Erste Abgrenzungsfragen

Sofort nachdem im Frühjahr 1964 der Akademiepräsident Hanns Eppelsheimer dem Präsidium von seinen Plänen zur Einrichtung neuer Preise berichtet hatte, spielte bei den Diskussionen in diesem Gremium das Verhältnis zwischen den von der Akademie dann künftig zu vergebenden Auszeichnungen eine gewichtige Rolle. Im Mittelpunkt stand dabei die Abgrenzung der neuen Preise vom Büchner-Preis. Dieser müsse, so wurde betont, auch weiterhin als »der Große Preis der Akademie« gelten.

In der ersten ausführlichen Besprechung im Präsidium am 25. Mai 1964 war es vor allem Dolf Sternberger, der entschieden seine Bedenken äußerte – auch wenn er zunächst anerkennen musste, »daß die Idee zu diesen Preisen grundsätzlich zur Akademieaufgabe ›Der Umfang der Literatur‹ gehört«. Durch sie sei jedoch »die Einzigartigkeit des Georg Büchner Preises« gefährdet. Er schlug daher statt der Neueinrichtung von Preisen eine Erweiterung des Büchner-Preises vor, »um die Gleichberechtigung der Literatur zu dokumentieren«. Der Büchner-Preis könne »einmal einem Poeten, dann einem Prosaisten, dann einem Politiker und schließlich einem Wissenschaftler« verliehen werden. Mit den neuen Preisen hingegen bekämen die »Poeten ein Übergewicht, und es läßt sich nicht vermeiden, daß die Empfänger der kleineren Preise unter ›ferner liefen‹ rangieren«. Genau um diese Abgrenzung zum Büchner-Preis ging es jedoch Eppelsheimer, der noch einmal die Aufgabe betonte, »daß die kleineren Preise die Literatur fördern sollen«.

Präsidiumssitzung am 22. April 1964, handschriftliche
Notizen des Generalsekretärs Ernst Johann, Seite 3

Eppelsheimer fand schließlich für seine Pläne eine Mehrheit im Präsidium und so konnten bei der Herbsttagung 1964 erstmals drei »kleinere« Preise neben dem Georg-Büchner-Preis vergeben werden: der Preis für Germanistik im Ausland an Robert Minder, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa an Hugo Friedrich und der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik an Günter Blöcker.

In den ersten ausführlichen Entwürfen für ein »Statut für die Preise neben dem Büchnerpreis«, mit dem 1965 das mit den neuen Preisen entworfene literaturpolitische Programm in einem Regelwerk strukturiert werden sollte, spielte genau diese Aufgabe einer deutlichen Differenzierung zwischen den Auszeichnungen eine große Rolle. Der Georg-Büchner-Preis wurde, dem in der Akademie damals vorherrschenden kulturkonservativen Dichtungsbegriff folgend, als ein »Preis für Dichtung (Lyrik, Drama und Roman)« gefasst. Dichtung, das war in diesem Verständnis ein »Wertungsbegriff; er bezeichnete die höchste, weil künstlerisch gestaltete Form sprachlicher Mitteilung« (Ernst Osterkamp). Die neuen Auszeichnungen hingegen zielten auf den gesamten »Umfang der Literatur«, mit ihrer Hilfe wollte die Akademie, wie Hanns Eppelsheimer bereits im Frühjahr 1964 das Ziel vorgegeben hatte, »eine deutsche Literaturpolitik als ihr Wirkungsgebiet ansteuern«.

Briefentwurf für die Einladung zur Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 22. April 1965
mit dem Versand des ersten Entwurfs für ein Statut der neuen Preise

Die »Preise neben dem Büchner-Preis« waren »Literatur-Preise in genauen Sinn des Worts«, als Würdigung einer »speziellen oder partiellen literarischen Leistung«. Der Unterschied zwischen dem Büchner-Preis und den »kleineren Preisen« müsse daher, so die vorherrschende Position im Präsidium, immer gewahrt bleiben. Der erste und ausführliche Entwurf des Statuts betont daher ausdrücklich: »Es darf also nicht geschehen, daß die Preise an Stelle eines nicht ganz verdienten Büchnerpreises (…) verliehen werden und schließlich daraus, infolge einreißender Laxheit, etwas wie ein ›kleiner Büchnerpreis‹ wird.« Darauf werde, so hieß es, das Präsidium peinlich zu achten haben.

Der Merck-Preis wird erweitert

1969 stand das Präsidium, nachdem es Erich Heller zum Kandidaten für den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik gekürt hatte, vor einem Problem. Heller war ein viel geeigneterer Preisträger für einen anderen der 1964 geplanten Preise, den Karl-Hillebrand-Preis für Essay, für den sich bis jetzt jedoch kein Geldgeber gefunden hatte. Auf den Versuch der Akademie, die Stadt Darmstadt – den Finanzier des Merck-Preises in diesen ersten Jahren – für eine alternierende Vergabe der Auszeichnungen für Literaturkritik und Essay zu gewinnen, antwortete die Stadt mit einer grundsätzlichen Öffnung des Preisprofils. Der Magistrat der Stadt teilte am 26. Juni 1969 mit: der Merck-Preis »soll künftighin ›für literarische Kritik und Essay‹ verliehen werden«.

Damit wurde der Merck-Preis nicht nur für die Auszeichnung herausragender Essayistik geöffnet, auch seine Grenzen zur wissenschaftlichen Prosa und damit zum Sigmund Freud-Preis, wie auch die zum literarischen Terrain des Büchner-Preises wurden durchlässiger. Dies sollte die Jury und ihre Entscheidungen immer wieder beschäftigen – keineswegs nur aufgrund einer im Entwurf für das Statut 1965 angesprochenen »Laxheit« im Umgang mit dem Profil der Preise, sondern auch angetrieben von strategischen Überlegungen und taktischen Ausweichmanövern.

Der Magistrat entscheidet sich am 22. Juni 1969 für die
Erweiterung der »Zweckbestimmung« des Merck-Preises.

Bereits zwei Jahre nach der Neufassung des dem Merck-Preis zugedachten »Feld der Literaturpolitik« wurde dies offenkundig. Am 7. Juni 1971 beriet das Erweiterte Präsidium über die im Herbst zu vergebenden Preise: den Georg-Büchner-Preis, den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und den Johann-Heinrich-Merck-Preis, der nun nicht mehr nur literarische Kritik, sondern auch herausragende Essayistik auszeichnen konnte.

Preisverleihung am 23. Oktober 1971
Werner Kraft, Peter Huchel, Uwe Johnson, Gerhard Storz
Foto: Pit Ludwig

Die Entscheidungsprozesse der Jury in diesem Jahr sind nicht nur interessant, weil die Akademie mit Peter Huchel – und in gewisser Weise auch mit dem Büchner-Preisträger Uwe Johnson – ihre Aufmerk­samkeit auf das »andere Deutschland« richtete. Aufschlussreich ist auch die unscharfe Grenze zwischen Georg-Büchner-Preis und Johann-Heinrich-Merck-Preis, die in den Beratungen über Peter Huchel deutlich wird. Zunächst wurde Peter Huchel gemeinsam mit Uwe Johnson und Gabriele Wohmann als Kandidat für den Georg-Büchner-Preis diskutiert, konnte sich aber nicht durch­setzen. Als Huchel dann kurz darauf in derselben Sitzung für den Johann-Heinrich-Merck-Preis erneut vorgeschla­gen wurde, fand sich schnell Einstimmig­keit. Nun wurde anstelle des Dichters Huchel der Zeitschriftenmacher in den Vordergrund gerückt, der in der DDR zwischen 1949 und 1962 die Zeitschrift Sinn und Form zu einem herausragenden, unabhängigen literarischen Forum gemacht hatte. Diese Verlagerung eines Kandidaten während der Jurydiskussion von einem Preis zu einem anderen geschah 1971 nicht zum letzten Mal.

Erinnerungszettel für die Sitzung am 7. Juni 1971
mit den im Jahr 1970 im Erweiterten Präsidium
diskutierten Vorschlägen für die Preise und
mit verschiedenen Notizen während der Sitzung
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Zwischen Büchner- und Merck-Preis

In den frühen 1970er Jahren hatte sich die Akademie bei der Wahl ihrer Merck- und Freud-Preisträger eher aus den Kulturdebatten dieser Jahre herausgehalten, als ob sie nach den Turbulenzen der späten 60er in kritischer Distanz zu den Zeitläuften innehalten wollte. Mit den Entscheidungen für Ernst Bloch, Jürgen Habermas oder Walter Höllerer schien sich jedoch eine Veränderung anzubahnen.

Das Verhältnis zwischen dem Büchner-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis beschäftigte das Präsidium jedoch erneut, nachdem 1975 damit begonnen worden war, beim Festakt im Herbst nicht nur für den Büchner-Preis, sondern auch für die anderen beiden Preise eine Laudatio vorzusehen. Die Dankreden der Geehrten hatten seit 1972 bereits zum festen Bestandteil der Feier gehört und waren nicht mehr in das sonstige Tagungsprogramm ausgelagert worden. Der Darmstädter Oberbürgermeister Heinz Winfried Sabais, der als Gast an der Präsidiumssitzung vom 29. Januar 1976 teilnahm, warnte daher vor einer »Einebnung des Büchner-Preises«, wenn gar nun auch noch überlegt werde, die anderen beiden Preisträger gleichfalls am Freitagabend lesen zu lassen. Dolf Sternberger stimmte ihm zu, man dürfe nicht zu weit gehen – und das Präsidium beschloss daraufhin, dass der Büchner-Preis künftig zumindest durch seine Dotation und durch die Lesung des Preisträgers am Vorabend der Verleihung deutlich unterschieden bleiben müsse.

Programm der Preisverleihung am 18. Oktober 1975,
erstmalig mit Laudationes und Dankreden für alle Preise

Trotz aller damit bekräftigten Rangunterschiede blieben die Verhältnisse zwischen Merck-Preis und Büchner-Preis jedoch flexibel. Deutlich wurde das erneut, als kurz darauf, am 15. Juni 1976, über die Preiskandidaten für den Herbst beraten wurde. Peter Rühmkorf war anfänglich von Dolf Sternberger als Kandidat für den Georg-Büchner-Preis ins Gespräch gebracht worden, konnte sich aber in der Folge nicht durchsetzen. Vor allem der Hinweis, Rühmkorf sei der von Marcel Reich-Ranicki empfohlene Kandidat, mobilisierte Widerstände in der Jury.

Wieder einmal erwies sich in diesem Jahr die Grenze zwischen dem Georg-Büchner-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis als durchlässig und der Merck-Preis als Ausweichmöglichkeit in einer verfahrenen Jurydiskussion. Der Urkundentext für Rühmkorf lässt die Manöver der Jury zwischen Büchner- und Merck-Preis noch erahnen.

In seiner Dankrede gab Peter Rühmkorf einen ironisch-ernsthaften Kommentar hierzu ab, indem er für die »Medaille mit den zwei Seiten« dankte und vorschlug, den Preis, der dem ordentlichen Teil seiner Person – dem »Schreibmaschinisten« – zugedacht worden war, auch an deren närrischen Antipoden weiterzugeben. Und tatsächlich erhielt Rühmkorf 1993 auch noch den Georg-Büchner-Preis.

Vorschlag für den Text der Urkunde für Peter Rühmkorf

Zwischen Merck- und Freud-Preis

Nicht nur das immer wieder neu austarierte Verhältnis zwischen Büchner-Preis und Merck-Preis begleitete die Geschichte der Preisverleihungen, auch zwischen dem Merck-Preis und dem in der gleichen Feier verliehenen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa gab es zuweilen Verwundern erregende Grenzüberschreitungen.

Der Germanist Albrecht Schöne, Merck-Preisträger des Jahres 1983, wies in seiner Dankrede darauf hin, dass – hielte man sich an das hierzulande geläufige Verständnis – er für den Johann-Heinrich-Merck-Preis gar nicht in Frage käme. »Unter meinesgleichen erfüllt die Verleihung eines Preises für Literarische Kritik und Essayistik nahezu den Tatbestand des öffentlichen Rufmords«, stellte er mit einem Augenzwinkern fest, bevor er sich mit Johann Heinrich Merck auf die Suche nach einem »Raum« begab, in dem »Gelehrte, Virtuosen, Schriftsteller, witzige Köpfe u. dgl.« (Merck) sich von gleich zu gleich begegnen könnten.

Albrecht Schöne stellt sich am 14. Oktober 1980
als neues Mitglied der Akademie vor.
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

In der Präsidiumssitzung hatte Beda Allemann bereits die Schwierigkeit angesprochen, Albrecht Schöne nicht, wie zunächst diskutiert worden war, den Sigmund-Freud-Preis zuzuerkennen, sondern den Johann-Heinrich-Merck-Preis. Dies sei nur zulässig, wenn man literarische Kritik im weitgefassten angelsächsischen Sinne verstehe. Damit wurde freilich das Profil des Preises wieder einmal über die ursprünglich mit seiner Einrichtung verbundenen Zielsetzungen hinaus erweitert.

Diese Offenheit, die Durchlässigkeit seiner Abgrenzungen vom Büchner-Preis wie gelegentlich auch vom Sigmund-Freud-Preis begleitete den Johann-Heinrich-Merck-Preis während seiner gesamten Geschichte. Zuweilen mag ihn das recht schutzlos situativen Begehrlichkeiten der Jury ausgesetzt haben, ebenso aber eröffnete die Besonderheit auch die Chance, dass dieser Preis sich recht unbeschwert von allzu strikten Regeln entwickeln konnte.

2003 wurden die durchlässigen Konturen - man könnte auch sagen: Undeutlichkeit der Kriterien - des Merck-Preises noch einmal sehr deutlich von einem Preisträger thematisiert. Die Dankrede von Klaus Theweleit kreiste um die Auflösung festgefügter Schreibformen. Mit der Frage, was seine Bücher »wohl wären«, befragte er auch die Entscheidungsgrundlagen der Jury. Gleich zu Beginn stellte er seine Rede in einen Zusammenhang mit der Dankrede von Peter Rühmkorf. Ihm gehe es »mit dem Preis ein bißchen ähnlich, was die Preis-Umverteilung angeht«. Und er fuhr fort: »Zwar gibt es Essaybände von mir, aber ob Männerphantasien, Buch der Könige oder Pocahontas ›Essays‹ sind, weiß ich nicht. Ich weiß aber auch nicht genau, was sie sonst wohl wären. Eine klare Autor-Figur, wie Rühmkorf den Lyriker, kann ich nicht anbieten als Preisträgeralternative.«

»Schreibe ich histori­sche Untersuchungen? Ja; aber im strengen Sinn: nein. Sie sind zu erzählerisch. Schreibe ich eine Art Romane? Manche sagen: schon eher; aber im strengen Sinn: nein. Sie bauen sich nicht um Handlun­gen; und sind auch zu wissenschaftlich. Als Wissenschaft aber nicht recht verortbar.«
Klaus Theweleit bei seiner Dankrede am 25. Oktober 2003
© Foto: Isolde Ohlbaum