1982:
Albert von Schirnding

»heitere Leiden­schaft des Wissen-Wollens«

Albert von Schirnding bei seiner Dankrede am 15. Oktober 1982
© Foto: Christel M. Bauer

Am 3. Mai tagt das Erweiterte Präsidium, um über die Kandidaten für die im Herbst zu vergebenden Preise zu beschließen. Nach dem Büchner-Preis und dem Sigmund-Freud-Preis steht auf der Tagesordnung: Wahl des Johann-Heinrich-Merck-Preisträgers 1982. Aus dem vergangenen Jahr sind bereits einige Namen für die Diskussion vorgemerkt: Reinhard Baumgart, Rolf Michaelis, Fritz J. Raddatz, Jean Starobinsky, George Steiner und Sibylle Wirsing. Neu genannt werden Hans Mayer - der nach einem Hinweis auf seine Ablehnung des Preises im Jahr 1965 wieder zurückgezogen wird - sowie Hartmut von Hentig und Albert von Schirnding. Hartmut von Hentig, der laut Peter de Mendelssohn sowohl für den Freud- wie den Merck-Preis in Frage kommt, Reinhard Baumgart, für den sich vor allem Herbert Heckmann stark macht, und Albert von Schirnding kommen in die engere Wahl.

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Eva Zeller plädiert für von Schirnding, der »nicht nur ›blitzgescheit‹ sei, sondern auch sehr gut formuliere und es verstehe, auch schwierige Werke luzide zu beschreiben«. In der entscheidenden Abstimmung zwischen Hartmut von Hentig und Albert von Schirnding erhält dieser neun Ja-Stimmen bei einer Enthaltung.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 3. Mai 1982, Anwesenheitsliste,
Bernhard Zeller, Peter Benz (Darmstadt), Ernst Zinn, Eva Zeller,
Geno Hartlaub, Beda Allemann, Lea Ritter-Santini, Peter de Mendelssohn,
Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Herbert Heckmann

Albert von Schirnding erfährt durch einen Anruf, dass ihm der Merck-Preis zuerkannt worden ist. Er schickt daraufhin noch einmal schriftlich »der Akademie und ihrem hochverehrten Präsidenten Herrn Peter de Mendelssohn« seinen herzlichsten Dank. Am 22. Mai folgt dann seine Antwort auf die von Gerhard Dette im »offiziellen« Schreiben am 11. Mai geäußerte Bitte, einen Laudator vorzuschlagen: Am liebsten wäre es ihm, wenn Joachim Kaiser diese Rolle übernehmen könnte.

Joachim Kaisers Laudatio setzt den Schwerpunkt auf die »heitere Leidenschaft des Wissen-Wollens«, die den Geehrten auszeichne, auf einen umfassenden und im besten Sinne bürgerlichen Bildungsbegriff. Albert von Schirnding verleiht anschließend seiner Dankrede einen überraschenden Akzent: der bayerische Aristokrat und umfassend gebildete Altphilologe und Pädagoge bekennt sich zu einem Zeitpunkt, als die politisch-kulturelle »Tendenzwende« schon eingesetzt hatte, am Schluss seiner Jahrhunderte, ja Jahrtausende ausmessenden Rede als Linker.

Herbert Heckmann geht den Ablauf der Preisverleihung mit Albert von Schirnding und seinem Laudator Joachim Kaiser durch, 15. Oktober 1982
© Foto: Christel M. Bauer

»Jede Akademie, gar die überregionale Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, ist ihrem Wesen nach eine Vereinigung älterer Menschen. Die Gefahr selbstgerechter Erstarrung droht darum immer, die Gefahr sanft professoralen Realitätsverlustes in weißen Oberhemden und dunklen Maßanzügen, die Gefahr des ›Akademischen‹ im Sinne des Dünnblütigen, wenn nicht Blutleeren. Das ›Alter‹, das ›Gealtert-Sein‹ darf für eine Akademie nie eine Art höherer Weisheits-Garantie darstellen. Es sollte immer als unvermeidliche biologische Bedrohung empfunden werden. Darum muß sich jede Akademie um die Jüngeren und anderen kümmern. Nicht auf dem Wege charakterloser Anbiederei, wohl aber, indem sie – alle ihre Maßstäbe und Anforderungen aufrechterhaltend – um die Jüngeren kämpft. Auch in diesem Sinne stellt es eine Freude für uns dar, daß wir dem Essayisten und Literaturkritiker Albert von Schirnding den Johann-Heinrich-Merck-Preis verleihen können. Schirnding ist ein Publizist von Rang. Es ist leidenschaftlicher Altphilologe und Spezialist für Psychoanalytisches, er ist umfassend gebildet und dazu Autor schöner Gedichte.«

Joachim Kaiser in seiner Laudatio »Heitere Leidenschaft des Wissen-Wollens« am 15. Oktober 1982
»Die Wirklichkeit über alles. Der Zusatz läßt sich freilich nicht unterdrücken: Sie bedarf der Veränderung.«
»Literarische Kritik, meine ich, kann von Kritik an den Verhältnissen nicht absehen, so wenig wie Literatur von Politik. Es geht nicht um die großen Entwürfe und die größeren Verwerfungen, sondern um bescheidene Aufklärungsarbeit. Vieles von dem, was 1968 Anbruch, Aufbruch, Empörung hieß, hat traurige Geschichte oder trostlose Karriere gemacht. Verklungen sind das Pathos, die Poesie des Protests. Aber die Frage, die Jean Améry im Rückblick auf 68 stellte, ob es angesichts ihrer Widersprüche, ihres Versagens, ihrer Misere noch einen Sinn habe, sich zur Linken zu rechnen, ist durchaus lebendig geblieben, und aktuell wie nicht mehr seit dreizehn Jahren die Antwort, auf die er verwies: Die Antwort, schrieb er, werde von der Rechten erteilt. Durch ihre bloße Existenz rechtfertige sie das linke Nein als die Negation der Negation des humanen Horizonts.«
Albert von Schirnding in seiner Dankrede am 15. Oktober 1982
Albert von Schirnding und Herbert Heckmann bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Christel M. Bauer