1978:
Karl Heinz Bohrer

Ein anarchisches Element

Karl Heinz Bohrer bei seiner Dankrede am 27. Oktober 1978
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Karl Heinz Bohrer, Wieland Schmied, Werner Spies und Siegfried Melchinger stehen zur Diskussion, als das Erweiterte Präsidium am 18. Juli über die Kandidaten für den Merck-Preis berät. Melchinger wird bald als möglicher Name »eher für wiss. Prosa (Freud-Preis)« festgehalten. Schmied wiederum sei zwar sehr gewandt, aber Spies »überragend besser«, so Peter de Mendelssohn. Dolf Sternberger versucht noch einmal eine grundsätz­lichere Klärung: »bei allen Preisen muß literarische Qualität obenan stehen. In dieser Hinsicht fällt Melchinger einem nicht unbedingt auf; anders Bohrer.« Auch sollten beim Merck- wie beim Freud-Preis nicht immer nur Leute gewählt werden, »die sich ausschließlich mit Literatur beschäftigen«. Das spreche für Bohrer, dessen »essayistische Darstellungen (...) über den literarischen Bereich weit hinausgehen«, seit er Korrespondent der FAZ in London sei.*Mit »Ein bißchen Lust am Untergang. Englische Ansichten« wird 1979 bei Hanser eine Sammlung von Bohrers Essays erscheinen, die vor allem nach seinem Wechsel nach London als Korrespondent der FAZ im Jahr 1975 entstanden sind. Die Entscheidung fällt daraufhin zwischen Karl Heinz Bohrer (vier Ja-Stimmen, eine Enthaltung) und Werner Spies (eine Ja-Stimme, vier Enthaltungen).

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 18. Juli 1978,
aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Gerhard Dette, Seite 7 (Beratungen über den Merck-Preis)

Gleich am nächsten Tag schickt der Akademiepräsident Peter de Mendelssohn ein Telegramm an den Johann-Heinrich-Merck-Preisträger Karl Heinz Bohrer. Gerhard Dette*der die Aufgaben des Generalsekretärs von Ernst Johann übernommen hat teilt ihm am 26. Juli dann noch einmal »in offizieller Weise« die Entscheidung mit, verbunden mit den wichtigsten Informationen über die Verleihung, über die vom Preisträger erwartete Rede und schließlich gefolgt von der Bitte um einen Vorschlag für die Laudatio.

Bohrer antwortet am 21. August und nennt zwei Vorschläge, Lars Gustafsson und Christian Enzensberger, »deren Fragestellungen und geistiger Stil mir interessant erscheint, die andererseits wohl auch die rechte Distanz besitzen«. Schließlich wird es Jörg Drews sein, der die Laudatio hält.

Am 3. Oktober trifft im Akademiebüro der Vorschlag von Harald Weinrich für den Urkundentext ein. Während die ersten Entwürfe in den vergangenen Jahren meist mehrere Überarbeitungsschritte durchlaufen mussten, bevor der Urkundentext für gut befunden wurde und an die Druckerei weitergegeben werden konnte, finden Weinrichs Formulierung direkt die Zustimmung des Präsidiums.

Der Urkundentext lässt freilich in seiner Zurückhaltung nichts von dem erkennen, was in dem Votum Dolf Sternbergers in der Diskussion angeklungen war: Bohrers essayistische Arbeiten gehen nicht nur weit über den literarischen Bereich hinaus, sie verweigern sich auch in ihrer Radikalität den Gepflogenheiten des publizistischen Betriebs. Horst Rüdigers kurz darauf vorgebrachter Einwand, dass Werner Spies glänzender sei und besser nach Bonn passe, deutete voraus auf das, was für die Preisverleihung von einem Merck-Preisträger Bohrer zu erwarten war: der entschiedene Einspruch gegen die »schöngeistige Flaute«, die »aufgeräumte Betulichkeit« des Betriebs.*Franz Schuh, Merck-Preisträger im Jahr 2021, wird Bohrer 1998 in einem großen Essay (»Zu den Schriften Karl Heinz Bohrers – der letzte Ästhet«, in Die Zeit, 15/1998) als »derzeit wichtigsten Denker des Ästhetischen« bezeichnen.

»Was wir übersehen: diese schöngeistige Flaute? Den warmen Teich, dieses stehende Gewässer, in dem die wenigen Hechte von vollmundigen Karpfen gefressen werden? Diese literarischen Scheingefechte, wo man in blanker Entrüstung noch lügt und der Ausgang längst feststeht, geregelt durch die Regeln der Institution? Diese aufgeräumte Betulichkeit, so als ob nichts wäre. Ist was? Nein, es ist nichts. Das übersehen wir: nicht als eine Stimmung, nicht als eine Maßnahme nur: Nein, diese laue Suppe schwappt auch dort über, wo sie längst hätte verdunsten müssen, wenn die Chemie noch stimmte: bei der literarischen Kritik, beim diagnostischen Essay. (...) Der Mangel, an dem sie leiden, ist ein chronisches Zuviel, ein Zuviel an Behagen in diesem Karpfenteich, in dem die Hechte sterben. Ihr Zuwenig aber ist das eigentliche Element, das Kriterium der richtigen Chemie von Kritik und Essay, die umgeschlagen sind wie faules Wasser. Nennen wir dieses notwendige Element einmal Haß.«
Karl Heinz Bohrer in seiner Dankrede
Empfang nach der Preisverleihung, Karl Heinz Bohrer, Hermann Lenz, Siegfried Melchinger
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

»Wieso Haß? Wir sprechen vom Haß nicht als Zustand, sondern als Mittel, als konstruktive Destruktion, vom Haß aus häreti­scher Vorstellungs­kraft, die beim besten Willen nicht übereinstimmen kann. Wir sprechen vom Haß als polemischem Schmerz. Jetzt, nicht morgen.«

Karl Heinz Bohrer in seiner Rede am 27. Oktober 1978