1969:
Erich Heller wird mit dem Merck-Preis für Essay geehrt

Zur Vorbereitung der Sitzung des Erweiterten Präsidiums und der Jury für den Büchner-Preis am 6. Juni 1969 schreibt Ernst Johann an den Akademiepräsidenten Gerhard Storz. Er schickt ihm die »offizielle Einladung« zur Sitzung sowie einige Namen der im vergangenen Jahr diskutierten Kandidaten für die drei Herbst-Preise. Für den Merck-Preis erinnert er - unter Vorbehalt - an den von Horst Rüdiger vorgeschlagenen Kandidaten René Wellek, bringt selbst aber als Alternative Joachim Günther und Hans Paeschke ins Spiel. Damit wirft Ernst Johann bereits eine Frage auf, die in der Sitzung auch das Präsidium beschäftigen wird: ob es nicht »zweckmäßiger« sei, »den Merck-Preis an einen Deutschen zu vergeben«.

Von der Sitzung am 6. Juni sind nur die handschriftlichen Notizen Ernst Johanns überliefert. Darin wird deutlich, dass in der Runde zunächst wohl Joachim Günther favorisiert wird, Gerhard Storz dann jedoch Erich Heller erwähnt - allerdings als Vorschlag nicht für den damals noch auf die »literarische Kritik« beschränkten Merck-Preis, sondern für den Essay-Preis. Erich Heller, der seine akademische Laufbahn nach der erzwungenen Emigration aus Prag 1939 in England begonnen hat, lehrt seit 1960 als Germanist in Evanston in den USA. 1964 war Heller als korrespondierendes Mitglied in die Akademie gewählt worden.
Offenbar fällt im Gremium rasch eine Entscheidung für Erich Heller, denn kurz darauf, am 9. Juni, schreibt Ernst Johann an den Stadtrat Heinz Winfried Sabais. Er erkundigt sich, ob nicht die von Darmstadt für den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik bereitgestellten Mittel auch für den Essay-Preis verwendet werden könnten. Dieser sei für Erich Heller weitaus angemessener. Am 25. Juni entscheidet die Stadt Darmstadt, der Merck-Preis könne künftig »für literarische Kritik und Essay« vergeben werden. Nach dieser Öffnung des Preisprofils kann Ernst Johann an Erich Heller schreiben und ihm die Entscheidung der Jury mitteilen.

dass der Magistrat »die Zweckbestimmung« des Merck-Preises
erweitert hat: »für literarische Kritik und Essay«.

des Generalsekretärs, S. 12, ganz unten: Übergang zum Merck-Preis
Teilnehmer: Gerhard Storz, Karl Krolow, Dolf Sternberger sowie als
Beisitzer Otto Rombach, Horst Rüdiger, Hans Schulz, Wolfgang Weyrauch

des Generalsekretärs, S. 13

um eine Finanzierung des Essay-Preises für Erich Heller
durch die Stadt Darmstadt zu erreichen

erst wenn eine Antwort der Stadt vorliege, könne die
Akademie sich an Erich Heller wenden.

die Pläne einer Öffnung des Merck-Preises für die Essayistik,
die in den Gremien der Stadt Darmstadt beraten werden.
Er könne daher »jetzt einfach Herrn Heller schreiben«.

am 19. Juni 1969 Ernst Johann die Bereitschaft, im Magistrat
über die Verwendung des Preisgeldes zu beraten.

darin ist der erweiterte Name des Merck-Preises zwar festgehalten,
mit Bleistift jedoch wurde »und Essay« zunächst gestrichen.
Am 8. Juli wendet sich Ernst Johann erneut an Erich Heller. Der Johann-Heinrich-Merck-Preis sei bis jetzt, so schreibt er, »überwiegend für literarische Tagesarbeit verliehen worden«, »als Essaypreis« nur ein einziges Mal an Max Rychner. Johann geht dabei nicht näher darauf ein, dass ursprünglich die Akademie einen eigenständigen Essay-Preis vorgesehen hatte, dessen Finanzierung jedoch nicht geglückt war. Mit Hellers Auszeichnung werde nun die herausragende Essayistik offiziell zum Bestandteil des Merck-Preises - und Johann fügt »den Fingerzeig« hinzu, dass Heller der Preis »vor allen Dingen« für seine »kritischen Essaybücher«»Enterbter Geist. Essays über modernes Dichten und Denken«, Berlin/Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1954 (zuerst The Disinherited Mind. Essays in Modern German Literature and Thought, London 1952, erw. 1957); »Die Reise der Kunst ins Innere und andere Essays«, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1965 (zuerst: The Artist’s Journey into the Interior, London 1965); »Nietzsche. Drei Essays«, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1964. zugesprochen worden sei.

Ernst Johann versorgt Erich Heller nun mit Informationen über die auch ihn erwartende Aufgabe einer Dankrede und schickt ihm als Beispiele die Reden von Georg Hensel, K. H. Ruppel und Werner Weber. Über das Thema der Dankrede entwickelt sich dann ein Briefwechsel zwischen dem Preisträger und dem Akademiebüro.


Eingang: 8. Juli 1969, Vorderseite

Eingang: 8. Juli 1969, Rückseite





Von seinem ersten Vorschlag für den Titel seiner Rede »Bedeutende Schwierigkeiten beim Aufsagen des Teufelspakts in Goethes Faust« verabschiedet sich Erich Heller bald wieder. Lieber wolle er es, so schreibt er am 16. August an das Akademiebüro, bei einer »thematischen Unverbindlichkeit« wie »Dankrede« belassen. Unter dieser Bezeichnung wird seine Rede dann auch im Programm der Herbsttagung auftauchen.
Wie immer werden im September auch die Texte für die drei Urkunden vorbereitet, die bis zur Preisverleihung gedruckt und - damals noch - gerahmt in einer Kassette vorliegen müssen. Am 17. September schickt Gerhard Storz einen handschriftlichen Entwurf für den Urkundentext. Ernst Johann ergänzt darin die Nennung des »Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik« durch die neue Erweiterung »und Essay«.

am 18. Oktober 1969 verliehen Preise

Vorschlag von Gerhard Storz für den Urkundentext,
Ernst Johann ergänzt: »und Essay«

neben Gerhard Storz als Präsident unterzeichnen nur zwei
Vizepräsidenten, Rudolf Hagelstange war im Mai ausgeschieden.
Erich Heller hält seine Dankrede gemeinsam mit dem Freud-Preisträger Bruno Snell in einer öffentlichen Arbeitssitzung am Nachmittag des 17. Oktober. In seiner Rede erinnert er noch einmal daran, wie er im Mai mit allerlei »zeitentrückt-zeitnahen Überlegungen« beschäftigt gewesen sei, »als man mir schrieb, daß ich mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis geehrt werden sollte. Eine Dankrede, sagte man, werde erwartet. Wovon, vom Danke abgesehen, sollte die Rede sein? Es schien, daß der Zufall – wenn es einer war – entschieden hatte.
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Hier war die Verleihung eines Essay-Preises, der den Namen Johann Heinrich Mercks trug, und hier war ein Essay im Werden, der in der literarischen Hauptsache von der Wette zwischen Faust und Mephistopheles (Mephistopheles Merck) handelt. Es war klar, daß der Essay meine Dankrede sein mußte. – Nichts da! Er wurde viel zu lang.« Später wird Erich Hellers Dankrede dann unter dem Titel »Apropos Darmstadt, Merck und Goethe« erscheinen.

17. Oktober 1969
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Nach der Begrüßungsansprache des hessischen Kultusministers Ernst Schütte leitet am Nachmittag des 18. Oktober der Akademiepräsident Gerhard Storz über zur Verleihung der Preise: »Traditionsgemäß geht der Übergabe des Büchner-Preises die Übergabe der beiden anderen Preise, des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa und des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay voraus.« Diese Ehrung der beiden Preisträger Bruno Snell und Erich Heller beschränkt sich auf die Verlesung des Urkundentexts und die Überreichung der Urkunde. Bevor dann mit der Laudatio von Karl Krolow die Verleihung des Büchner-Preises an Helmut Heißenbüttel beginnen kann, wird die Zeremonie durch eine Protestaktion von Darmstädter Schülern und Studenten unterbrochen. So wie der ›traditionsgemäße‹ Ablauf der Preisverleihung eine klare Hierarchie zwischen den Preisen markiert, Merck-Preis und Freud-Preis bilden das Vorprogramm zur mit Laudatio und Dankrede ganz anders ausgestatteten Büchner-Preis-Ehrung, richtet sich auch die Aufmerksamkeit der Protestierenden ganz auf diesen Höhepunkt des Zeremoniells.