1989:
Lothar Baier

ein unabhängiger Geist

Lothar Baier bei seiner Dankrede, 21. Oktober 1989
© Foto: Peter Hönig

Am 8. und 9. Mai kommt das Erweiterte Präsidium im Großen Glückert-Haus, dem Sitz der Akademie in Darmstadt, zusammen. Auf der Tagesordnung stehen die Wahlen für die drei im Herbst vergebenen Preise. Diesmal ziehen sich die Beratungen über den Büchner-Preis lange hin, so dass am ersten Sitzungstag noch keine Entscheidung fällt. Am 9. Mai wird die ausführliche Diskussion daher fortgesetzt. Nach der Wahl von Botho Strauß zum Büchner-Preisträger folgt ein kurzer Austausch über den Freud-Preis mit dem Ergebnis Ralf Dahrendorf - dann beginnen schließlich die Beratungen über den Merck-Preis.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 8. und 9. Mai 1989,
Anwesenheitsliste, Peter Benz (Darmstadt), Peter Wapnewski,
Ivan Nagel, Herman Dieter Betz (Hessen), Walter Helmut Fritz,
Herbert Heckmann, Lea Ritter Santini, Hartmut von Hentig,
Hans Wollschläger, Guntram Vesper, Hans-Martin Gauger

Mit der Einladung hatten alle Mitglieder des Gremiums die in der Sitzung am 20. Januar zusammengestellte Kandidatenliste erhalten, für den Merck-Preis finden sich auf ihr 19 Namen.*In der Mitgliederversammlung während der Herbsttagung 1988 war beschlossen worden, »daß die Akademiemitglieder auf einem formlosen Blatt dem Präsidium, also der Jury für die Akademie-Preise, ihre Kandidatenvorschläge (...) mitteilen.« Die Nennungen, die anonym erfolgten, sollten der Jury »Anhaltspunkte« liefern, »wie man innerhalb des Akademie-Kollegiums über Preis-Zuerkennungen denkt«. Aus diesem, nicht lange praktizierten Verfahren, erklärt sich die hohe Zahl der Vorschläge, die dem Erweiterten Präsidium in seiner Sitzung im Januar 1989 vorlagen. Zunächst geht es daher darum, zu einer engeren Auswahl zu kommen. Alle sind aufgefordert, drei »bevorzugte Kandidaten« zu nennen, für die Diskussion bleiben dann jedoch immer noch 11 Vorschläge übrig, die in einem mühsamen Klärungsprozess und mit der Hilfe von drei Probeabstimmungen auf die Entscheidung zwischen Dieter Wellershof und Lothar Baier konzentriert werden. In geheimer schriftlicher Abstimmung erhält Wellershof dabei 4 Stimmen und Baier 5 Stimmen, da die Stimme des Präsidenten nach den Verfahrensregeln doppelt zählt.

Der knappe Ausgang der Wahl lässt vermuten, dass es dem Erweiterten Präsidium in diesem Jahr schwer­gefallen ist, sich mehrheitlich auf einen Kandidaten zu verständigen. Bereits die ausführliche Diskussion über die Vorschläge lässt die divergierenden Einschätzungen der beiden in die entscheidende Abstimmung gekommenen Kandidaten erkennen. Bei Dieter Wellershof beschäftigt die Runde vor allem eine Sorge: Sollte er davon erfahren, dass er zuvor für den Büchner-Preis im Gespräch war, dann drohe der Akademie erneut eine Ablehnung des Preises, wie im vergangenen Jahr durch Walter Jens - »er sei sehr stolz«, so Herbert Heckmann. Und von Lothar Baier heißt es im Protokoll: »Er sei nicht geistreich, aber triftig, habe eine große Breite. Er sei weniger Kritiker als ein guter Essayist (Herr Heckmann). Sensibel und kämpferisch bewege sich Baier mit seinen zeitkritischen Essays am linken Rand (Herr Vesper).«*z.B. »Französische Zustände. Berichte und Essays«, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1982; »Die große Ketzerei. Verfolgung und Ausrottung der Katharer durch Kirche und Wissenschaft«, Berlin (Wagenbach) 1984; »Gleichheitszeichen. Streitschriften über Abweichung und Identität«, Berlin (Wagenbach) 1985.

Kandidatenliste für die Diskussion am 8. und 9. Mai 1989
mit zahlreichen während der Sitzung entstandenen Notizen,
die die unterschiedlichen Stadien der Diskussion
(und auch die Bewegungen zwischen Merck- und
Freud-Preis) erkennen lassen.

Nach der Sitzung ruft Herbert Heckmann den Preisträger an, um ihm die Entscheidung mitzuteilen. Am 16. Mai folgt dann der obligatorische Brief des Generalsekretärs, in dem alles noch einmal »gewissermaßen offiziell« bekräftigt und durch die wichtigsten Informationen ergänzt wird. Um einen Vorschlag für die Laudatio wird diesmal jedoch nicht gebeten, denn in der Sitzung am 9. Mai wurde festgelegt, dass hierfür Karl Heinz Bohrer gewonnen werden soll. Da dies nicht gelingt, wird Helmut Scheffel am 21. Oktober diese Aufgabe übernehmen.

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1989 Lothar Baier für sein kritisches und essayistisches Werk, in dem er beherzt der gedanklichen Schärfe vor modischem Denken den Vorzug gibt. Sein großes Thema ist unser Nachbarland Frankreich, dem er engagierte Arbeiten gewidmet hat. In ihnen offenbart er einen unabhängigen Geist, dem es auf die Wahrheit und nicht auf das Gefällige ankommt.«

Text der Urkunde
Preisverleihung am 21. Oktober 1989,
(v.r.) Lothar Baier, Jürgen Habermas (Laudator Dahrendorf),
Ralf Dahrendorf (Freud-Preis), Michael Krüger
(verlas die Dankrede von Botho Strauß, Büchner-Preis) ,
Luc Bondy (Laudator Botho Strauß)
© Foto: Peter Hönig

»Oft ist er scharf und sarkastisch, und mancher polemische Seitenhieb, den er auf dem Weg seiner Wahrheitsfindung austeilt, löst nicht unbedingt Wohlgefallen aus – und sei es das am blitzenden Wortgefecht –, aber, um im Bild zu bleiben, die schneidende Kraft der Argumente, deren sich der Autor, gestützt auf Fakten, bedient, zeigt in einer Zeit postmoderner Beliebigkeit, des Alles mit Allem verbindenden Sowohl-als-auch-Geredes, eines Denkens, dessen Paradigma der Konsens zu sein scheint, zeigt also unter solchen Umständen, daß erhellendes Denken nicht das in der Mitte liegende sein kann, sondern das abweichende, das sich abarbeitet und nie zur Ruhe kommt. Eine unbequeme Position. Doch es ist nicht zu befürchten, daß der Preisträger sie verläßt.«

Helmut Scheffel in seiner Laudatio »Unnachgiebiger Kritiker bestehender Verhältnisse«

»Ich danke (...) für diese Auszeich­nung. Ich verstehe sie nicht nur als persönliche Anerkennung, sondern auch als eine öffent­liche Geste, die das Bürgerrecht der nicht im Rezensionswesen aufgehenden Kritik hervorhebt. Ich nehme sie als Ermutigung an, die gefährdete, aber überlebensnot­wendige Balance zwischen Beteiligung und Distanz aufrecht­zuerhalten.«

Aus der Dankrede von Lothar Baier
Dauer: 3:56 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Lothar Baier, Manuskript der Dankrede, Seite 9
»Lothar Baier als Historiker, das konnte nur den überraschen, der nicht deutlich gesehen hat, mit welchem ›historischen Blick‹ er schon immer, Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben, und selbst Landschaften betrachtet hat. Über viele Jahre hat er im Ardèche, nicht weit vom Rhônetal, Erfahrungen und Beobachtungen beim Zusammenleben mit ›einfachen Leuten‹ gemacht, wie man obenhin sagt, wie er selbst sie aber nie nennen würde, weil er gerade zeigt, was für eine vielfältige komplexe Geschichte in den Lebens-, Verhaltens- und Umgangsformen dieser Bauern, Winzer und Handwerker steckt und wie sie durch genau benannte ökonomische Veränderungen im Verlaufe der Jahrhunderte geprägt wurden, so wie die Landschaft die Spuren all dieser Veränderungen zeigt. Man muß sie nur zu lesen verstehen.«
Helmut Scheffel in seiner Laudatio
Nach der Preisverleihung am 21. Oktober 1989,
Detlev Claussen, Lothar Baier,
Gerda Scheffel, Helmut Scheffel
© Foto: Peter Hönig