Am 25. Mai 1965 kam das Erweiterte Präsidium zusammen, um über die Kandidaten für die im Herbst zu vergebenden Preise zu beraten. Bereits nach kurzer Diskussion stand der Beschluss fest, den 1964 begründeten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik in diesem zweiten Jahr seiner Existenz Hans Mayer zu verleihen. Erstmals vergeben werden sollte auch, wenn ein Preisstifter gefunden werden kann, der Karl Hillebrand-Preis für Essay; als Preisträger wurde Max Rychner auserkoren.

Am 22. Juni 1965 teilte der Akademiepräsident Hanns W. Eppelsheimer Hans Mayer seine Wahl zum Merck-Preisträger mit. Hans Mayer antwortete direkt. Er eröffnete seinen Brief mit einem höflichen Dank für die ihm damit zugedachte Ehre, doch dann fährt er fort: er sehe sich »genötigt – nicht ohne Zögern, wie ich gerne betonen will –, diesen Preis abzulehnen. Die Gründe liegen in der bisherigen Entwicklung dieses Literaturpreises. Bei Annahme nämlich des Johann-Heinrich-Merck-Preises wäre ich gezwungen, eine Nachfolge anzutreten, die mir nicht lieb ist«. Dies zielte auf Günter Blöcker, der ein Jahr zuvor als erster Preisträger die neugeschaffene Auszeichnung erhalten hatte.

"Bei Annahme nämlich des Johann-Heinrich-Merck-Preises wäre ich gezwungen, eine Nachfolge anzutreten, die mir nicht lieb ist."
Hans Mayer in seinem Brief an Hanns W. Eppelsheimer
am 26. Juni 1965
Hans Mayer bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, 1966,
links von ihm Erich Fried, rechts Walter Höllerer
Foto: Toni Richter
Hans-Werner-Richter-Archiv (0904_034), Archiv der Akademie der Künste
© Hans-Werner-Richter-Stiftung, www.richter-stiftung.de

Günter Blöcker war ein einflussreicher Kritiker, der jedoch Distanz zum Literaturbetrieb wahrte, gerade auch zu allem, was sich für ihn mit dem »demagogischen Clan« der Gruppe 47 und deren »Meinungsterror« verband. Auch wenn der damalige Büchner-Preisträger Günter Grass wie Hans Mayer in der Gruppe 47 engagiert war, konnte dies für Mayer kein hinreichendes Gegengewicht bilden zur durch die »Tradition« gestifteten Nähe zu Blöcker. Die Ablehnung des Preises verursachte einige Turbulenzen in den deutschen Feuilletons, so dass Günter Blöcker sich selbst zu Wort meldete und der Akademie Tollkühnheit attestierte, unmittelbar nach ihm nun Hans Mayer den Preis anzutragen.

Günter Blöcker, Merck-Preisträger 1964, sprach im Frühjahr 1965 »Zur Situation der literarischen Kritik«. Hans Mayer sollte im Herbst dieses Thema aufgreifen, das wurde ihm zusammen mit seiner Wahl am 22. Juni 1965 mitgeteilt: »Wir hätten gerne von Ihnen einen - öffentlichen - Vortrag über Ihren Standpunkt, ohne ausgesprochenen Bezug auf den Vorgänger.«
Günter Blöcker, ca. 1965
© Foto: Erika Loos

Damit war der Johann-Heinrich-Merck-Preis bereits im zweiten Jahr seiner Existenz in heftige Konflikte geraten. Das hier erkennbar werdende gespannte Verhältnis zwischen Günter Blöcker und Hans Mayer verweist auf sehr viel grundsätzlichere Auseinandersetzungen im literarischen Betrieb der Jahre. Der Audio-Beitrag von Helmut Böttiger geht diesen Hintergründen des Konflikts nach.

Helmut Böttiger über die Hintergründe der Ablehnung des Merck-Preises durch Hans Mayer
Dauer: 5:42 Minuten
»Wiesbadener Tagblatt«, Nr. 62, 31. Juli 1965
© VRM GmbH & Co. KG, Redaktionsarchiv/Dokumentation

Nachdem Hans Mayer den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik nicht angenommen hatte, kam das Präsidium am 6. Juli 1965 zu einer Krisensitzung zusammen – auf der Tagesordnung: »neuer Kandidat für den Johann Heinrich Merck Preis«. »Die neue Situation wurde gründlich durchgesprochen«, heißt es im Protokoll, und »andere Kandidaten – Walter Jens, Walter Höllerer und Werner Kraft – erörtert«. Eine Verleihung des Merck-Preises schied nach einhelliger Überzeugung der Jury nun jedoch aus, da dies für jeden neuen Kandidaten nach der Absage Mayers »mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden wäre«. Beschlossen wurde daher, den »Kritiker-Preis« 1965 nicht zu verleihen. Der Präsident solle bei der Verleihung der anderen Preise bekanntgeben, »daß dafür Hans Mayer vorgesehen war und daß dieser abgelehnt habe«.

Durch diese Entscheidung war das Preisgeld des Merck-Preises frei geworden und konnte für den im 1964 vorgestellten Preisgefüge gleichfalls geplanten Karl-Hillebrand-Preis für Essay eingesetzt werden, für den sich noch kein Finanzier gefunden hatte. So wurde 1965 der Karl-Hillebrand-Preis erstmalig vergeben – an den Schweizer Redakteur und Schriftsteller Max Rychner. Rychner war in den ersten Beratungen des Präsidiums bereits als ein möglicher Kandidat für den Merck-Preis genannt worden, neben Werner Kraft, Walter Jens und Hans Mayer. In der Sitzung am 25. Mai, in der Hans Mayer als Merck-Preisträger gewählt worden war, hatte das Präsidium Rychner dann jedoch für den Karl-Hillebrand-Preis für Essay vorgesehen, sollte eine Finanzierung sichergestellt werden können.

Die Preisverleihung fand am 9. Oktober im Hessischen Landestheater statt, das sich damals noch in der Orangerie befand. Da Max Rychner kurz nach der Entscheidung, ihm den Karl-Hillebrand-Preis zu verleihen, am 10. Juni verstorben war, nahm seine Witwe Elly Rychner den Preis entgegen. In der Begrüßung berichtete der hessische Kultusminister Ernst Schütte, der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik könne leider in diesem Jahr nicht vergeben werden, statt dessen jedoch zum ersten Mal der Karl-Hillebrand-Preis für Essay. Nach der posthumen Ehrung von Max Rychner folgten im Laufe des Nachmittags die Verleihung des Preises für Germanistik im Ausland an Frederick Norman, des Sigmund-Freud-Preises für wissen­schaftliche Prosa an Adolf Portmann und die »Zeremonie der Büchner-Preis-Verleihung« an Günter Grass.

Vor Beginn der Preisverleihung am 9. Oktober 1965 in der Orangerie,
auf dem Tisch liegen die Urkunden für die vier Preise
Foto: Pit Ludwig

Da es in den Folgejahren nicht gelang, einen weiteren Preisstifter zu gewinnen, blieb dies die einzige Verleihung des Karl-Hillebrand-Preises für Essay. 1969 wurde dann der Johann-Heinrich-Merck-Preis für die Auszeichnung herausragender Essayistik geöffnet und konnte so die ursprünglich dem Karl-Hillebrand-Preis zugedachte Aufgabe übernehmen.