemacht und erstmals wurden auch drei neue Preise vergeben – darunter der »Johann-Heinrich-Merck-Preis für Kritik«, wie diese neue Auszeichnung anfänglich genannt wurde.

Die Preise sollten, so Eppelsheimer, seine Strategie zur »Aktivierung unserer Akademie« stützen, denn bis jetzt sei es nicht gelungen, das »Ansehen einer deutschen Akademie« zu gewinnen. Vorerst könnten hierfür drei Preise genügen, um »Ansehen zu erobern«. Es gehe dabei um »Lenkung der Literatur«, um »Literaturpolitik«. Eine zentrale Rolle kam für Eppelsheimer dabei einem Preis für Literaturkritik zu, der »nicht von einer amtlichen Stelle, sondern von der Zunft selbst vergeben« wird. Das schrieb er am 12. April 1964 in einem Brief an Karl Merck als potentiellen Förderer dieser Auszeichnung – und er betonte: »Ich hätte den Feldzug gern mit einem Johann Heinrich Merck Preis für Kritik eingeleitet, was in jeder Hinsicht für Darmstadt, die Akademie und die literarische Situation in Ordnung wäre.«

Hanns W. Eppelsheimer an Karl Merck, 12. April 1964, Seite 2

Hanns. W. Eppelsheimer plante also einen Preis für Literaturkritik, »um im Betrieb mitzumischen! Das verweist auf die ungewöhnliche Bedeutung, die dieser Gattung mittlerweile zugekommen war« - erinnert Helmut Böttiger an die zentrale Rolle, die seit einigen Jahren die Gruppe 47 in diesem Prozess spielte: »Plötzlich trat die Figur des ›Kritikers‹ als eine entscheidende Position im Literatur­betrieb auf.« Auf diese Entwicklung, die von wichtigen Akteuren der Gruppen­tagungen wie Walter Höllerer, Walter Jens, Joachim Kaiser, Hans Mayer oder Marcel Reich-Ranicki repräsentiert wurde, wollte die Akademie mit ihrem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik reagieren.

Helmut Böttiger geht in seinem Audio-Beitrag diesem wichtigen Motiv der Einrichtung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik nach.

Helmut Böttiger zu den Motiven, die zur Einrichtung eines Preises für Literaturkritik geführt haben
Dauer: 1:51 Minuten
Tagung der Gruppe 47 im Oktober 1961, Jagdschloss Göhrde bei Lüneburg.
Walter Jens, Wolfgang Hildesheimer, Heinz Schwitzke, Siegfried Lenz,
Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki (v.l.)
Foto: Toni Richter; Hans-Werner-Richter-Archiv (0831_004),
Archiv der Akademie der Künste
© Hans-Werner-Richter-Stiftung, www.richter-stiftung.de

1964 war neben dem »Johann-Heinrich-Merck-Preis für Kritik« auch ein »Karl Hillebrand-Preis für Essay« und ein »Alfred-Polgar-Preis für die kleine Form« geplant worden. Der Merck-Preis sollte also zunächst ausschließlich herausragende Leistungen auf dem Gebiet der literarischen Kritik würdigen. Für ihn hatte die Stadt Darmstadt zunächst die Finanzierung übernommen, während für den Essay-Preis und für die der kleinen Form zugedachte Auszeichnung kein Finanzier gefunden worden war. Der erste Träger des »Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik« war am 17. Oktober 1964 Günter Blöcker.

Fünf Jahre später, im Frühjahr 1969, einigte sich das Erweiterte Präsidium nach kurzer Diskussion darauf, in diesem Jahr Erich Heller den Merck-Preis zu verleihen. Diese Wahl musste in einen Konflikt mit dem auf die »literarische Kritik« festgelegten Profil des Preises führen. Bereits in der Sitzung wurde daher, wie es in den handschriftliche Protokollnotizen heißt, das »Statut des Merck-Preises« konsultiert - womit wohl das 1965 verabschiedete »Statut für die Preise neben dem Büchnerpreis« gemeint war. Dem Präsidium war bei seiner Entscheidung bewusst: »daß die kritischen Arbeiten von Professor Heller doch vielmehr dem Essay angehören und daß es deshalb besser wäre, den Preis, den man ihm gibt, nicht Johann-Heinrich-Merck-Preis zu nennen, sondern ihm den Essay-Preis zu geben«.

Angesichts dieses Problems wandte sich Ernst Johann, Generalsekretär der Akademie, an den mit der Akademie verbundenen Stadtrat Heinz Winfried Sabais. In seinem Brief machte Johann den Vorschlag, die von der Stadt Darmstadt für den Merck-Preis zur Verfügung gestellten 6.000 DM sowohl für den Merck-Preis wie auch für den geplanten, aber bis jetzt noch nicht finanzierten Karl-Hillebrand-Essay-Preis vorzusehen. »Eine solche grundsätzliche Entscheidung würde auch die Wahl der betreffenden Kandidaten erleichtern.« Am 19. Juni antwortete der Oberbürgermeister Ludwig Engel, er werde diesen Wunsch dem Magistrat der Stadt Darmstadt »zur Entscheidung vortragen«.

Bereits ein paar Tage später konnte Stadtrat Sabais der Akademie die Entscheidung des Magistrats mitteilen, der sich gegen eine alternierende Vergabe der Auszeichnungen für literarische Kritik und für Essay ausgesprochen hatte. Die Stadt Darmstadt als Finanzier des Preises favorisierte vielmehr eine Öffnung des Johann-Heinrich-Merck-Preises, er »soll künftighin ›für literarische Kritik und Essay‹ verliehen werden«.

Seitdem konnte der Merck-Preis sowohl für »literarische Kritik« als auch für »Essay« vergeben werden, die Idee eines weiteren Preises für die »kleine Form« spielte künftig keine Rolle mehr. Mit der Öffnung des Merck-Preises für die Essayistik wurden aber auch seine Grenzen zur wissenschaftlichen Prosa, und damit zum Sigmund Freud-Preis, wie auch die zum literarischen Terrain des Büchner-Preises durchlässiger. Dies sollte die Jury und ihre Entscheidungen immer wieder beschäftigen.

Die 2021 aktualisierten und heute gültigen Preisstatuten halten in ihrem ersten Paragraphen fest: »Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay pflegt seit 1964 das für die Literatur unverzichtbare Gegenüber der herausragenden Literaturkritik und der essayistischen Erkundung intellektuellen Neulands. ­Der Preis trägt den Namen von Johann Heinrich Merck als eines Verfassers vorbildlicher Kritiken und Essays. ­Der Preis wird von der Merck KGAa gestiftet und ist aktuell mit 20.000 EUR dotiert. Er wird jährlich im Rahmen der Herbsttagung verliehen.«

Merck-Preisträgerin Jutta Person und
Akademiepräsident Ernst Osterkamp,
Preisverleihung am 4. November 2023
© Foto: Andreas Reeg