1996:
Ulrich Weinzierl
»Beruf: Feuilletonist«

© Foto: Barbara Aumüller
Im Erweiterten Präsidium stehen am 13. April 1996 neun Verschläge für den Merck-Preis zur Diskussion. Das Gespräch konzentriert sich jedoch zunächst auf Ulrich Weinzierl, der von Iso Camartin (»einer der witzigsten Kritiker und ein guter Journalist«) und Eckhard Heftrich (der Weinrichs Rezensionen »immer mit größtem Vergnügen« liest) entschieden befürwortet wird. Elisabeth Borchers schließt sich dem Plädoyer an. Norbert Miller, der Weinzierl vorgeschlagen hatte, ergänzt, er halte ihn für einen idealen Kandidaten. Ivan Nagel wendet daraufhin gegen Weinzierl ein, seine Bücher seien »mittelmäßig«, die Kritiken jedoch »gut«, er sei jedoch für Karl Mickel, dessen Texte den Leser zum Nachdenken anregten. Die weitere Diskussion konzentriert sich auf Weinzierl und Mickel, auch wenn Friedrich Dieckmann und Volker Klotz ebenso ihre Fürsprecher finden. Zwischen diesen vier Kandidaten findet dann eine erste Abstimmung statt, aus ihr gehen Weinzierl und Dieckmann als Favoriten hervor. Zwischen ihnen fällt dann die Entscheidung: Ulrich Weinzierl erhält sechs Stimmen und Friedrich Dieckmann eine.

Elisabeth Borchers, Iso Camartin, Herbert Heckmann, Eckhard Heftrich,
Norbert Miller, Ivan Nagel, Hans Wollschläger, Peter Benz (Darmstadt)

mit den während der Sitzung am 13. April entstandenen Notizen

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 6

Protokoll, Seite 7
Herbert Heckmann benachrichtigt Ulrich Weinzierl direkt nach der Sitzung, auch Gerhard Dette schickt ihm seinen Brief mit den ausführlichen Informationen. Am 23. April antwortet ihm Ulrich Weinzierl, er dankt und beantwortet auch gleich die Frage nach einem von ihm gewünschten Laudator. Er nennt Eckhard Heftrich. Dette notiert nun auf dem Brief den Namen Sigrid Löffler, eine Überlegung, die offenbar in Gesprächen zwischen ihm und dem Präsidenten Herbert Heckmann aufgekommen ist. Dette schlägt dies am 3. Mai in einem knappen Brief dem Preisträger vor. Weinzierl ruft direkt nachdem er den Brief erhalten hat an - er reagiert ablehnend und erkundigt sich »mit einigem Nachdruck« nach »der Möglichkeit, Eckhard Heftrich um die Laudatio zu bitten«, er »würde sich aber auch über Norbert Miller oder Iso Camartin (die er freilich persönlich kaum kennt) freuen«Gerhard Dette nach einem Anruf von Ulrich Weinzierl am 6. Mai 1996, Telefonnotiz . Am 9. Mai kann Dette ihm mitteilen, dass Eckhard Heftrich für die Laudatio zugesagt hat. Heftrich wird dann auch von Dette gebeten, einen Text für die Urkunde zu entwerfen.






»Seine tägliche Brotarbeit, seien es Rezensionen, Berichte über Festspiele, Colloquia, Literatur-Marathons und, vor allem und gerne, über Austriaca von der Art des Thomas Bernhard-Syndroms, kurz, seine journalistischen Pflichtübungen bieten Weinzierl stets Gelegenheit, sich für die doppelte Plage der Leselast bzw. des Zuhörenmüssens und des sofortigen reaktiven Schreibens durch die Lust an der Formulierung zu entschädigen. Einmal in Schwung, zügelt er dann auch seine Neigung zum Sarkasmus nicht.«
»Mit Fug und Recht erwarten Sie von jemandem, den Sie – wie unverdient dies auch sein mag – für etwas auszeichnen, daß er eben darauf irgendwie Bezug nehme. Schwer zu leugnen, Kritik hat am Rande mit mir zu tun und umgekehrt. Rein ökonomisch betrachtet, lebe ich vom Schreiben über Kunstdinge und Menschen aus dem Kunstbezirk. Der Vorteil gegenüber politischer Publizistik springt ins Auge: Kunstfiguren verlangen keine Gegendarstellungen. Bei eklatantem Unverständnis kehren sie uns – in Büchermanier – den Rücken zu. Anno dazumal hatten Musikliebhaber den Satz aus Verdis Othello im Ohr: »Ich bin nur ein Kritiker«. Bezeichnend und niederschmetternd, wer das singt: Jago ist’s, der Schurke, der Intrigant, der Seelenmörder aus Neid. Nicht zuletzt deshalb bevorzuge ich einen noch antiquierteren Begriff. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Beruf: Feuilletonist. Zweifellos ein aussterbendes Gewerbe, und so erfüllt sich jenes Schicksal, das ihm Karl Kraus immer schon gewünscht hat.«
»Mir fehlt bereits seit längerem der Glaube ans Objektive, freimütig eingestandene Subjektivität scheint mir der realistischere Zugang zu halbwegs angemessener Berichterstattung.«

beim Empfang nach der Preisverleihung
© Foto: Barbara Aumüller

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum

