1999:
Gerhard R. Koch

»Vielstimmigkeit einstimmig«

Christian Meier und Gerhard R. Koch
bei der Preisverleihung am 23. Oktober 1999
© Foto: Jürgen Bauer

Am 1. und 2. Juli kommt das Erweiterte Präsidium der Akademie zusammen, um über die Kandidatinnen und Kandidaten für die drei Herbstpreise zu beraten. Die mit der Einladung verschickte Tagesordnung sieht vor, dass am 1. Juli über den Freud-Preis und den Merck-Preis entschieden wird, außerdem sollen die Planungen für die kommende Herbsttagung und für die Frühjahrstagung 2000 besprochen werden. Am 2. Juli folgt dann die Diskussion über den Büchner-Preis 1999, für diese Jurysitzung werden dann die Vertreter der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen dazukommen.

Für die Beratungen über den Merck-Preis wurden vom Erweiterten Präsidium in seiner Sitzung am 22. Januar 1999 drei Kandidaten festgelegt: »Gerhard R. Koch (favorisiert), Günter Metken, Volker Klotz«. Die herausgehobene Position von Koch erklärt sich aus den Entscheidungs­prozessen des vergangenen Jahres. Damals war verabredet worden, Koch ebenso wie Metken bei der nächsten Preisdiskussion zu berücksichtigen. Dabei sollten 1999 offenbar die bei früheren Sitzungen ausgetauschten Argumente und die in den Probeabstimmungen am 18. Mai 1998 erkennbar gewordene Vorrangstellung von Koch berücksichtigt werden. Das Protokoll vom 1. Juli 1999 hält nun fest, dass das Gremium ohne neuerliche Diskussion zur Abstimmung übergeht - mit dem Ergebnis: »Gerhard R. Koch wird einstimmig zum Träger des Johann-Heinrich-Merck-Preises 1999 gewählt.« Christian Meier benachrichtigt den Preisträger kurz darauf und Gerhard R. Koch reagiert »mit Dankbarkeit und Rührung« am 5. Juli aus seinem Urlaub.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 1. Juli 1999, Anwesenheitsliste,
Peter Hamm, Klaus Reichert, Adolf Muschg, Norbert Miller, Elisabeth Borchers,
Kurt Flasch, Erica Pedretti, Christian Meier, Giuseppe Bevilacqua

Nike Wagner wird die Laudatio auf Gerhard R. Koch halten. Am 4. Oktober schreibt Gerhard Dette ihr mit der Bitte, »einige wenige Sätze für den Urkundentext zu formulieren. (...) Könnten Sie mir da möglichst rasch etwas schicken?« Am 11. Oktober schickt Nike Wagner ihren Vorschlag - und nun setzt ein Austausch zwischen ihr, Gerhard Dette und Christian Meier ein, bis dann am 14. Oktober der Urkundentext an den Typographen weitergeleitet werden kann. In den vier Tagen entwickelt sich ein reges Hin und Her zwischen Dette, Meier und Wagner, in dem bis in einzelne Formulierungen hinein um den Urkundentext gerungen wird.

»Gerhard R. Koch ist eben kein normaler Rezensent, kein Musikjournalist, der sich auf den Anlaß stürzt wie auf einen Bissen Brot. Er gehört zur seltenen Spezies der Musik-Denker, der Musik-Essayisten (...). Diese Spezies pflegt das musikalische Ereignis ins größere Reflexionsmedium Kunst aufzuheben und damit die soge­nannte ›Besprechung‹ in ein geist­volles Impromptu zu verwandeln. Gerhard R. Koch nähert sich seinem Gegenstand in weit gezogenen Kreisen. Viele Bezugs­felder ästhetischer, historischer, theatrali­scher, philosophischer,

Mehr

soziologischer, kulturpolitischer und vor allem filmischer Art durchstreifend, gibt er, was einstmals die Geisteskultur der Kaffeehäuser und Salons auszeichnete. Er gibt deren Viel­stimmigkeit einstimmig: in seiner Person.«

Nike Wagner in ihrer Laudatio »Musik-Denker, Musik-Essayist«
Aus der Laudatio von Nike Wagner
Dauer: 2:50 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Herbsttagung 1999 mit dem Programm zum 50igjährigen Jubiläum
der Akademiegründung in der Frankfurter Paulskirche, den Veranstaltungen
in Darmstadt zum Tagungsthema »Geschichte zur Sprache gebracht«
und der Preisverleihung am 23. Oktober 1999

»So wie sich der Musikbetrieb immer stärker spezialisiert hat, so ist auch die Kritik dem Prozeß der Arbeitsteiligkeit ausgesetzt. Es gibt Spezialisten für alte und neue, sinfonische, Kammer- oder Klaviermusik, Opernexperten, die zudem jeweils entweder an Regie- oder Vokal-Fragen interessiert sind. Dem möchte ich – ein klein wenig romantisch – den Glauben nicht nur an die Einheit der Musik, sondern an die der Künste insgesamt entgegenhalten, diese als möglich sogar gleichberechtigte Manifestationen einer übergreifenden kulturellen Energie begreifen. ...

Aus der Dankrede von Gerhard R. Koch
Dauer: 3:14 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Arnold Stadler (Büchner-Preis) und Gerhard R. Koch
nach der Preisverleihung am 23. Oktober 1999
© Foto: Isolde Ohlbaum

... Ich glaube jedenfalls nicht, daß man ernsthaft neuerem, ästhetisch ambitionierten Musiktheater gerecht werden kann, läßt man sich nicht gleichermaßen auf die kompositorischen, literarischen, theatralischen, bildlichen, tänzerischen und selbst filmischen Komponenten ein. Der Musikkritiker als Orakel und Werturteils-Maschine ist dahin. Als partisanenhafter Grenzgänger im ästhetisch-sozialen Diskurs sollte er aktiv bleiben.«

Gerhard R. Koch in seiner Dankrede »Grenzgänger im ästhetisch-sozialen Diskurs«
Gerhard R. Koch (Kelkheim)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum