2004:
Anita Albus


»Gegensinn«

© Foto: Isolde Ohlbaum

»Konservative Kulturkritik pflegt den Materialismus unserer Gegenwart zu beklagen, während wir uns doch eigentlich vorwerfen müßten, die Materien viel zu wenig zu lieben, zu feiern und zu verherrlichen. Lesen wir also Anita Albus’ Plädoyer für das Verlorene, das jeder einzelne, wenigstens in einem Akt hingegebener und neugieriger Betrachtung wieder zu sich zurückholen kann.«*Martin Mosebach in seiner Laudatio auf Anita Albus »Das tatsächliche Eigenwesen der Farben«

»Die Essayistin Anita Albus wird heute geehrt, nicht die Erzählerin und nicht die Malerin. Aber es wäre wohl allzu pedantisch, wenn man die Malerei, so wie sie sie betreibt, von ihrem Schreiben trennen wollte. Es geht in den Prosa- wie in den Temperastudien in hohem Maße um Erkenntnis. Goethes Satz: ›Was ich nicht gezeichnet habe, habe ich nicht gesehen‹ könnte auch über den Blättern und kleinen Tafeln der Anita Albus stehen.«

Martin Mosebach in seiner Laudatio »Das tatsächliche Eigenwesen der Farben«
Martin Mosebach geht auf die Bühne des Staatstheaters
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2004

Anita Albus

der Essayistin, Künstlerin und Kritikerin, die so viele Wunderkammern von Natur und Kunst erforscht hat, die bei ihren Berichten die Präzision der Poesie und die Phantasie der Naturwissenschaft vereint und die ihre erstaunlichen Funde in reicher und genauer Sprache mitteilt.«

Urkundentext
Anita Albus und Klaus Reichert bei der Übergabe der Urkunde
am 23. Oktober 2004
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Bezüge sind das Leben, lehrt uns der Dichter, der sich in einem Ginkgoblatt erkannte. Sich auf ihn zu besinnen hat nichts mit Nostalgie zu tun. Als Meisterin der Wandelbarkeit und der Beharrlichkeit ist die Natur noch immer die beste Schule der Künste. Was die Regeln der Entfaltung eines Werkes angeht, haben diese ihre Gültigkeit für die großen wie die kleinen. Kein Moos will Palme sein. Es kann sich im vollen Sonnenlicht, in dem diese gedeiht, nicht einmal an ihren schöngeschuppten Stamm anklammern. ›Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen‹, lautet das Motto des Dritten Teils von Dichtung und Wahrheit. So ist auch dafür gesorgt, daß das Moos auf der Erde bleibt und nur im Schatten großer Bäume gedeiht.«

Anita Albus in ihrer Dankrede »Natur - die beste Schule der Künste«
Anita Albus in ihrer Dankrede
Dauer: 2:52 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Anita Albus bei ihrer Rede
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Vom Dinglichen gelöst ist das Imaginative das Unwirkliche schlechthin, und dieses ist ein Prädikat der Hölle. Das Unwirkliche verwirklichen heißt nach Jean Paul den Äther mit dem Äther in den Äther malen. Die Forderung, die Goethe als »die vornehmste« an den Künstler stellt, »bleibt immer die: daß er sich an die Natur halten, sie studiren, sie nachbilden, etwas, das ihren Erscheinungen ähnlich ist, hervorbringen solle«. Nach der gleichen Gesetzmäßigkeit, mit der eine Pflanze ihr Blattwerk ausbildet, soll sich das Kunstwerk von innen entfalten, der Dichter sich seinem Gegenstand anverwandeln.«

Anita Albus in ihrer Dankrede

»Anita Albus sucht in ihrer Analyse von Blatt und Stengel – jetzt neuerdings auch wieder von Feder und Schnabel – den Punkt, in dem die Beseelung und eine geradezu abstrakt werdende Zeichenhaftigkeit im Gegenstand zusammenfallen. Man kann sich bei Betrachtung dieser Studien, die sich in aller Eindringlichkeit mit der realen Erscheinung befassen, die Epoche der Menschheitsgeschichte vorstellen, in der aus den Bildern von Pflanzen und Tieren die Schriftzeichen wurden – in dieser Hinsicht gleicht Anita Albus beinahe jenen frühen Chinesen, für die das Malen und das Schreiben ein und derselbe Vorgang war.«

Martin Mosebach in seiner Laudatio »Das tatsächliche Eigenwesen der Farben«
Anita Albus: Raupe des Isabellaspinners auf Kiefernzweig, 2014,
Leihgabe Anita Albus, in der Ausstellung »Geistesgegenwärtig.
Johann-Heinrich-Merck-Preis und Sigmund-Freud-Preis 1964-2014:
Szenen einer deutschen Kulturgeschichte«
Anita Albus (München)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum