1977:
François Bondy


Ein passionierter Vermittler

François Bondy
© akg-images / Keystone / STR

Am 29. Juni kommt das Erweiterte Präsidium zusammen, um über den Büchner-, den Freud- und den Merck-Preis im Jahr 1977 zu entscheiden. Nachdem Reiner Kunze zum Büchner-Preisträger gewählt ist, beginnt die Runde direkt mit den Verhandlungen über den Merck-Preis. Zunächst werden wieder Vorschläge gesammelt: François Bondy wird von Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Geno Hartlaub und Peter de Mendelssohn benannt, Walter Helmut Fritz schlägt außerdem noch Hilde Domin vor und Dolf Sternberger plädiert für Karl-Heinz Bohrer. Nach kurzer Diskussion wird François Bondy - »ein klassischer Fall des ›homme de lettres‹«, so Horst Bienek - einstimmig von allen acht anwesenden Akademiemitgliedern gewählt. »Als Laudator sollen ihm Starobinsky, Goldschmit oder Paeschke vorgeschlagen werden.« Karl-Heinz Bohrer wird für das kommende Jahr vorgemerkt.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 29. Juni 1977, Anwesenheitsliste,
Peter de Mendelssohn, Heinz Winfried Sabais (Darmstadt), Geno Hartlaub,
Gerhard Storz, Dolf Sternberger, Karl Krolow, Walter Helmut Fritz,
Horst Bienek, Horst Rüdiger, Manfred Ranft (Hessen)

Ernst Johann benachrichtigt François Bondy telefonisch, schickt ihm dann aber am 20. Juli noch einmal alles »schwarz auf weiß«. Im Telefongespräch wurde von beiden offenbar auch bereits über die Frage des Laudators gesprochen, Johann bezieht sich in seinem Brief auf die dabei getroffene Verabredung, Jean Starobinsky für diese Aufgabe zu gewinnen. François Bondy reagiert am 1. August und äußert Bedenken: »Er ist nicht in der deutschen Sprache zuhause.« Bondy nennt eine ganze Reihe neuer Vorschläge für die Laudatio, darunter auch Rudolf Goldschmit. Und er ergänzt: »Gerade weil ich ›zwischen den Sprachen‹ arbeite, wäre die Reaktion eines Autors oder Kritikers aus dem deutschen Sprachbereich für mich interessant.« Johann kontaktiert daraufhin Rudolf Goldschmit, der am 22. August zusagt.

Am 7. September wendet sich Ernst Johann dann noch einmal an Rudolf Goldschmit und bittet ihn um einen Textentwurf für die Urkunde. In der Vergangenheit sei der Urkundentext, »wer immer ihn auch verfaßt hat, auf die Kritik der Presse gestoßen« - aus diesem Grund bitte die Akademie die Laudatoren nun um einen Textvorschlag. Er lege ihm einige frühere Beispiele bei, »in der schönen Erwartung, daß Sie sich den Kopf zerbrechen. Es sind immer nur zwei oder drei Sätze, die es aber in sich haben müssen.«

Rudolf Goldschmit: Entwurf des Urkundentexts
Kopie mit einem Kommentar von Horst Rüdiger

»Ein auf Bücher anderer Sprachen konzentrierter Kritiker wird eine Auswahl treffen, die er nicht durch Vergleich mit anderen seiner Meinung nach weniger bedeutenden Autoren der gleichen Sprache motiviert, denn die Zahl unbekannter Namen, die er dem Leser zumuten darf, ist begrenzt. Hingegen wird er über den Autor, auf den er rühmend hinweist, viele Informationen geben, um die Auswahl zu begründen und die Neugier der Leser – auch vielleicht der Verlagslektoren unter ihnen – zu stimulieren. Zwar ist im Literarischen jede Mitteilung zugleich eine Wertung, doch kann innerhalb dieser Einheit die Information stärker betont werden als das Urteil. Was ein Rezensent über Bücher der eigenen Sprache meint, können die Leser überprüfen. Ihrer Bevormundung sind Grenzen gesetzt. Wer darauf aufmerksam macht, was in fremden Sprachen literarisch zählt, mag von zwei Dutzend Kollegen beurteilt werden. Die übrigen Leser müssen es ihm abnehmen. In seinem

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schmalen, neuerdings schrumpfenden Bereich hat dieser Mittler ›Autorität‹. Zuweilen mag ihm gelingen, Entdeckungen durchzusetzen, doch wird der größte Teil seiner Anregungen verloren gehen, kein Echo finden.«

François Bondy in seiner Dankrede am 21. Oktober 1977
Aus der Dankrede von Francois Bondy
Dauer: 2:49 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Programm der Herbsttagung 1977

»Wir haben vermutlich heute mehr Welt, die auf uns eindringt, als früher, und weniger Weltliteratur, die wir aufnehmen.«

François Bondy
© Foto: Isolde Ohlbaum