2006:
Eduard Beaucamp
»neu durchdenken«

»Kunst als Mitarbeiterin an der Verhäßlichung der Welt – diesen Gedanken wagt kaum sonst jemand zu fassen, gar auszusprechen. Beaucamps Öffnung der Kritik ins Kontinuum der Geschichte hat ihn nicht dazu geführt, sich von Wahrheitsfragen zu verabschieden, im Gegenteil. Am Ende muß der Kritiker sich entscheiden, und dabei hilft ihm auch die Geschichte, die Erbschaft des für alle Zeiten Durchgesetzten, nicht.«
»Die wichtigste Errungenschaft ist neben der globalen Öffnung der Szene eine neue Freiheit gegenüber der geschichtlichen Kunst. Das Verhältnis ist nicht länger blockiert durch die Fortschrittsideologie, das Überwindungspathos und das Parteigängertum avantgardistischer Ästhetik, die auch die Kunstkritik in die Pflicht genommen hatte. So dürfen wir Kunstkritiker uns heute nach Herzenslust, ohne schlechtes Gewissen und auch ohne akademische Rücksichten auf dem wieder weitgeöffneten historischen Terrain bewegen. (...)

© Foto: Isolde Ohlbaum
Es ist eine große Lust, sich mit den Erfahrungen der Moderne und mit zeitgenössischer Sensibilität an die alten, in Wirklichkeit meist quicklebendigen Meister heranzutasten, sie ästhetisch und mental zu erkunden und sprachlich neu zu vermitteln. Solche Zuwendung, manchmal vielleicht sogar Hingabe ist keineswegs mehr Gegenwartsverrat. Sie verbindet sich mit der Hoffnung, auf ästhetische Modelle und verschüttete Möglichkeiten zu stoßen, die Anknüpfungspunkte bieten und sich aktualisieren lassen, um der Gegenwart neue Energien zuzuführen und damit der Kunst aus ihren Sackgassen und Wiederholungsspiralen herauszuhelfen.«
»Schwierigkeiten und neue Möglichkeiten der Kunstkritik«
Abbildung rechts:
Guercino (Giovanni Francesco Barbieri 1591 - 1666):
Madonna mit Kind, um 1621-22, Öl auf Leinwand;
Frankfurt a.M., E. und B. Beaucamp.
Postkarte mit einem Dank an Klaus Reichert,
20. Dezember 2006

»Es ist immer ein großes Glück, einen Kritiker im Zentrum seiner Leidenschaft zu erleben. In solchen gelingenden Begegnungen wechseln die Künste für eine Zeitlang ihr Medium, sie verwandeln sich aus sinnlichen Eindrücken in formulierte Erfahrungen, in die Metaphorik der kritischen Sprache, und die Kunstwerke schlagen ein zweites Mal das Auge auf. Solches Glück hat Eduard Beaucamp uns damalsGustav Seibt bezieht sich auf einen gemeinsamen Besuch von Werner Tübkes Bauernkriegspanorama im thüringischen Frankenhausen und seinen Lesern in vier Jahrzehnten ungezählte Male verschafft.«

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum