1979:
Werner Spies


»Das Auge am Tatort«

Werner Spies und Peter de Mendelssohn
bei der Preisverleihung am 19. Oktober 1979
© Foto: Pit Ludwig

Am 12. Juni tritt das Erweiterte Präsidium zusammen, um über die Preisträger für den Herbst zu beschließen. Für den Johann-Heinrich-Merck-Preis ist aus dem vergangenen Jahr bereits Werner Spies vorgemerkt, neu genannt werden Hilde Spiel und Rudolf Hartung. Peter de Mendelssohn gibt zu Bedenken, dass mit Spiel wie auch Spies nach Karl Heinz Bohrer erneut »Kulturkorrespondenten der FAZ« ausgezeichnet würden. Auch warne er vor einer Auszeichnung von Hilde Spiel - mit der Peter de Mendelssohn von 1936 bis 1970 verheiratet war - unter seiner Präsidentschaft, es drohe der Vorwurf der Vetternwirtschaft. Er plädiere für eine Auszeichnung Rudolf Hartungs. Auch Dolf Sternberger hält Hartung für einen »tüchtigen Mann«, aber Werner Spies »sei ein ›optimaler Kandidat‹, sowohl hinsichtlich der Auswahl seiner Gegenstände, als auch im Hinblick auf die Art seiner Darstellung«.

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Zudem seien die Bedenken wegen seiner Tätigkeit für die FAZ »nicht gravierend genug«, Spies sei »in erster Linie Kunstschriftsteller, der daneben ein Lehramt in Düsseldorf versehe«. Die »Versammlung stimmt dieser Argumentation zu«, heißt es im Protokoll, und Werner Spies wird einstimmig zum Merck-Preisträger 1979 gewählt.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 12. Juni 1979,
Anwesenheitsliste; Bernhard Zeller, Karl Krolow, Eva Zeller,
Gerhard Storz, Dolf Sternberger, Peter de Mendelssohn,
Heinz Winfried Sabais (Darmstadt), Manfred Ranft (Hessen)

Peter de Mendelssohn informiert umgehend Werner Spies von seiner Wahl zum Merck-Preisträger 1979, der ihm direkt am 13. Juni »von Herzen für diese ehrenvolle Auszeichnung« dankt. Als Laudator für Werner Spies kann, wie in der Sitzung am 12. Juni angeregt, das Akademiemitglied Carl Linfert gewonnen werden.

Im August beginnt dann die Arbeit an der Formulierung des Urkunden­textes, wieder einmal ist es dabei vor allem Dolf Sternberger, der die Textredaktion prägt. Außerdem setzen die detaillierten Vorbereitungen des Programm­ablaufs am Tag der Preisverleihung ein, zu denen auch die Einladung an die persönlichen Gäste der Preisträger gehört. Wie alle Preisträger wird auch Werner Spies um eine Liste von Personen gebeten, die er gerne eingeladen sehen möchte. Die drei Seiten, die er daraufhin an Gerhard Dette schickt, sind ungewöhnlich umfangreich.

Werner Spies an Peter de Mendelssohn, 13. Juni 1979

»Jeder, der sich mit seinem Schreiben der Aktualität zuwendet, braucht einen Ausweg aus einer Baudelaire­schen Verdammung. Dieser Ausweg liegt nur in der eigenen Erlebnisfähigkeit. Über Erlebbares zu schreiben, enthält den Mehrwert der Passion. Deshalb hoffe ich, was mich betrifft, daß meine persönlichen Freundschaften –

Aus der Dankrede von Werner Spies
Dauer: 2:52 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Peter de Mendelssohn leitet nach seiner Eröffnungsansprache
über zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises
an Werner Spies, 19. Oktober 1979
© Foto: Pit Ludwig

seien es die mit Picasso, Max Ernst oder Beckett – mich noch einige Zeit von der Not des lustlos-objektiven Protokollanten erlösen werden. Dies ist beileibe kein Plädoyer für einen Konservatismus, sondern dafür, die großen revolutionären Momente, die man als Zeitgenosse erleben durfte, nicht dem Heer derer zu überlassen, die Revolutionen nur dann für notwendig erachten, wenn sie längst aufgebahrt sind.«

Werner Spies in seiner Rede »Den Texten des Kritikers sollte etwas Gewalttätiges anhaften« am 19. Oktober 1979
Werner Spies (Paris)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum