1990:
Walter Boehlich
Literatur als Kritik

Am 19. Januar 1990 berät das Erweiterte Präsidium der Akademie über die Kandidatinnen und Kandidaten, die in der entscheidenden Sitzung im April für den Büchner-Preis, den Freud-Preis und den Merck-Preis zur Wahl stehen sollen. Nach der Sitzung verschickt der Generalsekretär Gerhard Dette das Ergebnis der Beratungen, verbunden mit einigen ›kollegialen Lese-Vorschlägen‹. In seinem Anschreiben bestätigt er noch einmal den Sitzungstermin am 25. April, denn nach »einhelliger Meinung des Präsidiums ist eine eintägige Sitzung ausreichend«. Allerdings, so Dette, sollten sich die Jurymitglieder am Vorabend zu einem »informellen Gespräch« treffen.





Das Protokoll gibt die Beratungen zum Merck-Preis am 25. April nur knapp wieder, etwas genauer lässt sich der Diskussionsverlauf aus den handschriftlichen Aufzeichnungen von Gerhard Dette erschließen. Neben wiederholter Unterstützung für Hans Egon Holthusen (»ein Akt der Wiedergutmachung und Gerechtigkeit«) plädieren die Mitglieder vor allem für die Auszeichnung von Walter Boehlich. Es »gibt niemanden«, so Herbert Heckmann, »mit dem man sich so hinreißend streiten kann; ist, wo immer er auftritt, Aufklärer«. In der entscheidenden Abstimmung erhält Boehlich fünf Stimmen und Holthusen vier. Die Laudatio wird Peter Wapnewski halten, er hatte Boehlich in der Diskussion »›enthusiastisch‹ empfohlen«. Er sei ein »Meister der kleinen Form«.Walter Boehlich hat kontinuierlich publiziert, er hat sich jedoch dagegen gewehrt, seine Texte in Buchform zu veröffentlichen. Aus diesem Grund findet sich in der für die Sitzung zusammengestellten Liste mit Lektüreempfehlungen auch kein Buch von ihm. Erst zu seinem 90. Geburtstag erschien unter dem Titel »Die Antwort ist das Unglück der Frage« eine umfangreiche Auswahl seiner Kritiken, Essays, Kolumnen etc., herausgegeben von Helmut Peitsch und Helen Thein (Frankfurt a.M. 2011). Anschließend wird noch zur Absicherung beschlossen: »falls Boehlich ablehnt: Holthusen«.

Teilnehmerliste; Walter Helmut Fritz, Georg Hensel, Ivan Nagel,
Hans Wollschläger, Guntram Vesper, Hans-Martin Gauger,
Peter Benz (Darmstadt), Hartmut von Hentig, Lea Ritter-Santini,
Herbert Heckmann, Herman Dieter Betz (Hessen), Peter Wapnewski

Protokoll, S. 4

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette, S. 14

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette, S. 15

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette, S. 16

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette,
Arbeitsexemplar der Kandidatenliste
zum Freud- und Merck-Preis

Protokoll, S. 1

Protokoll, S. 3
Walter Boehlich antwortet am 13. Mai Gerhard Dette, der ihm am 8. Mai »offiziell« die Entscheidung der Akademie mitgeteilt hatte. Er wiederholt noch einmal seinen Dank für den Merck-Preis und sichert sein Erscheinen der Preisverleihung zu, »nach menschlichem ermessen auch mit einer rede in der gewünschten länge«. Den Wunsch der Akademie nach einer frühzeitigen Überlassung des Redetextes wird Boehlich nicht nachkommen können, allenfalls »erst kurz vor dem termin«. Und dann folgt eine für ihn charakteristische Formulierung: »und die berichterstattung - ach, du lieber gott. sollen die leute doch schreiben was sie wollen. ich will ja nicht für die öffentlichkeitBoehlich meint hier »die Öffentlichkeit«, keineswegs ist damit sein Vermittlungs- und Aufklärungsinteresse in Frage gestellt etwas sagen, sondern für ein paar zuhörer, die ich schätze.«
Wieder beginnt auch die Arbeit an einem Urkundentext. Den Entwurf liefert schließlich Peter Wapnewski.



(Referentin für Öffentlichkeitsarbeit), 13. September 1990


Fax vom 4. Oktober 1990
»Von Ernst Robert Curtius, dem Weltbildungsbürger, ging der Appell aus, der so etwas wie Walter Boehlichs Lebensgesetz wurde: Literatur zu begreifen als Reflex der menschlichen Verfassung, der conditio humana und der durch sie bedingten gesellschaftlichen Umstände. Literatur nicht allererst mit Kritik sondern als Kritik zu lesen, und sie zu verstehen jenseits der Grenzen nationaler Sprachen und Traditionen.«
in seiner Laudatio »Literaturkritik als moralische Anstalt«

Blind ist nicht so sehr das Werk als vielmehr der, der es beurteilt, partiell blind wenigstens. Er sagt in dem, was er schreibt, sehr viel mehr über sich selbst, den Grad seiner Empfindlichkeit ebenso wie über den seiner notwendigen Bornierung, als über das betrachtete Werk; er offenbart sich, aber nur sehr eingeschränkt das Werk, das vieldeutig und verschlossen bleibt und immer wieder neu erkannt werden muß.«
© Foto: Peter Hönig