
Karl-Markus Gauß
»Ich schreibe,
um zu leben.«
den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2010
Karl-Markus Gauß
dem melancholischen Spurensucher, der in seinen brillanten Essays und Journalen die Ränder Europas mit ihren vielen vergessenen und verdrängten Kulturen erschlossen hat, der das Fremde in die Nähe und das Vertraute in die Distanz rückt, die subtile Polemik ebenso wie das ruhige anschauliche Erzählen beherrscht und der in allen seinen Arbeiten gegen den herrschenden Konsens ebenso anschreibt wie gegen die vorsätzliche Gedächtnis- und Gedankenlosigkeit der medialen Welt.
Darmstadt, am 23. Oktober 2010
Das Präsidium
Klaus Reichert, Präsident
Heinrich Detering, Vizepräsident
Peter Hamm, Vizepräsident
Ilma Rakusa, Vizepräsidentin«
»Schreiben, um zu leben«
Dauer: 3:28 Minuten
Im Februar 2010 legt das Erweiterte Präsidium der Akademie die Liste der Kandidatinnen und Kandidaten für die drei im Herbst vergebenen Preise fest. Für den Johann-Heinrich-Merck-Preis 2010 zeichnet sich nach »intensiver Diskussion (...) ein klares Votum für Karl-Markus Gauß ab. (...) Die Wahl findet in einer gesonderten Sitzung statt.« Am 8. Juli bestätigt der Verlauf der - wie sich aus dem Protokoll schließen lässt - kurzen Beratungen über den Merck-Preis dieses Votum. Karl-Markus Gauß wird zum Preisträger gewählt.
»Gauß tut und schreibt, was andere nicht tun und schreiben. Gänzlich unbeirrt von Trends, Erwartungshaltungen, Opportunitäten, ist er immer seinen Weg gegangen, und dieser Weg war stets mit Wegen, mit Reisen an entlegene Orte dieses Kontinents verbunden. Denn die fragende Neugier, die aus Skepsis geborene Barmherzigkeit, der emphatische Gerechtigkeitssinn trieben Gauß aus den Wänden seiner Schreibstube (...) hinaus und hinein in die komplexen Wirklichkeiten europäischer Randzonen und menschlicher Randexistenzen.
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Er wollte sehen, riechen, schmecken, wollte Geschichten hören und sich in Geschichten verwickeln lassen, er suchte den Augenschein und die Tuchfühlung und scheute dabei keine Beschwerlichkeiten.«
»Vor einigen Jahren hat ein Schriftsteller, dessen Werk ich sehr schätze, bei einem ähnlichen Anlass wie dem heutigen von sich gesagt: ›Ich lebe, um zu schreiben.‹ Dieser Satz ließ mich stocken, bis mir klar wurde, dass er für mich nur einen Sinn hat, wenn man ihn umdreht: Ich schreibe, um zu leben. Ich schreibe, weil ich mich schreibend am ehesten dem anzunähern weiß, der ich gerne wäre; weil ich nur schreibend so gescheit bin, wie ich sein kann; weil ich erst schreibend so mutig werde, wie ich, ein Ängstlicher, sonst nicht bin. Vielleicht kann man die Autoren auch so unterteilen: Es gibt welche, die schreiben wollen, weil sie etwas Kluges zu sagen haben, und es gibt andere, die schreiben müssen, um nicht zu verblöden. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Schreibe ich nicht, werde ich schon über kurz ein dümmerer und über lang auch ein schlechterer Mensch.«
Karte der von Karl-Markus Gauß 2004 auf seiner »Suche nach den letzten Schwarzmeerdeutschen« besuchten Region (oben links), darunter das von ihm geführte Molesquine-Heft mit seinen im Laufe eines Tages entstandenen Notizen, rechts daneben das Arbeitsjournal, in dem diese Notizen ausformuliert wurden, darüber Manuskript-Seiten mit Textfassungen, die auf der Grundlage dieser Aufzeichnungen entstanden sind;
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diese Textpassagen sind eingegangen in »Die Zeit von Kudrjawka – Auf der Suche nach den letzten Schwarzmeerdeutschen« in: »Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer«, Wien (Zsolnay) 2005.


Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum
