1964:
Günter Blöcker erhält den ersten Merck-Preis

© Foto: Erika Loos
Am 25. Mai 1964 kommt das Präsidium der Akademie im Ernst-Ludwig-Haus in Darmstadt zusammen, vor allem um über die Kandidaten für den Büchner-Preis und über die »neuen Preise« zu sprechen, die im Herbst zum ersten Mal vergeben werden sollen. Unter dem Punkt 2 der Tagesordnung berät die Runde zunächst länger über die Gewichtung der neuen Preise im Verhältnis zum Büchner-Preis. Dieser solle, so das Ergebnis, der große Preis der Akademie bleiben und sich damit von den neuen »zwei oder drei kleineren Preisen« deutlich unterscheiden.
Der Präsident Hanns W. Eppelsheimer schlägt den versammelten Präsidiumsmitgliedern »für den Merck Preis Günter Blöcker vor, für den Freud-Preis Hugo Friedrich«. Da, so hält es das Protokoll fest, »über die Preisträger keine Einstimmigkeit erzielt werden kann«, werden »die Namen der Preisträger (…) bei der nächsten Sitzung des Präsidiums am 15. Juni 1964 festgelegt«. Offenbar wurden bei dieser nächsten Sitzung im Juni, von der keine Aufzeichnung existiert, diese beiden vorgeschlagenen Kandidaten bestätigt. Am 12. August schreibt Hanns W. Eppelsheimer daraufhin an Günter Blöcker: »es ist mir eine Freude, Ihnen im Namen des Präsidiums unserer Akademie den Johann Heinrich Merck-Preis für Kritik anzutragen, den wir in diesem Herbst in Darmstadt zum ersten Mal verleihen«.

Günter Blöcker antwortet am 19. August: »Ich bin sehr bewegt über die Auszeichnung, die Sie mir zugedacht haben, und nehme sie mit Vergnügen an. Eine besondere Genugtuung ist es mir, mich in so ehrenvoller Nachbarschaft zu befinden.« Allerdings habe er sich für einige Monate nach Mallorca zurückgezogen, um an einem neuen Buch zu arbeiten. Er werde daher nicht im Oktober nach Darmstadt kommen können. »Ich bitte das zu verstehen.« Blöckers Brief erreicht die Akademie offenbar zunächst nicht, denn am 11. September fragt der Generalsekretär Ernst Johann bei ihm – nun unter der Adresse auf Mallorca – nach, woraus sich ein kleiner Briefwechsel zwischen Johann, Blöcker und schließlich auch Eppelsheimer entwickelt.


mit Informationen zum Ablauf der Tagung und der Verleihung





4. Oktober 1964, Abschrift


Eppelsheimer schreibt schließlich am 4. Oktober noch einmal an Blöcker. Er könne durchaus verstehen, dass Blöcker seinen Arbeitsaufenthalt nicht unterbrechen und zur Preisverleihung nach Darmstadt kommen wolle. Er habe auch gar nicht damit gerechnet, dass alle Preisträger »vollzählig da sein können«. Und Eppelsheimer schließt: »Lassen Sie mich Ihnen noch einmal sagen, daß ich mich sehr freue, Sie an der Spitze unseres Kritikerpreises zu haben, mit guten Gründen, - und über Ihre Absicht, gelegentlich einmal bei uns zu sprechen.«
Bei der Preisverleihung am 17. Oktober nimmt, auf Wunsch des Preisträgers, der Verleger des Leibniz-Verlags Heinrich Leippe die Urkunde entgegen. Der Urkundentext würdigt Günter Blöcker »für seine Essay-Sammlung Die neuen Wirklichkeiten darin er, gleich sicherer Kenner und Kritiker, aus unserer literarischen Gegenwart die Brücke zur europäischen Weltliteratur schlägt«.Günter Blöcker: »Die neuen Wirklichkeiten. Linien und Profile der modernen Literatur«, Berlin (Argon Verlag) 1957.
Am 16. Dezember tritt das engere Präsidium erneut zusammen, die Sitzung beginnt mit einem Rückblick auf die Herbsttagung. Das »Presse-Echo« sei »diesmal besonders gut« gewesen, was wohl auch auf die mit dem Büchner-Preis an Ingeborg Bachmann und die »neuen Preise« errungene Aufmerksamkeit zurückgeführt werden könne. Weniger geglückt sei der Vortrag mit Diskussion verlaufen. Die Akademie müsse sich »künftig in Diskussionen ›üben‹«.

Das Präsidium beginnt daher sofort mit den Planungen für das Programm der nächsten Frühjahrstagung. Am Vormittag des 23. April 1965 soll die Tagung mit einer öffentlichen Veranstaltung zur »Literaturpolitik der Akademie« eröffnet werden, am Nachmittag »soll ein Referat folgen. Dazu soll in erster Linie Günter Blöcker aufgefordert werden. Geht das nicht, soll Professor Hans Mayer um ein Referat gebeten werden.« Damit ist neben Günter Blöcker, dem Merck-Preisträger des Jahres 1964, auch Hans Mayer bereits genannt, der als Kandidat für den Merck-Preis 1965 bald in diesem Gremium diskutiert werden wird. Zunächst aber will Hanns W. Eppelsheimer an die bereits existierende Verabredung mit Günter Blöcker anknüpfen, »gelegentlich einmal bei uns zu sprechen«. Dieser Plan geht auf, das in der Mitgliederversammlung gerade frisch gewählte Akademiemitglied Günter Blöcker hält am 23. April in einer »öffentlichen Arbeitssitzung« seinen »Vortrag ›Zur Situation der literarischen Kritik‹, an welchen sich eine öffentliche Diskussion« anschließt.


Mitgliederversammlung bei der Frühjahrstagung 1965



Nach dem Krieg dann die Verwirklichung des ursprünglichen Berufsziels. Ich schrieb zunächst für den Berliner Tagesspiegel, beginnend mit einem Aufsatz über den amerikanischen Dramatiker Clifford Odets, dessen sozialkritisches Schauspiel »Awake and Sing« ich mitübersetzt hatte. Es folgten Fingerübungen in nahezu allen Bereichen des Feuilletons: Glossen, Polemiken, Buchrezensionen, Autorenporträts, Gedenkaufsätze, Nachrufe, Reiseimpressionen, Theaterkritiken. Manches davon unter Pseudonym, da Erik Regers Verlegerstolz es nicht zuließ, daß ein Name (noch dazu ein wenig bekannter) womöglich mehrfach in ein und derselben Nummer auftauchte. Innerhalb der breiten thematischen Fächerung erwiesen sich Buchrezension und Literaturkritik mehr und mehr als Schwerpunkte. Andere Blätter begannen Interesse zu zeigen; und so wurde ich im Laufe der Jahre literarischer Mitarbeiter zunächst der Süddeutschen Zeitung, dann der Frankfurter Allgemeinen, des Merkur und etlicher Rundfunksender.
Gab es Selbstzweifel? Schließlich fehlte mir das traditionelle philologische Rüstzeug. Ich hatte nie eine Universität besucht, war nicht akademisch abgesegnet. Wenn es Bedenken gab, so wurden sie zerstreut. Ich vertraute meinem literarischen Qualitätsgefühl, verließ mich auf meine kritische (auch selbstkritische) Sensibilität, und ich hatte das Glück, Gönner und Förderer zu finden, die mich ermutigten und bestätigten, unter ihnen Max Rychner und Friedrich Sieburg. Zwei Sätze Max Rychners aus seinen Briefen an mich haben für mich leitsternhafte Bedeutung gewonnen. »Musikalischen oder malerischen Sinn gesteht man bei uns ganz gern jemandem zu, nicht aber literarischen. Und doch gibt es das auf so ›gottunmittelbare‹ Weise wie das andere.« Und: »Was auch nur wenige einsehen: daß der Kritiker zunächst ein Schriftsteller ist, ein Mensch der Ausdruckslust, ein Spracherotiker – wer bringt das den Leuten bei?«
Ein weiterer, längst verstummter Lehrmeister wurde für mich Moritz Heimann, dessen dreibändige Schriften (1918 bei S. Fischer erschienen) ich schon als älterer Schüler antiquarisch erworben hatte und die, wassergeschädigt durch Krieg und zahlreiche Umzüge, noch heute einen bevorzugten Platz in meiner Bibliothek einnehmen. Moritz Heimann bestand auf der vollen Souveränität der Kritik. Kritik sei weder Kunst noch Wissenschaft, obwohl sie Züge von beiden habe; sie sei »ein Ding für sich, aus eignem Quell mit eigner Macht«. Mehr als nur Ordnerin und Begleiterin, nehme sie ihren »eignen Flug«, folge sie ihrer »besonderen Genialität«. Das sind große Worte, zu große vielleicht, wenn man auf die Praxis blickt. Aber auch sie waren mir wichtig und haben, wie utopisch sie immer sein mögen, ihren Platz in meinem Bewußtsein.