2016: Kathrin Passig
»Kathrin Passig beschreibt und analysiert digitale Kultur als eine Lebensform. Sie manifestiert sich in den originellen, thematisch breit gespannten Texten, die sich virtuos zwischen Blog, Buch und Essay bewegen. Mit ihrem Anspruch, neue Formen und Formate des Schreibens zu erproben, reflektiert sie zugleich die Bedingungen von Autorschaft und stellt, weit über Schreibprozesse hinaus, traditionelle Selbstverständlichkeiten des Kulturbetriebs produktiv in Frage. Mit ihrem Werk befördert sie die kritische Durchleuchtung eines epochalen Wandels und erkundet neue Möglichkeiten von Essay und Kritik jenseits der Gutenberg-Galaxis.«
Begründung der Jury
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Ich habe (...) den Verdacht, Ihnen könnte gar nicht ganz klar sein, in welch eminentem Sinn Sie heute auch eine Bewohnerin der Gutenberg-Galaxis auszeichnen, und zwar mit genau dem richtigen Preis. Denn Passig ist eine Meisterin der Textkritik. Deren Form ist allerdings nicht das notorische Besserwisserurteil und auch nicht der professionelle Verbesserungsvorschlag, sondern die freundschaftliche Entschlechterungsmaßnahme. Um eine wenig geläufige Praxis wie das Entschlechtern für unsere Nachbarn von der Akademie auf den Begriff zu bringen, brauchen wir Peripatetiker genau zwei Elemente: ein Werkzeug und eine Tugend. Passigs Werkzeug ist die Schere, ihre Tugend die Schonungslosigkeit. Denkt man sich beides zusammen, kann einem schon mulmig werden. Aber keine Angst, Passig beißt ja nicht (außer man bittet sie darum). Passig schneidet. Sie sagt Nein. Mal zu Texten als Ganzem, mal zu Kapiteln und Passagen, mal zu einzelnen Redewendungen. Die typische Passigmarginalie lautet: Kann weg. Die typische Begründung: Dann wäre es weniger schlecht.«

Aus der Laudatio von Per Leo

»Aber bitte, was ist denn gute Literatur anderes als ein Spiel, eine Illusion, mit der wir unsere Schulden bei der Wirklichkeit abtragen? Niemals werden wir diesen Gläubiger los. Aber wer so unschuldig und zugleich so ungeduldig liest wie Passig, durchschaut, dass er uns andauernd betrügt. Denn das Medium dieses Betrugs ist die Sprache. Um als Falschgeld zu zirkulieren, müssen Worte nicht einmal lügen, es genügt, dass sich Phrasen wie Masken an die Sachen heften. Solche Worte können falsch genannt werden. Dann sind die Sachen nackt, und uns ist kalt. Das ist die Welt der Kritik.«

Per Leo in seiner Laudatio
Dauer: 5:00 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Per Leo bei seiner Laudatio
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Jetzt haben wir also den Pflichtteil hinter uns, und ich möchte ein bisher noch ganz ungenutztes Dankredenthema anschneiden und über Geld reden. Über Geld wird im Zusammenhang mit Preisen gar nicht so oft gesprochen, was überraschend ist, weil Preise ja meistens irgendwie dotiert sind. Jedenfalls nicht öffentlich. Privat fragt einen natürlich jeder gleich im zweiten Satz danach. Deshalb habe ich die Nachricht vom Preis für Twitter übersetzt in ›17 000 Kugeln Speiseeis zu aktuellen Neuköllner Tarifen‹, damit die Leute wissen, dass der Merck-Preis nicht irgendein Preis ist, sondern ein sehr guter.«

»Wenn man öffentlich über das Bloggen redet, wird man immer wieder nach Finanzierung, Zeitaufwand, Stundenlohn gefragt. Beim Schreiben von gedruckten Essays oder Büchern fragt danach viel seltener jemand, obwohl die Verhältnisse ähnlich sind: Man wird eher selten direkt für die Arbeit bezahlt.«
Kathrin Passig in ihrer Dankrede
Dauer: 3:55 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Kathrin Passig bei ihrer Dankrede
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Wer umsonst oder für sehr wenig Geld schreibt, der schreibt aus eigener Motivation. Das macht mehr Spaß, und die Ergebnisse sind meistens besser. Aber man muss es sich eben leisten können, und das kann man nur, wenn hin und wieder aus einer anderen Quelle noch einmal Geld für diese Arbeit fließt.«

Nach der Kritik von Per Leo modifiziert
Heinrich Detering bei der Verlesung den
Text der Urkunde
Dauer: 1:37 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinrich Detering und Kathrin Passig
bei der Übergabe der Urkunde, 5. November 2016
© Foto: Isolde Ohlbaum