2000:
Silvia Bovenschen
»von den Rändern her«

Am 21. Januar bestimmt das Erweiterte Präsidium in seiner Sitzung die Kandidatinnen und Kandidaten, die in diesem Jahr in die engere Auswahl kommen werden. Es sind Silvia Bovenschen, Friedrich Dieckmann, Günter Metken, Rolf Michaelis und Jan Roß. Außerdem hält das Protokoll noch eine Backlist fest, auf die sich die Runde verständigt hat: Andrea Koehler, Volker Klotz, Norbert Wehr, Jörg Lau, Wolfram Schütte sowie Thomas Macho.
Die Protokolle der Sitzungen, und damit auch die Aufzeichnungen der entscheidenden Beratungen über die Preise der Akademie, fassen inzwischen nur noch äußerst knapp die Ergebnisse zusammen. Die im Januar verabschiedeten beiden Listen ermöglichen jedoch einen wenigstens oberflächlichen Einblick, wer damals im Gespräch war und welche Unterstützung einzelne Kandidatinnen und Kandidaten in dem Jahr gefunden haben. Das Protokoll der Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 30. März 2000 wiederholt dann nur noch die Namen auf der Shortlist und hält fest: »Nach eingehender Diskussion wird über die Kandidaten abgestimmt. Silvia Bovenschen wird einstimmig zur Trägerin des Johann-Heinrich-Merck-Preises gewählt. Das Präsidium schlägt Klaus Reichert als Laudator vor.«

Harald Hartung, Uwe Pörksen, Peter von Matt, Lea Ritter-Santini, Ilma Rakusa,
Peter Hamm, Herman Dieter Betz (Hessen), Klaus Reichert, Christian Meier
Klaus Reichert hatte Silvia Bovenschen bereits vor zwei Jahren in der Sitzung am 18. Mai 1998 als »brillante Schreiberin« gewürdigt. Er wird nun die Laudatio bei der Preisverleihung am 28. Oktober halten. Gerhard Dette überträgt ihm auch die Aufgabe, einen Urkundentext zu entwerfen. Die endgültige Fassung entsteht dann in einem Hin und Her zwischen Klaus Reichert, Gerhard Dette und Christian Meier.



Anlage zum Fax von 9. Oktober 2000

an Christian Meier, 17. Oktober 2000

Anschreiben zu seinem überarbeiteten Entwurf

mit dem überarbeiteten Entwurf (2. Fassung)

mit Klaus Reichert abgeschriebene "2. Fassung"

»Silvia Bovenschen hat über die Freundschaft geschrieben, als das noch nicht Mode war. Sie hat die Mode und den Luxus als Themen entdeckt und die wenigen vergessenen Denker, wie Werner Sombart, die unvoreingenommen genug waren, sich solchen nicht akademisch approbierten Bereichen zu widmen. Mit ihrem vielgelesenen Buch über die Imaginierte Weiblichkeit hat sie dem Feminismus in Deutschland den Boden mitbereitet, mit wenig mehr Methode zur Hand, als sie der damals ebenfalls vergessene, heute Mode gewordene Georg Simmel geliefert hatte.
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Als der Feminismus in ideologischen Gewißheiten zu erstarren begann, hat Silvia Bovenschen auf Differenzierungen bestanden, den kleinen Unterschieden, vergleichbar ihren großen essayistischen Kolleginnen Virginia Woolf und Simone de Beauvoir. Die entschlossene Liebe zum Fremden hat sie aufgespießt – Multikult oder wo die Barbarei beginnt – und in Beziehung gesetzt zur Verharmlosung des Elends vor der Tür, das sich rächen und in Haß und Ressentiment umschlagen kann: sie stellt also das Sonntagsgerede über die Pflicht zum schlechten Gewissen auf den Kopf: warum soll man jemanden nicht mögen dürfen? In der ihr eigenen Art zieht sie das Fragen dem Antworten vor.«

bei der Preisverleihung am 28. Oktober 2000
© Foto: Jürgen Bauer
»In ihrem jüngsten Buch – es heißt Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie − entwirft sie das Panorama eines Phänomens, das wir alle kennen und das doch bisher unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle ernsthafter Beobachtung lag. Es geht um die plötzlichen, kleinsten Irritationen, die bis zu physischem Schmerz oder Ekel führen mögen. (...) Silvia Bovenschen hat hier etwas aufgespürt, aufgescheucht, das an den Rändern angesiedelt zu sein schien, aber unter ihrem Blick auf einmal eine Gestalt annimmt, die unsere Befindlichkeiten überhaupt regiert, von den Verstörungen und Zwängen bis zu den Urteilen und Entscheidungen.«
»Nichts läßt uns so alt aussehen, wie die willentliche Nichtachtung der gewaltigen biotechnologischen Umbrüche, während sie längst schon unser Dasein überwölben. Es wäre interessant, lange genug zu leben, um noch zu sehen, was diese Irritation mit unseren Texten macht. Welche Auswirkungen wird all das auf die Erzählungen der Wissenschaft, der Kunst und der Essayistik haben? Wird es diese Sortierungen weiterhin in der gewohnten Weise geben? Vorläufig aber ist der Essay fein raus. Mir war immer der Gedanke lieb, daß er eine Sache der Vorläufigkeit ist.
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Und zwar im doppelten Sinn, in dem, daß er sich forsch vorauslaufend spielerisch einmischt ins Ungewisse, in Angelegenheiten, die noch nicht so recht ausgemacht sind, aber auch in dem Verständnis, daß er sich, auf Deckung bedacht, im Vorläufigen bewegt, das heißt, die Wahrheits- und Geltungsansprüche von Kunst und Wissenschaft gar nicht erst für sich bemüht.«


Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum