2020:
Iris Radisch
»Seit vielen Jahren beeindruckt Iris Radisch als Kritikerin und Essayistin durch profunde Kenntnis der deutschsprachigen und internationalen Literatur. Mit strengem Blick und zugeneigter Aufmerksamkeit begleitet sie das Schaffen zahlreicher Schriftsteller, und gerade als Redakteurin kämpft sie mit charmanter Hartnäckigkeit und geschliffenem Stil für anspruchsvolle Bücher, für eine Idee von ernsthafter Literatur jenseits aller Moden. Ihre Liebe zu Frankreich beweist sie in ›Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben‹ und ihrer Biographie von Albert Camus. Ein schwieriges Genre, das Gespräch, wird bei ihr zu einer beispielhaften Form: ›Die letzten Dinge‹ erzählt von der Begegnung mit Autoren wie Julien Green, Péter Nádas, Friederike Mayröcker, Imre Kertész, Claude Simon, Ilse Aichinger oder Patrick Modiano, denen sie durch minutiöse Kenntnis ihrer Werke so nahe steht wie eine vertraute Freundin.«
Begründung der Jury
© Foto: Andreas Reeg

»Die öffentlichen Veranstaltungen im Rahmen der Herbst­tagung werden aufgrund der rasant steigenden Infektions­zahlen abgesagt. Die Preisverleihung am 31. Oktober muss ohne Publikum stattfinden, sie ist im Livestream mitzuverfolgen.«

Iris Radisch vor Beginn der Preisverleihung
© Foto: Andreas Reeg

»Sie versteht sich vortrefflich darauf, sich hinter ihrem Gegenstand verschwinden zu lassen. Das imponiert mir. Denn mir scheint, dass das vorherrschende Bewusstseinsmodell, die Egozentrik der Epoche und deren maßlose Überheblichkeit sie irritiert. Mich auch. Auch den Begriff der Meinung wirft sie gleichfalls über Bord. Sie ist eine Sokratikerin, die das Wissen über das Beurteilen stellt. Ihre Methode ist eine analytische, beschreibende. Sie tauscht nur die Perspektiven der inneren und äußeren Betrachtung leise gegeneinander aus. Beim Lesen glauben wir den Gegenstand von außen zu betrachten, doch plötzlich ertappen wir uns dabei, von innen nach außen zu sehen. Das Objekt der Betrachtung nimmt uns in Augenschein.«

Aus der Laudatio von Péter Nádas
»Iris Radisch ist eine geborene Provokateurin, eine Anarchistin, die bis dato keinen ausreichenden Sinn für eine richtige Rebellion finden konnte. Leider. Wodurch ihren Texten trotz allen Feingefühls für das rechte Maß etwas Heftiges, Aufgewühltes, Verstörtes, zuweilen Schmerzliches anhaftet.«
Péter Nádas in seiner Laudatio
Péter Nádas bei der Laudatio
© Foto: Andreas Reeg

»Keine ihrer Rezensionen ähnelt der anderen. Nur keine Monotonie. Auf ihre Autonomie hingegen können wir blind vertrauen. Die ist wie Granit. Beim Zusammenprall wird es nicht angenehm.«

Aus der Laudatio von Péter Nádas
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

»Die Otto-Suhr-Siedlung grenzte direkt an die Berliner Mauer. Keine 500 Meter hinter meinem Kinderzimmer galt der Schießbefehl. Aus dem Fenster unserer Wohnung konnte man den Todesstreifen beobachten, auf dem irgendjemand jeden Tag auf einer Leine frische Wäsche aufhängte, die im Wind flatterte. Man ist für immer ein Kind seiner Zeit. Ich bin davon überzeugt, dass meine spätere Hinwendung zur Pariser Theorie von der Absurdität des Daseins auch etwas mit diesem Wohnzimmerausblick zu tun hat. Wenn ich also zu erforschen versuche, warum die Literatur für mich und viele andere der Kriegsenkel-Boomer so viel bedeutet, lande ich nicht in den gut gefüllten Buchregalen eines kunstsinnigen deutschen Nachkriegshaushaltes. Meine Liebe

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zur Literatur kam nicht aus der Literatur, was vielleicht gar keine großartige Erkenntnis ist, denn wer lässt sich schon mit Büchern zu Büchern bekehren. Ich glaube, es war in meinem Fall eher so, dass ich gar nicht zur Literatur bekehrt werden musste, weil die – und jetzt kommt ein Wort von Wilhelm Genazino, in dem ich mein frühestes Lebensgefühl gut (und vielleicht sogar ein bisschen zu gut) unterbringen kann –, weil die Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins in der deutschen Frontstadt bereits literarisches Urmaterial war, hochprozentige atmosphärische Absurdität, die überall zu spüren war und sich in der Stille der wild wuchernden Unkrautfelder unmittelbar vor der Mauer nur noch einmal verdichtete.«

»Der Ursprung des Schreibens und des Lesens und vielleicht auch des Schreibens über Literatur, das mein Beruf wurde, war also eher ein Fremdheitsgefühl als die Vertrautheit mit was auch immer. Dieser ästhetische Existenzialismus wächst sich nie mehr ganz aus. Bis heute denke ich, dass Literatur und Poesie nichts ist, was dem Leben hinzugefügt werden muss, im Sinne eines erzählenden Überbaus, dessen Bauleiter sein Expertenwissen mit Fleiß und Ausdauer in entsprechenden Ausbildungsstätten erworben hat.«

Iris Radisch in ihrer Dankrede
»Natürlich stehen wir alle auf den Schultern unserer Vorgänger und Vorgängerinnen, aber wenn es um meine Vorlieben geht, misstraue ich dem Poeta doctus, der sich vollmundig als Miteigentümer des großen abendländischen Kanons in Szene setzt. In meiner inneren Bibliothek stehen vor allem Autoren und Autorinnen, die sich dem Staunen anvertraut haben.«
Iris Radisch bei ihrer Rede
© Foto: Andreas Reeg
Aus der Dankrede von Iris Radisch
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

»Für mich war die Entdeckung der starken literarischen Stimmen der Augenblick, der mir ein zweites Leben geschenkt hat, das mir oft sogar lebendiger und intensiver zu sein scheint als das erste. Denn die Sätze, die solche starken Stimmen hervorbringen, fallen nicht leblos zu Boden und vermüllen anschließend die inneren Speicherplätze, sondern sie wirken nach und enthüllen Wahrheiten, die man nicht lehren, sondern nur erfahren kann. So wie man nach einer schweren Krankheit zu einem zweiten, demütigeren Leben kommen kann, in dem die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist, sieht man nach der Lektüre großer Bücher klarer und erträgt die Zerbrechlichkeit und Absurdität des Lebens gelassener.«

Iris Radisch in ihrer Dankrede
»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2020
Iris Radisch
die seit vielen Jahren als Kritikerin und Essayistin durch profunde Kenntnis der deutschsprachigen und internationalen Literatur beeindruckt. Mit genauem Blick und zugeneigter Aufmerksamkeit begleitet sie das Schaffen zahlreicher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sei es als Autorin, wie in ihrer Camus-Biographie, sei es als Redakteurin, sie steht ein für eine Idee von ernsthafter Literatur jenseits aller Moden, die sie klug und stilsicher zu vermitteln versteht.«
Urkundentext
Ernst Osterkamp und Iris Radisch bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Andreas Reeg