
Marie Luise Knott
›Schreiben
als ein Versuch
zu verstehen‹
Dauer: 1:45 Minuten
»Ungebetene Gäste«
Dauer: 2:20 Minuten
© Foto: Andreas Reeg
»Was heißt lesen, könnte man als Motto vor das intellektuelle Unternehmen Marie-Luise Knotts stellen. Dichterische, philosophische, literarische Werke. Manchmal allzu bekannte, wie Kafkas Verwandlung. Aber mit einem ungewöhnlichen Blickpunkt.«

© Foto: Andreas Reeg
»Marie Luise Knotts Werk steht für die Einheit von ästhetisch avancierter und politisch wacher Kritik. Mit präziser Aufmerksamkeit erschließt sie die deutschsprachige und internationale Gegenwartslyrik, in Editionen und Essays macht sie die Denkwege Hannah Arendts im Blick auf den europäischen Antisemitismus wie den Rassismus in den USA sichtbar. Mit analytischer Kraft und durch die Kunst minutiöser Lektüre legen ihre Kritiken und Essays Erfahrungen der Krise, Gewalt und Migration frei.«

bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Andreas Reeg
»Einer meiner Spitznamen in der Kindheit lautete Spinne. Vielleicht hege ich deswegen eine gewisse Faszination für Fliegen, genauer: für das, was sie so lästig macht. Fliegen kommen immer ungerufen. Wie Fragen. Sie sind Störenfriede, ungebetene Gäste, penetrant und wehrlos zugleich. Wie Fragen kann man auch Fliegen nur schwer verscheuchen, sind sie erst einmal da. Manche Menschen stellen grelle Scheinwerfer auf, um die Tiere in ihren Flugrouten zu manipulieren, sie auf Abwege zu lotsen. Doch Fliegen sind hartnäckig bei der Sache. Und noch etwas haben sie mit Fragen gemein: sie verderben gern den Brei.«
»Es gibt Lieder- und Gedichtzeilen, die bewegen sich immer irgendwo in meinem Hinterkopf. So auch der Refrain aus dem Gedicht Long-Legged Fly (Langbeinfliege) von William Butler Yeats. Das Gedicht aus dem Jahr 1938 besingt und besinnt die Stille in sich verfinsternden Zeiten: ›Like a long-legged fly upon the stream / Her mind moves upon silence.‹ (Wie eine Langbeinfliege über das Wasser, so bewegt sich ihr Geist über der Stille.) Warum nur kommen mir diese Zeilen in den Sinn, wenn ich über das Schreiben nachdenke? Langbeinfliegen haben Facettenaugen. Sie nehmen wahr, was sie nicht gesucht, was sie nicht fokussiert haben. Sie enthierarchisieren, sie pluralisieren den Blick. Facettierte Aufmerksamkeit entschlagwortet und entkorridorisiert das Denken. Doch wichtiger noch fast erscheint mir die Art und Weise, wie Yeats’ Langbeinfliegen sich bewegen: Sie betänzeln die Wasseroberfläche, sie betasten den Strom der Zeit, und jeder Hüpfer weiß – wie der Essay, möchte man sagen – um die Gefahr des Scheiterns, des Ertrinkens. Diese Fliegen bewegen sich kaum über dem Wasser, sie erkunden die Abgründe und sehen dabei auf der spiegelnden Oberfläche gleichzeitig in den Himmel hinein.«
»Essays bedienen sich, wo sie können, sie entflammen sich ohne Skrupel an dem, was andere schon getan haben, und sie brechen dort ab, so Adorno, wo sie selbst ›am Ende sich fühlen‹, und nicht dort, wo kein Rest mehr bleibt.
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Der Rest, den es nicht und doch gibt, ist bekanntlich beim Schreiben immer mit in Bewegung und bestärkt das Gefühl, frei zu sein.«

und Katharina Raabe vor der Preisverleihung
© Foto: Andreas Reeg