2021: Franz Schuh
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2021
Franz Schuh
Aus der Tradition der Wiener Moderne kommend, entfalten seine sprachlich und stilistisch virtuosen Texte einen Denkprozess, der alle Dimensionen des Lebens einschließt, das Körperliche und Philosophische, das Private und Öffentliche, die hohe und populäre Kunst, das Tragische und Komische der menschlichen Existenz. In Franz Schuhs Essays erscheint das Denken als poetische Haltung, als ästhetisches Ereignis, nie dogmatisch und stets getragen von fundamentaler Menschenfreundlichkeit.
Urkundentext
Ernst Osterkamp verliest den Text der Preisurkunde für Franz Schuh
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Er hat sich nie vom Betrieb ausgeschlos­sen, nie aus ihm herausgenommen. Er hat sich aber nie diesem Betrieb angedient. Er hat das Kunststück geschafft, das wenige schaffen, er hat sich im Betrieb exzentrisch verhalten, als Außenseiter am Rand dieses Betriebs. Weil es ihm als einem der ganz wenigen gelang, sich nicht korrumpieren zu lassen. Das machte ihn für Laufbahnen unbrauchbar, für Positionen kam er als politisch unzuverlässig nie in Frage, und das wiederum erschwerte den Lebens­unterhalt. (...) die Gesellschaft dieses Landes ist unfähig, von sich aus die Verdienste eines Menschen anzuerkennen. Sie erkennt nur, was ihr sich ihr aufdrängt, was ihr aufgedrängt wird. Durch Freunderlwesen, durch Haberertum, wie man das Gekungel bei uns nennt, neudeutsch sagt man Netzwerken, eine Fähigkeit, auf die kein heute erfolgreicher Mensch verzichten mag. Schuh hingegen hört dem Netzwerk weniger die Möglich­keit ab, damit fortzukommen, als die Gefahr, sich darin zu verstricken. Er ist der Antinetzwerker. Er ist, wenn überhaupt, ein Netzdurchlöcherer.«

Aus der Laudatio auf Franz Schuh
Aus der Laudatio von Armin Thurnher
»Franz Schuh in 12 Minuten«
Dauer: 2:37 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Armin Thurnher bei seiner Laudatio
© Foto: Andreas Reeg

»Für mich sind diese schönen Inszenierungen der Dauerkatastrophe nicht nur Selbsttäuschung und Verlogenheit, sondern auch eine unweigerliche Folge der Zwiespältigkeit der Moderne: Einerseits herrscht Fleiß und Industrie, anderseits Hoffnungslosigkeit, Leere und Fukushima, das man bald vergessen und vielleicht für eine interessante Art von Sushi oder Shashimi halten wird.«

Franz Schuh in seiner Dankrede
»Keine Resignation einerseits, keine Illusion anderseits.«
»Mit seinem stilistisch und sprachlich virtuosen Werk, das nahezu alle Gattungen, vor allem jedoch die Kunst des Essays umfasst, nimmt Franz Schuh eine solitäre Position im deutschsprachigen literarischen Leben ein. Aus der Tradition der Wiener Moderne kommend, gelingt es ihm, in jedem seiner Essays einen hochartifiziellen Denkprozess zu entfalten, der alle Dimensionen des Lebens einschließt, das Körperliche und Philosophische, das Private und Öffentliche, Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Tod, die hohe und populäre Kunst, das Tragische und Komische der menschlichen Existenz. In den Texten von Franz Schuh erscheint das Denken als poetische Haltung, als ästhetisches Ereignis. Es bewegt sich in den Fahrwassern europäischer philosophischer Diskurse, ist nie dogmatisch, sondern stets pointiert, persönlich, scharfsinnig, von sprachlicher Eleganz, und getragen von fundamentaler Menschenfreundlichkeit.«
Begründung der Jury
Aus der Dankrede von Franz Schuh
»Hegel im November«
Dauer: 6:37 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Franz Schuh bei seiner Dankrede am 6. November 2021
© Foto: Isolde Ohlbaum