
Daniela Strigl
»Es gibt die Rezensentin Daniela Strigl, die in Wort und Schrift die Kunst der Charakteristik beherrscht, es gibt die Buchautorin Daniela Strigl, die Biographien über Marie von Ebner-Eschenbach und Marlen Haushofer verfasst hat, es gibt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, die nicht erst seit ihrer Dissertation über den Lyriker Theodor Kramer unablässig in Fachzeitschriften veröffentlicht, es gibt die Essayistin, die, wie im angelsächsischen criticism üblich, im journalistischen Tagesgeschäft ebenso zu Hause ist wie im strengen Diskurs der Philologie, es gibt die Jurorin und die Moderatorin auf Podien in Deutschland, Österreich und der Schweiz – wie ist diese unwahrscheinliche und unwahrscheinlich produktive Figur mit ihrer kaum überschaubaren Publikationsliste möglich?«
»Wer zu solch pointierter Prägnanz, solch korrodierendem Witz fähig ist, muss über eine spitze Zunge verfügen. Und klug genug sein, diese spitze Zunge nicht zur losen Zunge zu machen, sie also nur wohldosiert, nicht inflationär einzusetzen. Daniela Strigl verfügt über diese Klugheit, und ein Grund dafür ist, dass sich ihr kritisches Temperament nicht allein im Medium der Schrift herausgebildet hat. Witz und Zunge sind mit der Mündlichkeit im Bunde. Wer je mit ihr in einer Jury gesessen oder ihre Auftritte als Jurorin beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb verfolgt hat, der weiß, wie souverän Daniela Strigl die Kunst der lebendigen Rede und mündlichen Charakteristik beherrscht.«
»Wie wird man das, was man ist? Nicht unbedingt dadurch, daß man etwas oder jemand werden will. Wenn heute schon alles anders ist als sonst, dann will ich hier, beim Blick zurück aus weiter Ferne, so ungeniert wie möglich von mir selbst sprechen. Ich wollte vor allem etwas nicht werden: Juristin, wie mein Vater als Rechtsanwalt sich das gewünscht hat. Ich wollte etwas machen, das mit Lesen und Schreiben zu tun hat, aber nicht mit dem Lesen von Gesetzbüchern und dem Schreiben von Klageschriften.«

© Foto: Isolde Ohlbaum
»Die Entscheidung für die Germanistik ohne Lehramt war eine Entscheidung wider die Vernunft und für die vielbeschäftigte Beschäftigungslosigkeit. Jeder Berufsberater hätte mir abgeraten. Wie wird man das, was man ist? Nicht unbedingt durch planvolle Überlegung. Man kann auch in den Tag hineinleben und manchmal in die Nacht. Fleiß (im Sinne von Produktivität) und Bequemlichkeit müssen einander nicht ausschließen. Ich habe nicht ›die Laufbahn einer Literaturkritikerin ergriffen‹, ich habe mit dem, was ich gemacht habe, sozusagen immer weitergemacht, und gelegentlich habe ich mir einen Ruck gegeben und eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf gepackt. Der Kairos der alten Griechen, den man beizeiten bei seinen Stirnlocken fassen muß, weil es, kehrt er einem flüchtend einmal sein kahles Hinterhaupt zu, unwiderruflich zu spät ist, hat mir als Figur immer eingeleuchtet.«

beim Empfang in der Orangerie nach der Preisverleihung, 2. November 2019
© Foto: Isolde Ohlbaum
