2023: Jutta Person

»Alles kann zu Gast in ihrer Sprache sein und findet darin einen Platz, auch Trauer und Gefährdung.«
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den
Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2023
Jutta Person
in deren Sprache alles zu Gast sein kann und darin seinen Platz findet, auch Trauer und Gefährdung. Ihre Literaturkritiken sind umsichtig, informiert, gewitzt. In ihren naturkundlichen Untersuchungen zeigt sie sich als hochbelesene und für die Phänomene sensible Autorin, die auch schwer Bestimmbares sprachlich schwerelos zu fassen weiß. Ob ihre Schriften sich literarischen Texten oder Korallen oder Eseln widmen: stets öffnet Jutta Person großzügig einen hellen Raum, in dem die Sache sich bemerkenswert klar betrachten lässt.
Urkundentext
Merck-Preisträgerin Jutta Person und
Akademiepräsident Ernst Osterkamp,
Preisverleihung am 4. November 2023
© Foto: Andreas Reeg

»Jutta Persons Welthunger ist enorm und unstillbar. Kein Wunder, daß sie sich nicht nur für das Häkelriff*»das von Hunderten Freiwilligen umgesetzte Häkel-Kunstprojekt des Crochet Coral Reef, in dem Ästhetik und Naturbeobachtung, Vermessung und Begeisterung wieder zusammenfinden«, so Daniela Strigl , sondern auch für die kurios-monströse, absolut zwecklose ›Weltmaschine‹ des steirischen Bauern Franz Gsellmann erwärmt. Kultur­wissenschaft ist bei Jutta Person nicht weniger, sondern mehr als die Summe ihrer Teile, etwa ihrer Studienfächer Germanistik, Philosophie, Italianistik. Gerade das seltsame, abseitige, ›prekäre‹ Wissen hat es ihr angetan, die Schrullen und Grillen der Außenseiter, nicht selten, wie sie in einem wiederum wunderbar eselhaften Bild meint, ›abgehängt von Stringenzhengsten, die keine crazy Galopper neben sich dulden‹.«

Daniela Strigl in ihrer Laudatio »Physiognomik und Welthunger. Ein fünfköpfiges Bestiarium für Jutta Person«
Daniela Strigl bei ihrer Laudatio
© Foto: Andreas Reeg
Aus der Laudatio von Daniela Strigl
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

»Wenn heute in der Literatur oder in der Essayistik, bei der Climate Fiction oder im Nature Writing, nach neuen Gattungen und Erzählformen gesucht wird, dann werden solche historischen Figuren (wie Johann Heinrich Merck) in den Übergangszonen interessant. Alte Ordnungen funktionieren nicht mehr, und neue sind noch nicht gefunden; das gilt für Mercks Kosmos sowohl über als auch unter der Erde. (...) Mercks Rhinozerosse waren schon längst ausgestorben. Aber sie erzählen vom Versuch, die Welt mithilfe der Naturforschung neu begreiflich zu machen, und von der Zauberkraft, die in den tierischen Ordnungen steckt. Und nicht zuletzt erzählen sie von der Energie des Amateurs, der den Objekten seiner Begierde verfallen ist, von menschlichen Leidenschaften also.«

Jutta Person in ihrer Rede »Phantastische Tierwesen
und wo sie zu finden sind« am 4. November 2023
Aus der Dankrede von Jutta Person
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Wenn das Schreiben über Natur so etwas wie ein Archiv der Wahrnehmungs­phantasie ist und wenn dieses Archiv das Bewusstsein schärft für alles, was gerade verloren geht, dann wäre schon viel gewonnen.

Jutta Person in ihrer Dankrede
Jutta Person bei ihrer Dankrede
© Foto: Andreas Reeg
»Eine allumfassende Neugier auf das Wissen der Welt, gespeichert in der einen oder anderen Nußschale, scheint ihr Antrieb zu sein für ein Nature Writing und Culture Writing ohne Schranken und Dünkel, und ihre Informiertheit bezüglich des unaufgeräumten Hinterhofs der Wissenschaft und der Gefilde der Pop-Kultur kann es allemal mit jedem hauptstädtischen Mittagsblatt aufnehmen. Auch tritt Person als Method Actress der Naturkunde in Erscheinung: Wenn sie zur leibhaftigen Erforschung des Lebensraums der Korallen eigentlich tauchen können müßte – dann lernt sie das eben.«
Daniela Strigl in ihrer Laudatio auf Jutta Person
Jutta Person und ihre Laudatorin Daniela Strigl
vor Beginn der Preisverleihung am 4. November 2023
© Foto: Andreas Reeg