
Vom befreienden Spiel der Phantasie
© Foto: Isolde Ohlbaum
»Aus dem Gegensatz zwischen dem stillen Dasein in der Bibliothek und den Turbulenzen auf der Straße gewinnt Gelehrsamkeit ihr eigenes Pathos«
»An Heinz Schlaffer gibt es viel zu preisen, obwohl und gerade weil er dem hohen Ton sehr skeptisch gegenübersteht: seine heitere Nüchternheit und illusionsfreie Klarheit, sein trockener Witz und seine große intellektuelle Redlichkeit, seine starken Thesen und furchtlosen Interventionen, nicht zuletzt wenn es um Weichenstellungen in seinem Fach geht. Sein Stil ist eher englisch als deutsch, pragmatisch, präzise, pointiert und nie vom Rhythmus fortgetragen. Man könnte sagen, der Bauhaus-Stil in der Kritik. Die Emphase liegt bei ihm in der Sache, in fruchtbaren Hypothesen, eleganten Lösungen und schlüssigen Beweisfolgen. Selbst seine Bonmots sind lapidare Sätze, die in ihrer konzentrierten Verkürzung wie mathematische Formeln wirken.«
»Die Literatur und ihre späteste Ausformung, der Roman, haben sich überlebt. Er wird von der Reflexion geschluckt, von Wissenschaft zermürbt oder vom Film in seinem Anspruch auf Realismus überholt. ›Damit Dichtung geschrieben werden kann‹, so Heinz Schlaffer, ›braucht sie Erinnerungen an eine archaische Welt, in der die Aura der Wörter noch nicht völlig durch technische Medien zerstört worden ist; wo noch nicht die Aufklärung des Journalismus, der popularisierenden Wissenschaft und des Tauschverkehrs die letzten Reste von Glauben und Aberglauben beseitigt hat.‹ Hier schwingt die ganze Sympathie mit, die Heinz Schlaffer zum Gegenstand seiner Studien machte. Weil er sie sich vom Leibe hielt, konnte ein literaturwissenschaftliches Werk entstehen, das an Konsequenz, Subversivität und Humanität seinesgleichen sucht.«
»Es bedarf einer halbwegs sicheren Entfernung, um von einem erregenden Geschehen angezogen, aber nicht gefährdet zu werden. Der Betrachter des Schauspiels muss – Jean Pauls Wort nennt die Bedingung – ›unversehrt‹ bleiben. Er muss sogar wie der Zuschauer im Theater oder der Leser eines Romans außerstande sein, in das dargestellte Ereignis einzugreifen. Nur dann, wenn sie nicht unmittelbar bedroht sind, dürfen sich Zuschauer und Leser von dem schrecklich-schönen, imaginären Bild der Vernichtung faszinieren lassen. ...
... Dies gilt für den Umgang mit Kunst allgemein: Bereitwilliger als im wirklichen Leben spenden Zuschauer und Leser dem fiktiven Leid der Figuren auf der Bühne oder im Buch Sympathie und Tränen, weil hier die Verpflichtung entfällt, den Bedrängten mit Trost, Geld und Opfer an Zeit zu helfen. Im Leben hingegen dämpft die Einschätzung, welche Folgen es hätte, das Mitleid mit unserem Nächsten. (Als Handelnde sind wir selten edel, als Zuschauer von erfundenen Handlungen sind wir es immer.) Doch würde die risikoarme Teilnahme an einem risikoreichen Vorgang die Teilnehmer nicht faszinieren, wenn sie die – glücklicherweise auf Distanz gehaltene – Gefahr nicht selbst kennten.«

nach der Preisverleihung am 27. Oktober 2012
© Foto: Isolde Ohlbaum
»Der Genuss des Kunst- und Naturschönen ist eine jederzeit widerrufbare Ausnahmegenehmigung; auf sie lässt sich keine Metaphysik, kein Weltbild, keine Lebensregel gründen.«

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum

