1985:
Sibylle Wirsing

Poesie und Sachlichkeit

Sibylle Wirsing im Gespräch mit Hermann Heimpel, Freud-Preisträger, im Hintergrund Büchner-Preisträger Heiner Müller
© Foto: Peter Hönig

19. April 1985, Sitzungsraum im Großen Glückert Haus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt: Zur Erinnerung verliest Gerhard Dette am Anfang der Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis 1985 die entsprechenden Passagen aus der Sitzung des vergangenen Jahres. Ernst Zinn greift daraus den Vorschlag Sibylle Wirsing auf. Als weitere Kandidaten nennt er Johannes Groß und Hans Egon Holthusen - der jedoch auf erhebliche Vorbehalte in der Runde trifft. Herbert Heckmann wagt den »vielleicht ketzerischen Vorschlag«, Marcel Reich-Ranicki auszuzeichnen, »der besser schreibe als mancher zuvor Ausgezeich­nete und neben Reinhard Baumgart und Heinrich Vormweg ein durchaus ernsthafter Kandidat (...) sei«. Es schließt sich eine rege Diskussion über Reich-Ranicki an, dessen Arbeit als Literatur­kritiker, so Dolf Sternberger, eher als »Literaturklatsch« zu bezeichnen sei. Er betont daraufhin noch einmal die Qualitäten von Sibylle Wirsing als Kritikerin, auch wenn man durch ihre Wahl womöglich Marcel Reich-Ranicki oder das Akademiemitglied Joachim Fest vor den Kopf stoße.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 19. April 1985, Anwesenheitsliste
Bernhard Zeller, Helmut Heißenbüttel, Hans Paeschke, Dolf Sternberger,
Ernst Zinn, Günter Busch, Hans-Martin Gauger, Lea Ritter-Santini,
Peter Benz (Darmstadt), Herbert Heckmann, Dieter Betz (Hessen),
Beda Allemann

»Er kenne im ganzen Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung niemanden, der in gleicher Weise (...) seine Formulierungen zuspitze und Wort für Wort den Eindruck vermittele, daß das Niedergeschriebene in hohem Maße durchdacht sei.« Nach einer weiteren ausführlichen Diskussion findet eine Probeabstimmung statt, aus der zwei Favoriten hervorgehen: Vormweg und Wirsing. In der »Endabstimmung« wird Sibylle Wirsing dann mit 5 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen als Merck-Preisträgerin 1985 gewählt.

Sibylle Wirsing wird sofort nach Ende der Sitzung benachrichtigt und schickt noch am selben Tag einen telegraphischen Dank. In den folgenden Wochen setzt dann der Austausch mit der Geschäftsstelle in Darmstadt über den Ablauf der Verleihung und alle damit verbundenen praktischen Fragen ein. Wie immer stellt der Generalsekretär ihr auch die Frage nach ihren Wünschen für die Laudatio - und Sibylle Wirsing ergreift selbst die Initiative und gewinnt Peter Wapnewski für diese Aufgabe.

Sibylle Wirsing an die Akademie, 19. April 1985

Dolf Sternberger, der in der Sitzung der vielleicht entscheidende Fürsprecher der Preisträgerin war, schickt am 8. August seinen Entwurf für den Urkundentext an Gerhard Dette. Ohne Änderungen werden seine Formulierungen in die Urkunde übernommen.

Zur Vorbereitung der Preisverleihung findet seit mehreren Jahren eine Planungssitzung statt, an der die Akademie, das Kulturamt der Stadt und das Staatstheater beteiligt sind. Das erhaltene Protokoll dieser Zusammenkunft am 26. September 1985 verdeutlicht, wie detailliert die Abläufe mittlerweile geplant werden, vom Bühnenaufbau und der gesamten Technik über die Verteilung der Sitzplatzkontingente oder die Unterstützung für die Fernsehaufzeichnung bis zur Gästebetreuung und dem Personaleinsatz.

»Man muß sie beobachten, Sibylle Wirsing, und sich durchgehen lassen was sie sich nie erlaubt, nämlich Blick und Aufmerksamkeit abzuwenden von der Bühne und zur Seite sehen, da wo sie ihren Platz hat: Balancierend auf der Kante ihres Sitzes, als werde sie aus dem Zuschauerraum hineingesogen in den der Bühne, gänzlich herausgelöst aus Zeit und Raum des Publikums und magisch teilhabend an der Wirklichkeit des Spiels und seiner Wunder und Wunderlichkeit. So nicht nur in der Generalprobe, nicht nur bei der Premiere, so auch noch beim dritten und vierten Besuch der gleichen Inszenierung. Gebannt in zarter Unerbittlichkeit und sanfter Radikalität, nicht bereit, Konzessionen welcher Art auch immer an eine Wirklichkeit zu machen, die nicht die Dignität des Realismus hat (und von der noch die Rede sein wird), den Wirklichkeitsanspruch also der Kunst. Ihre Antwort dann auf die Provokation, auf die Frage, die jede Inszenierung ist: gläserne Sätze, transparent und durchleuchtet von rationaler Strenge, Prosa mit dem Schleier der Poesie über ihrer Sachlichkeit, vibrierend unter Präzisionsdruck, den gehobenen Ton mit gelegentlicher Lässigkeit der Alltagssprache kunstvoll und sehr kalkuliert mischend. Wie hört sich das an?«

Peter Wapnewski in seiner Laudatio

»Aber nun meine Frage; wie trenne ich mich trotz allem von dieser ältlichen, aufgeputzten Person, die ich als Theater­kritiker notgedrungen oder freiwillig mitverkörpere? – Zunächst sehr einfach und schwer genug: Ich lege alle verein­barten Trümpfe aus der Hand; Spott, Anzüglichkeit, Besserwisserei, Arroganz und alle anderen Buben. Statt über meinen Gegenstand von oben herab zu richten, ringe und rechte ich mit ihm. Das fällt mir schwer, weil das Theater eine Riesengröße ist und mir bei der Konfrontation immer wieder meine angelernten und einverleib­ten Attitüden dazwischen­kommen. Aber ich mache Fortschritte – und dabei mache ich mich unmöglich.«

Preisverleihung am 18. Oktober 1985
Peter Wapnewski (Laudator), Sibylle Wirsing, Günther Rühle, Dolf Sternberger (v. r.)
© Foto: Peter Hönig

»Ein Kritiker, der sich von dem pseudo-dialektischen Zunft-Jargon scheiden will, muß seine Worte unter einer so strengen selbstkritischen Beobachtung zur Argumentation zusammensetzen, als ginge es jedesmal wieder ums Leben. Seine Kräfte werden nicht ausreichen. Aber versuchen sollte man es ihn lassen.«

Sibylle Wirsing in ihrer Rede am 18. Oktober 1985
Sibylle Wirsing (Berlin)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum