2015: Gabriele Goettle

»Gabriele Goettles Texte flanieren zwischen Reportage, Erzählung und Essay. Sie enthalten Berichte von Frauen und Männern aus allen Bereichen der Gesellschaft, deren Berufe und Berufungen, Leiden und Leidenschaften die Autorin mit großem Gespür für die Probleme unserer Zeit, mit scharfer Präzision und Menschenfreundlichkeit zur Sprache bringt. Es sind Feinzeichnungen von Charakteren, die uns daran erinnern, dass die Meisterschaft der literarischen Physiognomik politische und ästhetische Sensibilität miteinander verbindet. Auf diese Weise hat Gabriele Goettle in den vergangenen Jahrzehnten eine Sammlung von Büchern vorgelegt, die sich zu einem eindringlichen physiognomischen Panorama unserer Zeit, unserer Gesellschaft verdichten. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht ihr den Johann-Heinrich-Merck-Preis für Kritik und Essay, weil sie die Zusammengehörigkeit beider Begriffe beispielhaft demonstriert.«

Begründung der Jury

»Da haben Sie sich aber was eingebrockt, meine sehr verehrten Damen und Herren von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Sie haben Ihren Johann-Heinrich-Merck-Preis der Schwarzen Botin verliehen, der Schriftstellerin Gabriele Goettle. Die Schwarze Botin, so hieß die feministisch-anarchische Zeitschrift, die die junge Gabriele Goettle 1976 herausgab. Und da wurde schon deutlich, merken Sie sich das, meine Damen und Herren: Sie versteht keinen Spaß. Die versöhnliche Kraft des Humors, die jede Widrigkeit zuschleimt und die Wirklichkeit zum fröhlichen Lachen bringt, das mag sie nicht. Sie wollte, und sie will noch heute, dass wir endlich Ernst machen.«

Aus der Laudatio
»Aber eines bitte ich Sie zur Kenntnis zu nehmen: Es wird hier heute noch der Preis verliehen, der Georg Büchners Namen trägt. Büchner, der bei einem Medizinversuch nicht andere, sondern sich selbst infizierte und mit dreiundzwanzig Jahren starb. Er hat uns ein Vermächtnis hinterlassen: ›Friede den Hütten – Krieg den Palästen.‹ Das war der Vormärz 1834. Wir haben ab morgen November. Doch da sind es zu einem neuen März — verzeihen Sie einem achtzigjährigen Greis, wenn er phantasiert — nur noch vier Monate. So Gott will. Und dann: Friede den Hütten – Krieg den Konzernen.«
Otto Köhler am Schluss seiner Rede
Otto Köhler bei seiner Laudatio
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Und nun möchte ich noch eine Erklärung abgeben: Da ich kein Geld von einem Pharmakonzern behalten kann, werde ich mein Preisgeld an die unabhängige pharmakritische Initiative BUKO Pharma-Kampagne in Bielefeld weiterreichen. Diese international vernetzte ›Bundeskoordination‹ bietet seit mehr als dreißig Jahren den Pharmakonzernen durch Aufklärung und Aufdeckung von Mißständen die Stirn.«

Gabriele Goettle am Ende ihrer Dankrede, die von Dietrich Eichmann verlesen wurde
»Ausgezeichnete Eigensinnigkeit«
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2015

Gabriele Goettle

die ein eindringliches physiognomisches Panorama deutscher Verhältnisse entworfen hat. Ihre Berichte, Erzählungen und Essays von Frauen und Männern aus allen Bereichen der Gesellschaft verbinden politische und ästhetische Sensibilität und demonstrieren in beispielhafter Weise die Zusammengehörigkeit von Kritik und Essay.

Darmstadt, am 31. Oktober 2015

Das Präsidium
Heinrich Detering, Präsident
Aris Fioretos, Vizepräsident
Wolfgang Klein, Vizepräsident
Gustav Seibt, Vizepräsident
Urkundentext
Heinrich Detering übergibt die Urkunde an Dietrich Eichmann,
der Gabriele Goettle bei der Verleihung vertritt, 31. Oktober 2015
© Foto: Isolde Ohlbaum


Zitat aus Nina Alpin: »Die Autorin mit der Bandmaschine.
Gabriele Goettle, langjährige und renommierte taz-Autorin,
erhält den Johann-Heinrich-Merck-Preis. Eine Annäherung«, taz, 27. Juli 2015