1991:
Peter von Matt
»ein großräumiger Leseverführer«
Am 21. Januar 1991 schickt Gerhard Dette den Mitgliedern des Erweiterten Präsidiums die Namen der Kandidatinnen und Kandidaten, die »in der Sitzung am vergangenen Freitag für die Preis-Diskussion« am 22. April festgelegt worden sind. Für den Merck-Preis finden sich darauf 10 Namen, die aus den Vorschlägen ausgewählt worden sind, die dem Gremium am 18. Januar aus zwei Quellen vorgelegen haben: von den Mitgliedern des Erweiterten Präsidiums und auch, wie dies vor einiger Zeit angeregt worden war, als Vorschläge aus dem Kreis der Akademiemitglieder.

zusammengestellt für die Sitzung am 18. Januar 1991


Als am 22. April das Erweiterte Präsidium mit seinen Beratungen über den Merck-Preis beginnt, wird zunächst versucht, den Umfang der Liste mit Vorschlägen zu reduzieren. Übrig bleiben schließlich: Jürgen Dahl, Benjamin Henrichs, Hans Egon Holthusen, Peter von Matt. »Über Hans Egon Holthusen sind sich alle einig: er sei der Chronist einer vergangenen Epoche; ihn auszuzeichnen bedeute aber eine nachträgliche Ehrung.« Für Jürgen Dahl und Benjamin Henrichs finden sich keine entschiedenen Fürsprecher, »so bleibt als aussichtsreichster Kandidat für den Merck-Preis Peter von Matt übrig«. Die folgenden Abstimmungen bestätigen dies und schließlich wird Peter von Matt mit sechs Stimmen gewählt, Benjamin Henrichs und Hans Egon Holthusen erhalten jeweils eine Stimme.

Günter de Bruyn, Lea Ritter-Santini, Hartmut von Hentig,
Peter Benz (Darmstadt), Hans Wollschläger, Ivan Nagel,
Oskar Pastior, Walter Helmut Fritz, Herbert Heckmann,
Herman Dieter Betz (Hessen)

Protokoll, Seite 3

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 2
Am 3. Mai schickt Gerhard Dette die ›offizielle Mitteilung‹ an den Merck-Preisträger Peter von Matt. Wie immer skizziert Dette den Rahmen der Preisverleihung, nennt die zeitlichen Vorgaben für die Dankrede und erkundigt sich nach den Wünschen für die Laudatio. Peter von Matt antwortet ihm am 9. Mai und erklärt: Peter Wapnewski und Iso Camartin wären mir beide als Laudatoren sehr angenehm. Iso Camartin wird dann am 19. Oktober die Laudatio halten.

»Und da kommt einer, den der Hafer noch sticht, und läßt sich ins Spiel der Texte hineinlocken, einer, der lesend schweben, gleiten, entgleiten will, der sich die Freiheit nimmt, auf dem Seil seiner Wünsche Volten zu schlagen und Saltos zu vollführen – und der mit einem glücklichen Einfall querfeldein durch den Text rennt, um ihn am Ende für den heimlichen Wunsch einer seiner Leser zu retten.«
vom Wünschen und vom schonenden Sehen«
»›Das Wort erstirbt schon in der Feder‹, heißt es im ›Faust‹ – ein starker Satz, gewiß, aber ohne die Feder, die er verklagt, wäre er nie bis zu uns gekommen. Von einer ganzen Generation und ungezählten Nachfolgern wird die Tinte ausgespielt gegen das Blut, und das Papier wird ausgespielt gegen den Leib – und immer geschieht es mit Tinte und Papier. Die Tinte selbst aber transportiert getreulich jede Beschimpfung. Getreulich verbreitet sie ihre eigene Diffamierung zum Inbegriff des Blut- und Geistlosen. Die Tinte ist der Esel der Poesie. Ich erkläre hier meine Hochschätzung der Esel, und ich bekenne mich zur Spiritualität der Tinte.
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Das hängt zusammen mit meiner Arbeit, dem, was mir dabei gefällt und fröhliche Tage macht. Meine Arbeit geschieht an der Literatur, und die Literatur begegnet mir zunächst einmal von ihrer Tintenseite her. Mein Beruf gilt dem ›Gleksenden‹ – geschrieben mit einem schillerischen G.«

vor Beginn der Preisverleihung am 19. Oktober 1991
© Foto: Peter Hönig
»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1991
Peter von Matt
für sein literaturkritisches Werk, welches nicht nur das ästhetische Urteil um psychologische Einsichten bereichert, sondern die fatale Trennung zwischen Literaturkritik und Literaturwissenschaft aufhebt. Der Kritik wird so die Würde der Philologie und dieser die Eleganz der geschliffenen Rede zurückgegeben.«

bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Holger Haupt

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum
