1967: Werner Weber erhält den Merck-Preis

© Foto: Erika Loos
Am 23. Juni 1967 trifft sich das Erweiterte Präsidium, um die Kandidaten für die Herbstpreise zu bestimmen - Tagesordnungspunkt 2 ist »Kandidat für den Johann-Heinrich Merck-Preis (für literarische Kritik)«. Zur Vorbereitung der Sitzung hatte der Generalsekretär Ernst Johann in einem Brief an den Akademiepräsidenten Gerhard Storz bereits einige »Namen« zusammengestellt. Als das Gremium dann am 23. Juni mit seinen Beratungen beginnt, werden direkt noch drei weitere Kandidaten genannt. Die Vorschläge für den Merck-Preis, die nun auf dem Tisch liegen, unterscheiden sich deutlich. Zwei Nominierungen versuchen, dem Preis eine deutlich internationale Reichweite zu geben, alle anderen konzentrieren sich auf den deutschsprachigen Raum. Über die »zwei Kategorien von Kritikern« entbrennt eine rege Diskussion im Gremium, die nur durch die Mittagspause unterbrochen wird. Als am Nachmittag dann die Beratungen wieder aufgenommen werden, kommt der Kreis recht schnell zur Abstimmung, aus der Werner Weber als Preisträger hervorgeht.

Leider gibt das Protokoll keinerlei Hinweise auf die Argumente, die schließlich zur Wahl Werner Webers als Preisträger geführt haben. Vermutlich wussten die Mitglieder des Gremiums bei ihrer Sitzung im Mai 1967 um die Rolle Webers im »Zürcher Literaturstreit«, auch wenn wir heute nicht mehr nachvollziehen können, ob die Wahlentscheidung von Friedrich Bischoff und Horst Rüdiger für Weber, schließlich dann auch die des Präsidenten Gerhard Storz von diesen Auseinandersetzungen beeinflusst war.
Emil Staiger bei seiner Rede während der
Verleihung des Zürcher Literaturpreises 1966
© ullstein bild - RDB

Werner Weber hatte am 17. Dezember 1966 bei der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich die Laudatio auf Emil Staigerdem die Akademie kurz zuvor im Herbst 1966 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen hatte: »für die ungewöhnliche Vereinigung strenger Forschung und meisterhafter Darstellung in einem Lebenswerk, das uns lehrt ›zu begreifen, was uns ergreift‹« gehalten. Mit seiner Dankrede über »Literatur und Öffentlichkeit«, mit seinem Angriff auf die »über die ganze westliche Welt verbreitete Legion von Dichtern, deren Lebensberuf es ist, im Scheußlichen und Gemeinen zu wühlen«, hatte Staiger eine Kontroverse ausgelöst, die in den folgenden Wochen auch in der deutschen Presse ausgetragen wurde. Werner Weber hatte als Feuilletonchef der »Neuen Zürcher Zeitung« für den Abdruck der Rede am 20. Dezember gesorgt.
Zu den ersten Erwiderungen gehörte der am 24. Dezember in der »Weltwoche« veröffentlichte und direkt an Emil Staiger adressierte Artikel »Endlich darf man es wieder sagen« von Max Frisch : »Manchmal aber blicktest du, von Blumen verdientermaßen umrahmt, hinaus in den Saal (...), so mit würdig-rebellischer Miene, nicht unbesonnen wahrlich, aber im vollen Bewußtsein deines schönen Mutes und vorbereitet - entschlossen, hier und jetzt einmal die schlichte und gediegene Wahrheit zu sagen, koste es denn die Wahrheit, was es wolle.«
Weber nahm in der Auseinandersetzung eine eher moderierende, Emil Staiger und sein »Manifest« (so Weber am 24. Dezember über die Rede Staigers) jedoch in Schutz nehmende Position ein: »Uns ist gesagt, was der Literatur in dieser Zeit gefährlich ist. Man mag nun den Redner belobigen oder beschimpfen. Jedermann hat ihn verstanden«.
Am 6. Januar 1967 wandte sich Werner Weber in der »Neuen Zürcher Zeitung« unter dem Titel »... wenn ich die Leser der NZZ unterrichten darf ...« dann noch einmal an die Öffentlichkeit: »Also, der Leser der NZZ hat's gemerkt. Es geht um Oberinstanzliches.« Weber kritisiert dort Max Frischs Kritik an Staiger und auch Frischs Kommentar zu seinem eigenen Artikel vom 24. Dezember: »Der Max Frisch, welcher so sehr auf Eindeutigkeit pocht, ist, wenn's ihm paßt, nicht ungern vag. Oder oberinstanzlich. Das heißt: Wo er spricht, ist gesprochen. Punkt.« Erst am Schluss ändert sich der Tonfall und Weber gesteht Frisch zu: »Jetzt tritt er ins Gespräch. Und zwar ernst (...). Da lehnt sich nun nicht mehr Literatenhaftes, auch nicht mehr Literatur auf: da lehnt sich das Leben, wie wir es zu bestehen haben, selber auf. Da ist Max Frisch, da sind wir mit ihm beim Thema, das uns umtrieb seit langem und weiter umtreiben wird«. Und schließlich spricht er auch direkt zu Max Frisch und wirft ihm intellektuelle Unredlichkeit vor, »gegenüber dem Mahnwort Emil Staigers so zu tun, als habe man's nicht begriffen. Wir haben es nur zu gut begriffen.«
ich teile die Zweifel Emil Staigers gegenüber der neueren und neuesten Literatur nicht. Ich lebe mit dieser Literatur. Sie ist (...) ›eine Meldung aus der Epoche, die ich zu bestehen habe; und ich weiß, dank dieser Literatur, genauer, was ich zu bestehen habe‹. Von ihr absehn würde für mich heißen: vom eigenen Leben - jetzt, hier - absehn. (...) Darf ich sagen: Wir beide kennen diese Literatur? Ich meine, ich dürfe es. Und darf ich darnach dieses sagen: Wer die neuere, die neueste Literatur einigermaßen kennt, der hat Emil Staigers Mahnruf auf Anhieb richtig und genau verstanden.«
Nach: Der Zürcher Literaturstreit. Eine Dokumentation, Sprache im technischen Zeitalter, April-Juni, 22/1967, S. 129.

Protokoll, Seite 3

für das Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums
am 23. Juni 1967, Seite 4

für das Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums
am 23. Juni 1967, Seite 5

für das Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums
am 23. Juni 1967, Seite 6

für das Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums
am 23. Juni 1967, Seite 7

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 2
Am 27. Juni informiert Ernst Johann, der Generalsekretär der Akademie, Werner Weber über seine Wahl zum Merck-Preisträger des Jahres 1967. Werner Weber antwortet am 29. Juni: »Ich möchte Ihnen sehr herzlich danken: für Ihr Vertrauen in meine Arbeit.« Gerne sei er auch bereit, »wie Sie es wünschen, eine kleine Ansprache zu halten«.

die von ihm erwartet wird, 15. September 1967

über den Merck-Preis, 27. Juni 1967

und dankt für den Preis, 29. Juni 1967
Am 15. September schreibt Ernst Johann erneut an Werner Weber und erinnert, »der Ehre anderer Teil besteht darin, daß man von Ihnen eine kleine Rede anläßlich der Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises erwartet«. Dies sei für die »öffentliche Arbeitssitzung« am 20. Oktober vorgesehen. Weber werde an diesem Nachmittag gemeinsam mit dem Preisträger des vergangenen Jahres K. H. Ruppel sprechen. Am 2. Oktober fasst Johann noch einmal nach, er sei in Sorge, da er auf seinen letzten Brief noch nichts gehört habe. In das Programm für die Arbeitssitzung habe er inzwischen für ihn ein Referat über »Maßstäbe der Literaturkritik« eingesetzt, K. H. Ruppel werde über »Maßstäbe der Theater- und Opernkritik« vortragen.


am 21. Oktober vergebenen Preise



am 27. September mit einer zustimmenden Notiz und Anmerkungen zum Programm zurückschickt
In seiner Rede im Rahmen der öffentlichen Arbeitssitzung am 20. Oktober spricht Werner Weber den Gegenstand des »Zürcher Literaturstreits« an, ohne explizit auf die Kontroverse einzugehen. Weber untersucht den »Ort des Literaturkritikers«, der gegenüber einer »Dichtung« sich zu fragen habe: »Warum trifft sie uns hier und jetzt – warum trifft sie uns hier und jetzt nicht? Für solches Fragen hätte ich eine Bedingung: Es darf nicht zuerst ein Fragen nach dem Stoff, es muß ein Fragen nach der Form sein. Über der Frage ›Guter oder schlechter Stoff? Anständiger oder widerlicher Stoff?‹ wird man schwer oder nie einig werden.«
Und er wird noch deutlicher: »Das Gespräch über das Widerliche in der Kunst – einige der Beteiligten gehen weiter und sagen: das Gespräch über das Moralische in der Kunst – ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spitz geworden. Dafür wären mancherlei Gründe zu nennen. Einer der wesentlichen, für das deutsche Sprachgebiet, ist dieser: Die nationalsozialistische Kulturpolitik hat ein so schreckliches Maß an Verlogenheit in sogenannt moralischen, gemeinschaftsfördernden, volksfreundlichen Blut-und-Boden-Machenschaften erzwungen, daß darauf, nach dem Krieg, die Kunst selber mit Ungestüm wieder in den Bereich der Freiheit, der individuellen Entscheidung durchbrach und gerade dort ihre Unabhängigkeit, ihr unbeschränktes Recht zum Ausdruck und zur Gestaltung verlangte, wo die so heuchlerische wie verbrecherische Propaganda aus Gründen angeblicher moralischer Gesundheit nur Schweigen haben wollte. Nun stehn wir selber mitten in dieser Befreiungsbewegung, sind glücklich, daß es sie gibt; und sind wohl dann und wann auch überrascht vor den unbekümmerten Gebärden, mit denen die Kunst zeigt, was so nicht immer gezeigt werden konnte. Da wird die Sorge um die Moral laut. Und da eben möchte ich einsetzen und (ein Wort Oskar Loerkes abwandelnd) sagen: Die Moral des Stoffs heißt Form.«
