1971:
Peter Huchel
- nicht Büchner,
aber Merck

Peter Huchel bei der Preisverleihung am 23. Oktober 1971
© Foto: Pit Ludwig

Für die Sitzung es Erweiterten Präsidiums am 7. Juni 1971 legt Ernst Johann wieder einen »Erinnerungszettel« vor, auf dem die Namen der im vergangenen Jahr diskutierten Kandidatinnen und Kandidaten zusammengestellt sind. Für den Merck-Preis finden sich darauf fünf Namen: Hans Paeschke, Walter Höllerer, K. H. Deschner, Dieter Wellershoff, Hans Bender. Peter Huchel ist nicht darunter, auch unter den vielen Namen, die für den Büchner-Preis genannt sind, taucht er nicht auf.

Erinnerungszettel für die Sitzung am 7. Juni 1971
mit den im Jahr 1970 im Erweiterten Präsidium
diskutierten Vorschlägen für die Preise

Als die Mitglieder des Erweiterten Präsidiums am 7. Juni im Ernst-Ludwig-Haus in Darmstadt zusammenkommen, wird zunächst über den Büchner-Preis beraten. Gerhard Storz nennt, ergänzend zum »Erinnerungszettel«, weitere Namen, die ihm aus der Runde vorgeschlagen worden sind: Peter Huchel, Uwe Johnson, Emil Belzner, Gabriele Wohmann. Die Diskussion konzentriert sich vorrangig auf Johnson, Huchel und Wohmann, dann zieht Richard Gerlach seinen Vorschlag Peter Huchel für den Büchner-Preis zurück. Die Entscheidung fällt daraufhin zwischen Uwe Johnson und Gabriele Wohmann.

Die handschriftlichen Protokollnotizen Dolf Sternbergers lassen Details des Gesprächsverlaufs erkennen, auch wie kontrovers Peter Huchel diskutiert wird. Vor allem Karl Krolow spricht sich immer wieder gegen Huchel als Büchner-Preisträger aus: er gehöre »zu einer deutlich zurückliegenden Epoche unserer Literatur«. Er sei einer der »gealterten Namen«. Woraufhin Ernst Kreuder »Qualität« ruft.

Erinnerungszettel für die Jurysitzung am 7. Juni 1971,
die zahlreichen während der Sitzung entstandenen
Notizen Dolf Sternbergers lassen den Diskussionsverlauf erkennen.
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Angesichts der Vorbehalte einiger Präsidiumsmitglieder gegenüber Huchel als Büchner-Preisträger hatte Richard Gerlach seinen Vorschlag zurückgezogen, nun schlägt er ihn als Kandidaten für den Merck-Preis vor. Daraufhin wendet Dolf Sternberger ein, es handele sich nicht um einen Preis für eine Redaktionsleitung. Hier wird Krolow nun zum Fürsprecher Huchels und nennt ihn einen »Beweger der Literaturszene«, sein »Widerstand durch Dichtung« wirke weiter. Wolfgang Weyrauch ergänzt: »indirekt wirkt Huchels Geist heute noch in Sinn + Form« - und Ernst Kreuder schließt an: »Der Dichter ist der Zeitgenosse«. All dies kann den handschriftlichen Notizen entnommen werden, das knappe offizielle Sitzungsprotokoll hält nur fest: »Für den Johann-Heinrich-Merck-Preis wird Peter Huchel einstimmig gewählt (so daß die Namen auf der Liste gar nicht behandelt wurden).«

Am 9. Juni schreibt Ernst Johann an Peter Huchel. Der Brief erreicht ihn in Rom, in der Villa Massimo, wo Huchel sich als Ehrengast aufhält, nachdem er am 27. April 1971 endlich aus der DDR ausreisen konnte. Johann informiert Huchel, die Akademie habe ihm den »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik 1971« zuerkannt. Und er schließt direkt den Satz an: »Diese Ehrung wird Ihnen unabhängig von Ihrem dichterischen Werk verliehen und soll Ihre literarischen Verdienste würdigen, die Sie sich als Herausgeber, das heißt auch als Kritiker erworben haben.« Auf eine Rede, die die Akademie von ihm wie von den früheren Preisträgern erwarten könnte, findet sich kein Hinweis. Peter Huchel antwortet ihm am 25. Juni, dankt und sagt sein Kommen zu.

Die bald einsetzende Arbeit an den Formulierungen des Urkundentextes lässt noch einmal die Gratwanderung erahnen, die zwischen dem »dichterischen Werk« und den »literarischen Verdiensten« zu bewältigen war. Auch bereits die von Ernst Johann in seinem Brief an Peter Huchel gewählte Bezeichnung des Merck-Preises, die nur von literarischer Kritik spricht und die Essayistik weglässt, ist ein Indiz für das Bemühen, die Ehrung ganz auf Huchels Verdienste als Herausgeber von »Sinn und Form« zu konzentrieren.

»... dem bewahren­den und wissenden Redakteur der Zeitschrift ›Sinn und Form‹ deren Jahrgänge unter seiner Verantwor­tung den Antrieb des Fortschritts mit dem Bedacht der Tradition vereinigen.«

aus dem Text der Urkunde für Peter Huchel
Vor der Preisverleihung am 23. Oktober 1971
Werner Kraft, Peter Huchel, Uwe Johnson, Gerhard Storz (v. l.)
© Foto: Pit Ludwig

Peter Huchel erhält 1971 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für seine Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschrift »Sinn und Form«, die Walter Jens einmal als »so etwas wie das geheime Journal der Nation« bezeichnet hat. Huchel hatte mit dem Jahreswechsel 1948/49 die Position des Chefredakteurs der 1948 von Johannes R. Becher und Paul Wiegler gegründeten Literaturzeitschrift übernommen, die seit 1950 als ein Organ der Ostberliner Deutschen Akademie der Künste erschien.

Bereits nach wenigen Jahren nahm die Kritik der offiziellen DDR-Kulturpolitik an »Sinn und Form« und der an literarischen Qualitäts­maßstäben orientierten Arbeit Huchels zu. 1953 stand Huchel zum ersten Mal kurz vor seiner Entlassung, nachdem er sich geweigert hatte, eine Kantate von Becher und Ernst Hermann Meyer auf Ulbrichts 60. Geburtstag zu veröffentlichen - doch Bertolt Brecht verteidigte die Haltung der Redaktion und Huchel konnte weitermachen. Für einige Jahre gelang es Huchel, sein offenes Programm der Zeitschrift mit literarischen und essayistischen Beiträgen aus Ost und West durchzuhalten und, wo es unumgänglich war, durch politische Kompromisse abzusichern. Doch der Druck nahm zu. Mit dem Bau der Mauer 1961 endete das Interesse der SED an einer auch gesamt­deutschen Orientierung der Kulturpolitik und damit auch an »Sinn und Form« als »gesamt­deutsches Aushängeschild«.

Entwurf für das Titelbild der Zeitschrift »Sinn und Form«,
vermutlich von Werner E. Stichnote, um 1948,
aus dem Nachlass von Peter Huchel
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Ende 1962 musste Huchel aufgeben, er verabschiedete sich mit einer Doppelnummer der Zeitschrift, die, so Peter Wapnewski 1973, »ein Stück zeitgenössischer Literaturgeschichte geworden ist«. An die einleitende Erklärung des Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste Willi Bredel schließt sich darin die Rede Bertolt Brechts, Huchels inzwischen verstorbenen Unterstützers, »über die Widerstandskraft der Vernunft« an. Die Beiträge des Hefts eröffnen noch einmal den weiten Horizont, in dem Huchel seine Arbeit als Herausgeber verstanden hatte. Die Funktionäre der offiziellen Kulturpolitik verstanden das damit gesetzte Zeichen des Protests gegen ihre »sozialistische Kulturpolitik« sehr genau. Willi Bredel sprach von einem »Loyalitätsbruch ohnegleichen«. Es folgten neun Jahre, die Huchel bis zu seiner Ausreise 1971 in einer erzwungenen, weitgehenden Isolation verbringen musste.

Peter Huchel liest sein Gedicht »Hubertusweg«,
1973 in Darmstadt
Dauer: 2:34 Minuten
Peter Huchel
© ullstein bild - B. Friedrich