2012: Heinz Schlaffer
Vom befreienden Spiel der Phantasie
»Heinz Schlaffer wird mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2012 ausgezeichnet. In geistvollen und beobachtungsscharfen, streitlustigen und pointierten Büchern und Essays hat er seit seiner großen Studie über Lyrik im Realismus (1966) die Verpflichtung der Germanistik gegenüber literarisch neugierigen, nicht fachkundigen Lesern auf ebenso vorbildliche Weise ernst genommen wie die Verantwortung gegenüber seinem Fach. Er hat der Germanistik, zu deren profiliertesten Vertretern er seit Jahrzehnten gehört, immer wieder überraschende Anregungen gegeben. Seine Arbeiten über das Zeitalter der Aufklärung, über das Werk Goethes, über die deutsche Dichtung von Klopstock bis Kafka praktizieren eine Literaturwissenschaft, der es um die minutiös analysierten poetischen Qualitäten sprachlicher Kunstwerke ebenso zu tun ist wie um deren gesellschaftliche Bedingungen und Wirkungsmöglichkeiten. In seinen Untersuchungen der Beziehungen zwischen Poesie und Wissen (1996 und 2005) hat er diese Literaturgeschichte kulturgeschichtlich perspektiviert; das jüngst erschienene Buch über die Geistersprache der Poesie (2012) fragt zurück nach den anthropologischen Grundlagen und rituellen Praktiken der Poesie. Als geheimes Motto könnte über Heinz Schlaffers literaturwissenschaftlicher Kunst das Diktum Oscar Wildes stehen, jede Schreibweise sei erlaubt außer der langweiligen.«
Begründung der Jury
Heinrich Detering übergibt Heinz Schlaffer die Urkunde, 27. Oktober 2012
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Aus dem Gegensatz zwischen dem stillen Dasein in der Bibliothek und den Turbulenzen auf der Straße gewinnt Gelehrsamkeit ihr eigenes Pathos«

Heinz Schlaffer

»An Heinz Schlaffer gibt es viel zu preisen, obwohl und gerade weil er dem hohen Ton sehr skeptisch gegenübersteht: seine heitere Nüchternheit und illusionsfreie Klarheit, sein trockener Witz und seine große intellektuelle Redlichkeit, seine starken Thesen und furchtlosen Interventionen, nicht zuletzt wenn es um Weichenstellungen in seinem Fach geht. Sein Stil ist eher englisch als deutsch, pragmatisch, präzise, pointiert und nie vom Rhythmus fortgetragen. Man könnte sagen, der Bauhaus-Stil in der Kritik. Die Emphase liegt bei ihm in der Sache, in fruchtbaren Hypothesen, eleganten Lösungen und schlüssigen Beweisfolgen. Selbst seine Bonmots sind lapidare Sätze, die in ihrer konzentrierten Verkürzung wie mathematische Formeln wirken.«

Ingeborg Harms in ihrer Laudatio
Dauer: 3:17 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Ingeborg Harms bei ihrer Laudatio
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Die Literatur und ihre späteste Ausformung, der Roman, haben sich überlebt. Er wird von der Reflexion geschluckt, von Wissenschaft zermürbt oder vom Film in seinem Anspruch auf Realismus überholt. ›Damit Dichtung geschrieben werden kann‹, so Heinz Schlaffer, ›braucht sie Erinnerungen an eine archaische Welt, in der die Aura der Wörter noch nicht völlig durch technische Medien zerstört worden ist; wo noch nicht die Aufklärung des Journalismus, der popularisierenden Wissenschaft und des Tauschverkehrs die letzten Reste von Glauben und Aberglauben beseitigt hat.‹ Hier schwingt die ganze Sympathie mit, die Heinz Schlaffer zum Gegenstand seiner Studien machte. Weil er sie sich vom Leibe hielt, konnte ein literaturwissenschaftliches Werk entstehen, das an Konsequenz, Subversivität und Humanität seinesgleichen sucht.«

Ingeborg Harms in ihrer Laudatio

»Es bedarf einer halbwegs sicheren Entfernung, um von einem erregenden Geschehen angezogen, aber nicht gefährdet zu werden. Der Betrachter des Schauspiels muss – Jean Pauls Wort nennt die Bedingung – ›unversehrt‹ bleiben. Er muss sogar wie der Zuschauer im Theater oder der Leser eines Romans außerstande sein, in das dargestellte Ereignis einzugreifen. Nur dann, wenn sie nicht unmittelbar bedroht sind, dürfen sich Zuschauer und Leser von dem schrecklich-schönen, imaginären Bild der Vernichtung faszinieren lassen. ...

Heinz Schlaffer in seiner Dankrede
»Der Widerschein der Wirklichkeit«
Dauer: 7:00 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinz Schlaffer bei seiner Dankrede
»Der Widerschein der Wirklichkeit«
© Foto: Isolde Ohlbaum

... Dies gilt für den Umgang mit Kunst allgemein: Bereitwilliger als im wirklichen Leben spenden Zuschauer und Leser dem fiktiven Leid der Figuren auf der Bühne oder im Buch Sympathie und Tränen, weil hier die Verpflichtung entfällt, den Bedrängten mit Trost, Geld und Opfer an Zeit zu helfen. Im Leben hingegen dämpft die Einschätzung, welche Folgen es hätte, das Mitleid mit unserem Nächsten. (Als Handelnde sind wir selten edel, als Zuschauer von erfundenen Handlungen sind wir es immer.) Doch würde die risikoarme Teilnahme an einem risiko­reichen Vorgang die Teilnehmer nicht faszinieren, wenn sie die – glücklicher­weise auf Distanz gehaltene – Gefahr nicht selbst kennten.«

Heinz Schlaffer in seiner Dankrede
Heinz Schlaffer, Heinrich Detering und Felicitas Hoppe (Büchner-Preis)
nach der Preisverleihung am 27. Oktober 2012
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Der Genuss des Kunst- und Naturschönen ist eine jederzeit widerrufbare Ausnahmegenehmigung; auf sie lässt sich keine Metaphysik, kein Weltbild, keine Lebensregel gründen.«

Heinz Schlaffer
Heinz Schlaffer (Stuttgart)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum