
Ilma Rakusa
»Daheim im Dazwischen«
»Das vielsprachige Kontinuum; Kiš und Zwetajewa; die zerrissene mitteleuropäische Heimat, die Treue und Kontinuität, das Gespür für die Stimmungslagen, die historischen Wunden, die poetischen Kontexte. All das hat heute kein großes Publikum mehr. Die Verbliebenen gleichen einer verschworenen Gemeinschaft. ›Literatur‹ hat Ilma Rakusa einmal geschrieben, ›leistet das Paradox, glücklich zu machen, auch wenn sie von Unglück spricht‹. Daran hat sich nichts geändert.«
»Welche Wahrnehmungsintensität, welche Zugewandtheit zu anderen Menschen, welche Anteilnahme an den Weltereignissen eine durch unentwegtes Lesen und Schreiben geformte Existenz überhaupt erst hervorbringt – dafür ist Ilma Rakusa das lebendige Beispiel.«

»Ilma Rakusa überschreitet in ihrem weit ausgreifenden Werk souverän Sprach- und Kulturgrenzen. Als hochsensible Essayistin und Rezensentin, Übersetzerin und Herausgeberin erschließt sie seit Jahrzehnten mannigfaltige literarische Landschaften, vor allem, aber nicht nur der süd-, mittel- und osteuropäischen Literatur. Die Akademie ehrt in ihr eine leidenschaftliche Vermittlerin zwischen Kulturräumen und Generationen, eine Brückenbauerin von der klassischen Moderne und Postmoderne in die europäische Gegenwart hinein.«

Foto: © Andreas Reeg
»Literatur kann keine Kriege verhindern, auch nicht beenden. Da sind ihr die Hände gebunden. Aber sie ist ein Medium unablässiger Suche: der Wirklichkeit mit ihren vielfältigen Facetten und Ambivalenzen auf die Spur zu kommen, ihre Möglichkeiten bis ins Visionäre auszuloten, die Wahrnehmung zu schärfen, die Sprache zu sensibilisieren (mithin vor Phrasenhaftigkeit und ideologischer Vereinnahmung zu schützen), Empathie zu wecken, schmerzliche Ereignisse ‒ erinnernd ‒ vor dem Vergessen zu bewahren, Zeugnis abzulegen. Die Liste liesse sich verlängern. (...) Noch einmal: Literatur kann keine Kriege verhindern, auch nicht beenden, so sehr wir uns dies gerade heute wünschten. Aber sie kann ihnen etwas entgegensetzen.«
»... ich kann nicht anders, als mich für die Literaturen Mittel-, Ost- und Südosteuropas einzusetzen und zur Lektüre von Werken aufzufordern, die mit existentieller Dringlichkeit den Zusammenprall von Geschichte und Gegenwart, von Gewalt und Menschlichkeit vorführen ‒ auf künstlerisch höchstem Niveau.«

© Foto: Andreas Reeg
»Sprache also. Ihre Ausfaltungen und Rhythmen, ihre Wort- und Klangspiele, ihre Metaphern und Hyperbeln. Wie gross sind ihr Ausdrucksreichtum und Differenzierungsvermögen, wie viele emotionale Register weiss sie zu bedienen. Und immer neu, und immer anders, je nach der sie lenkenden Hand. Dass diese Hand eine algorithmische sein könnte, steht heute, da die Künstliche Intelligenz sich rasant entwickelt, im Bereich des Möglichen. Aber auch des Wünschenswerten? Ich rede hier von künstlerischen Prozessen, bei denen Handwerk, Erfindung, Musikalität einen Personalstil ergeben, gesteuert von einem subjektiven Bewusstsein, das auch ethischen Gesetzen verpflichtet ist. Auf diese spezifische Kombination kommt es an. Über diese Kombination verfügen aber nur Menschen, nicht Maschinen, mögen letztere in Sachen Komplexität auch immer perfekter werden.«

© Foto: Andreas Reeg