1976:
Peter Rühmkorf

Merck-Preis für den Schreib­maschinisten

Peter Rühmkorf
© Foto: Erika Loos

Am 15. Juni 1976 berät des Erweiterte Präsidium über die Kandidaten für die drei bei der Herbsttagung zu vergebenden Preise. Für den Büchner-Preis stehen bereits drei Namen auf dem »Erinnerungszettel«: Heinz Piotek, Jürgen Becker und Peter Hacks. Weitere neue Vorschläge werden zum Auftakt genannt: Hilde Domin, Alexander Kluge, Ulrich Plenzdorf, Peter Rühmkorf, Dieter Wellershoff, Christa Wolf und Gabriele Wohmann. Nun wird über einzelne Kandidatinnen und Kandidaten diskutiert, zunächst kurz über Gabriele Wohmann, dann aber ausführlich über Peter Rühmkorf.

Peter de Mendelssohn, Horst Bienek, Wolfgang Weyrauch,
Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Walter Helmut Fritz,
Karl Krolow sowie für die Jurysitzung zum Büchner-Preis
Heinz Winfried Sabais (Darmstadt) und Manfred Ranft (Hessen)

Dolf Sternberger eröffnet mit einem Plädoyer für seinen Kandidaten Peter Rühmkorf, er sei »von keinem Autor so stark beeindruckt worden«. Horst Rüdiger bezeichnet ein Buch Rühmkorfs*Peter Rühmkorf: »Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich«, Reinbek (Rowohlt) 1975. als »überaus töricht«. Heinz Winfried Sabais meint »der Hintergrund der Dichtung Rühmkorfs stimme einfach nicht« und Peter de Mendelssohn hält die Prosa Rühmkorfs für einen »Leerlauf von Phrasen«. Auch wenn es Fürsprecher wie Karl Krolow gibt, führt ein Einwand Wolfgang Weyrauchs dazu, dass eine Wahl Rühmkorfs einhellig ausgeschlossen wird: Rühmkorf sei der Kandidat von Marcel Reich-Ranicki, der sich selbst, so Weyrauch, als »Königsmacher des Büchner-Preises« gerühmt habe. Die Akademie wolle keineswegs »ferngelenkt« werden, so Karl Krolow. In der »Probeabstimmung« erhält Peter Rühmkorf dann trotzdem noch drei Ja-Stimmen, sechs stimmen gegen ihn.

Als dann das Gremium später mit seiner Beratung über den Merck-Preis beginnt, bringt Horst Bienek erneut Peter Rühmkorf ins Spiel. Nun sprechen sich mehrere der sieben stimmberechtigten Mitglieder für Rühmkorf aus und er wird schließlich mit sechs Stimmen, bei einer Gegenstimme, zum Merck-Preisträger 1976 gewählt.

Ernst Johann schreibt am 23. Juni an Peter Rühmkorf und teilt ihm die Entscheidung noch einmal »offiziell« mit. Zu den inzwischen weitgehend standardisierten Textbausteinen über die erwartete Dankrede oder die Bitte um Empfehlungen für die Laudatio kommt 1976 ein neuer Plan hinzu: alle drei Preisträger sollen vor der Verleihung in einer eigenen Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Der Büchner-Preisträger Heinz Piontek solle bei der Gelegenheit » etwas Lyrisches« lesen, der Freud-Preisträger Jürgen Habermas »etwas Wissenschaftliches« und von Rühmkorf erwarte man »etwas Kritisches«.

Nachdem Albert von Schirnding zugesagt hat, die Laudatio auf Peter Rühmkorf zu halten, kann auch diese Position im »Ablaufplan« der Preisverleihung besetzt werden. Nach den Erfahrungen beim Festakt des vergangenen Jahres, dessen zeitliche Planung völlig aus dem Ruder gelaufen war, soll nunmehr eine »strikte Regie« vorbeugen. Den Preisträgern und Laudatoren werden genaue Zeitvorgaben für ihre Reden gemacht und von ihnen das Manuskript der Rede bereits vor der Veranstaltung erbeten, auch um die Einhaltung dieser Vorgaben überprüfen zu können.

Ablaufplan für die Preisverleihung am 22. Oktober 1976

Parallel beginnt die Arbeit am Urkundentext, dessen Formulierungen zwischen der Würdigung des »Schriftstellers« und der des »Kritikers« changieren: »jede Zeile, auch jede Gedichtzeile dieses Schriftstellers ist ›im Vollbesitz seiner Zweifel‹ entstanden«.

»Damit sind wir bei einem Thema, das bei Rühmkorf in vielen und sehr virtuosen Variationen wiederkehrt: die Auseinandersetzung mit den Formen und Inhalten der literarischen Überlieferung. Vorfahren werden weit zurückverfolgt: nicht nur bis zum vergleichsweise zeitgenössischen Klopstock, dem schon unkenntlicheren Walther, auch in die Antike, bis in den griechischen Mythos hinein. Eine Bestandsaufnahme, von Ehrfurcht ungetrübt; nicht um Archivierung geht es, sondern um Aneignung oder Abstoßung. (...) Nun findet Rühmkorfs Ahnenforschung ja auf zwei, manchmal parallel laufenden, manchmal einander ergänzenden, gelegentlich auch sich überkreuzenden Wegen statt. Nicht nur prüfend, urteilend, umwertend unterhält er Kontakte zur Tradition, sondern auch durch Anverwandlung der alten Formen: der Ode, der Hymne, des Sonetts. Ich scheue mich, hier einfach von Parodie zu sprechen, weil sich mit diesem Begriff ein Moment von genießerischem Zuspätkommen verbindet, das Rühmkorfs Gedichten fremd ist. Es handelt sich, bei aller Artistik, um waghalsige Transplantationen, gefährliche Zerreißproben.«

Albert von Schirnding in seiner Laudatio

»Bedauert es der Lyriker, daß nicht ihm die Palme oder, meinetwegen, der Apfel des Paris zuerteilt worden ist? Von mir-hier aus gesehen, möchte ich eigentlich sagen: es besteht kein Anlaß zur Aufregung. Sie wollen ja doch bitte bedenken, daß der Bruch bei uns zuhause sich etwas anders ausnimmt als bei dem unglückseligen Merck, insofern nämlich der angekränkelte oder doch labile Teil eines dividierten Individuums, als nämlich der zu allerlei lebensbedrohlichen Eskapaden neigende Poet immer noch diesen getreuen Eckhart und Impresario an seiner Seite hat, der sich mal kritischer Essayist, mal Rezensent, mal Aufklär- und Entlüftungs­techniker nennt und der in allen Krisen­situationen hilfreich in die Bresche springt. ...

Preisverleihung am 22. Oktober 1976
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

... Ohne den im Augenblick Belobigten über Gebühr gegen den durch Nichtvorhandensein glänzenden Depressionsartisten ausspielen zu wollen – festzuhalten bleibt dennoch, daß jener Poet von sich allein aus überhaupt nicht lebensfähig wäre und daß dessen extravagante Luftsprünge und introvagante Höllenstürze erst durch die vergleichsweise anspruchslosen Tätigkeiten des nennen wir ihn jetzt einmal einfach Schreibmaschinisten ermöglicht werden. ...

Peter Rühmkorf in seiner Dankrede
Dauer: 3:24 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Peter Rühmkorf bei seiner Dankrede
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

... So möchte ich Ihnen, möchte ich uns vielleicht sogar den erweiterten Vorschlag machen dürfen, einen alt-unseligen Familienzwist von uns aus zu befrieden und – tolerant noch gegenüber absonderlichsten Minoritäten – den materiellen Teil der mir zugedachten Ehren an diesen meinen Antipoden weiterzuleiten. Möglich, daß aus dem verbiesterten Desperado doch noch mal ein gesellschaftsfähiger Jemand wie Sie und ich wird.«

Peter Rühmkorf in seiner Dankrede
Peter de Mendelssohn gratuliert und
übergibt die Urkunde an Peter Rühmkorf
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
© Foto: Renate von Mangoldt