1984:
Erwin Chargaff
Kritik des naturwissenschaftlichen Fortschritts

© Foto: Isolde Ohlbaum
In seiner Einladung zur Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 30. April 1984 erinnert Gerhard Dette an die Kandidatinnen und Kandidaten, die für die drei im Herbst vergebenen Preise bereits diskutiert worden sind. Für den Johann-Heinrich-Merck-Preis waren dies im vergangenen Jahr Reinhard Baumgart und Joachim Fest. Am 10. April ergänzt er noch zwei Vorschläge, die ihm von Dolf Sternberger genannt worden sind: Erwin Chargaff und Johannes Gross. In der Sitzung werden von Mitgliedern des Gremiums noch »Heinrich Vormweg (von Beda Allemann), Renate Schostack, Sibylle Wirsing und Sabina Lietzmann (von Lea Ritter-Santini) sowie Gisela von Wisocki (von Herbert Heckmann)« für die Beratungen vorgeschlagen. Dolf Sternberger beginnt mit einer ausführlichen Vorstellung von Erwin Chargaff, der »den Merck-Preis vor allen anderen verdient habe«. Beda Allemann plädiert für seinen Kandidaten Heinrich Vormweg, einen der bedeutendsten Literaturkritiker, der in seinem Briefwechsel mit Helmut Heißenbüttel»Briefwechsel über Literatur«, Neuwied und Berlin 1969 wichtige Erkenntnisse zur Poetologie gewonnen habe.

Anwesenheitsliste; Bernhard Zeller, Hans Paeschke,
Peter Benz (Darmstadt), Dolf Sternberger, Ernst Zinn,
Ludwig Harig, Beda Allemann, Lea Ritter-Santini,
Herbert Heckmann, Eva Zeller
Hans Paeschke und Herbert Heckmann entgegnen, dies treffe alles auch auf Reinhard Baumgart zu. Lea Ritter Santini schaltet sich in die Diskussion mit dem Appell ein, man solle die genannten Frauen nicht außer acht lassen - woraufhin Dolf Sternberger anregt, sich auf Sabina Lietzmann und Erwin Chargaff zu konzentrieren, »da beide die genannten Literaturkritiker an spezifischem Gewicht bei weitem überragten«. Er sei dazu bereit, Chargaff zurückzustellen, wenn »die Jury sich darauf verständigen könne, bis zur Sitzung im nächsten Jahr Chargaffs essayistische Bücher zu lesen«.z.B. »Unbegreifliches Geheimnis: Wissenschaft als Kampf für und gegen die Natur«, Stuttgart 1980; »Bemerkungen«, Stuttgart 1981 (Aphorismen); »Kritik der Zukunft«, Stuttgart 1983 Nach einer Probeabstimmung über Chargaff, Lietzmann, Baumgart und Vormweg, in der sich kein klares Ergebnis abzeichnet, schlägt Beda Allemann vor, »zunächst nur über Chargaff abzustimmen«. Erwin Chargaff wird daraufhin mit acht Stimmen zum Merck-Preisträger 1984 gewählt.

am 30. April 1984, Seite 10

am 30. April 1984, Seite 1

am 30. April 1984, Seite 2


am 30. April 1984, Seite 1

am 30. April 1984, Seite 8

am 30. April 1984, Seite 9
Herbert Heckmann schickt am 2. Mai ein Telegramm an die New Yorker Adresse von Erwin Chargaff: »Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Alexandraweg 23, 6100 Darmstadt) hat Ihnen den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay zuerkannt. Erbitte telegrafische Antwort, ob Sie den Preis annehmen.« Chargaff, der sich auf einer Europareise befindet, reagiert verwundert aus Salzburg auf die Nachricht, die ihn über den Pressedienst des Österreichischen Rundfunks erreicht hat. Er bittet um eine klärende Nachricht an eine der von ihm genannten Adressen, unter denen er in der nächsten Zeit erreichbar sein werde. Gerhard Dette schreibt ihm daraufhin am 10. Mai nach Venedig, wo Chargaff die Nachricht nun erreicht und er umgehend mit einem Telegramm und, ausführlicher, in einem Brief antwortet und für den Preis herzlich dankt.





Am 28. Mai wendet Erwin Chargaff sich direkt an Gerhard Dette und antwortet ihm auf die Frage nach einem möglichen Laudator. Sie versetze ihn »ein wenig in Verlegenheit, denn aufgrund meines dauernden Aufenthalts in den Vereinigten Staaten bin ich mit nur sehr wenigen deutschen Schriftstellern persönlich bekannt«. Er könne nur einen Namen vorschlagen, sonst müsse er die Akademie bitten, »die Wahl selbst vorzunehmen«.
Herbert Heckmann gelingt es, Ludwig Hofacker, der an der TU München den Lehrstuhl für Theoretische Chemie innehat, als Laudator zu gewinnen. Gerhard Dette schreibt daraufhin an Hofacker und informiert ihn über den Preis und die Pläne für die Preisverleihung. Er erläutert Hofacker, dass Chargaff nicht für »seine (natur-)wissenschaftlichen Arbeiten, sondern für seine essayistischen Bücher ausgezeichnet wird. (...) In der Laudatio wäre darauf Rücksicht zu nehmen«.

Im August beginnen die detaillierten Planungen für die Preisverleihung am 12. Oktober. Das Tagungsprogramm und der Ablauf der Verleihung am Freitag nehmen genauere Konturen an und das Programmheft kann vorbereitet werden. Zugleich beginnt auch die Arbeit an den Urkundentexten für die drei Preisträger. Dolf Sternberger schickt einen ersten handschriftlichen Entwurf, der in der Folge noch etwas überabeitet wird. Am 2. Oktober kann dann der fertige Text dem Typographen Walter Wilkes übergeben werden, der für die Akademie die Urkunden herstellt.




»Ich bin wahrscheinlich das einzige Mitglied der ›National Academy of Sciences‹ in Washington, das eines deutschen Literaturpreises für würdig erachtet worden ist.«
»Unsere Zeit scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, alle Grenzen des menschlichen Wissens zu sprengen. Die Erwerbung von sogenanntem neuen Wissen wird als das hauptsächliche Ziel des Menschen proklamiert; und wo sonst kann das vor sich gehen als an den Schranken einer zur Ausbeutung bestimmten Natur? ›Forschung und Verwertung‹ sind die Parolen, denen alle entwickelten Völker gehorchen müssen. Ein bis zur repetitiven Stumpfheit verblödeter Dr. Faust scheint unsere Welt zu regieren. Wenn ein Naturforscher, des Hürdenlaufens müde, auch nur einmal stehen bleibt, um sich in der immer öder werdenden Landschaft umzusehen, wird er als Überläufer, als vom wahren und einzigen Wissenschaftsglauben abtrünnig gewordener Renegat geschmäht. Dabei hat er eigentlich nichts anderes getan als sich darüber klarzuwerden, daß ein Marathonlauf ohne ein deklariertes Ziel nur eine Form von Massenwahnsinn ist.«

© Deutsches Literaturarchiv Marbach

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