Abgesänge - die Krisen der Kritik

Spätestens in den 1980er Jahren begann das Bewusstsein einschneidender Veränderungen des kritischen Geschäfts sich über die feierliche Ehrung der Merck-Preisträger zu legen. Heinrich Vormweg, einer der bekanntesten Literaturkritiker der Zeit, markierte 1986 in seiner Dankrede den eingetretenen Verlust.

»Die Kritik aber, die erste Waffe der Aufklärung, sie verlor sich in all dem Rezensionswesen nach und nach bis zur Unkenntlichkeit. (…) Deutlich, ja schrecklich spürbar längst das allmähliche Verschwinden der Kritik aus dem öffentlichen Bewußtsein. Und ihre Medien selbst, so scheint es, tragen zur Verschleierung dieses Sachverhalts bei. (…) Bücher, Bilder, Theater, Filme werden gelobt und getadelt. Überall wird dem freiheitlichen Ritual Genüge getan. Eine Verständigung über die Gründe aber ist meist schon kaum noch möglich.«

Aus der Dankrede von Heinrich Vormweg
Dauer: 4:57 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinrich Vormweg bei seiner Rede
unter dem Titel »Quer zum Zeitgeist«,
Preisverleihung am 10. Oktober 1986
© Foto: Peter Hönig

Im Folgejahr wurde der Ton noch melancholischer. Merck-Preisträger 1987 war Reinhard Baumgart, Michael Krüger hielt die Laudatio auf ihn. Beide umkreisten in ihren Reden bei der Preisverleihung die Situation der »literarischen Kritik«. Michael Krüger würdigte Reinhard Baumgart, unter Anspielung auf Hans Magnus Enzensbergers Diktum vom Verschwinden des Berufsstandes des Literaturkritikers, als einen »der Letzten, Abschließenden der Gattung«. Und Reinhard Baumgart ließ sich, wie er sagte, »wieder einmal ergreifen von meiner alteingesessenen Sympathie für eine – gesetzt den Fall – verlorene Sache und ergreifen vom Merck-Preis,

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der so etwas Vergängliches und Untergehendes auch noch fördern will. Den siegreichen Sachen wird ja ohnehin und triumphal geholfen, im Himmel und auf der Erde, von Göttern und Medien, Zeit- und Weltgeist.«

»Ich habe wenig dagegen, ein Spätgekommener und Letzter, ein Abschließender zu sein ... Oft will mir unsere Gegenwartsliteratur, das Höchste und Feinste davon, als ein Abschiednehmen, ein rasches Erinnern, Noch-einmal-Heraufrufen und Rekapitulieren des abendländischen Mythos erscheinen, – bevor die Nacht sinkt, eine lange Nacht vielleicht und ein tiefes Vergessen.«
Mit diesem Zitat Reinhard Baumgarts beginnt am 17. Oktober 1987 Michael Krüger seine Laudatio
Reinhard Baumgart, am 17. Oktober 1987
© Foto: Peter Hönig
»Hans Magnus Enzensberger hat zu Beginn dieses Jahres das Verschwinden des Berufsstandes ›Literatur-Kritiker‹ festgestellt, er sei in der Entwicklung der bürgerlichen Gesell­schaft überflüssig geworden wie so viele andere Berufsstände auch. Ich habe also, wenn Enzensberger recht hat, das Vergnügen, im Namen unserer Akademie einen der Letzten, Abschließenden der Gattung zu ehren: Reinhard Baumgart.«
Michael Krüger in seiner Laudatio am 17. Oktober 1987
Andruck der Urkunde für Reinhard Baumgart

Am 21. Oktober 1989 fand die Preis­verleihung vor dem Hintergrund der friedlichen Revolution in der DDR statt. Merck-Preisträger war in diesem Jahr Lothar Baier, der in dieser historischen Umbruchsituation auf ideale Weise die Verbindung zu einer anderen Epochen­wende vor allem im Westen verkörperte: dem mit 1968 verknüpften Prozess gesell­schaftlicher Demokratisierung und dem Ende des Beschweigens der NS-Zeit. Helmut Scheffel nannte in seiner Laudatio den Preisträger einen »unnachgiebigen Kritiker bestehender Verhältnisse«. An den Arbeiten Baiers zeige sich, »daß erhellen­des Denken nicht das in der Mitte liegende sein kann, sondern das abweichende, das sich abarbeitet und nie zur Ruhe kommt. Eine unbequeme Position.«

Lothar Baier bei seiner Dankrede, 21. Oktober 1989
© Foto: Peter Hönig

Die anschließende Dankrede von Lothar Baier entwarf im Spiegel von Johann Heinrich Mercks Werk eine Diagnose der gegenwärtigen Lage der Literaturkritik in der »ausgelassenen Kulturgesellschaft« der Bundesrepublik: »Merck hinterlässt für mich das Beispiel einer Kritik, die nicht im Sitzen stattfindet, die sich nicht damit begnügt, die kulturellen Veranstaltungen fröhlich oder stirnrunzelnd zu rezensieren. Sie bückt sich zwischendurch nach dem Boden, auf dem sich das alles abspielt, und stößt dort auf den Teppich, der sich unter den Füßen der Tanzenden und Spielenden wegziehen läßt. Die ausgelassene Kultur­gesellschaft steht derzeit ja hoch im Kurs, aber Kurse können auch wieder fallen, und der Teufel, zu dem sie sich schicken läßt, hockt im Hintergrund und grinst sich eins. Sie lebt nicht aus eigener Kraft, sondern immer noch von höheren Gnaden, auch wenn diese den Purpur­mantel abgelegt haben und in der zivilen Erscheinung des Sponsors auftreten. Kritik allerdings steht selten auf seinem Förderprogramm, was sich verstehen lässt, da eine Kritik, die ihre Sache ernst nimmt, vor dem geförderten Betrieb selbst nicht haltmachen kann.«

Aus der Dankrede von Lothar Baier
Dauer: 3:56 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Lothar Baier, Manuskript der Dankrede, Seite 9

In seinem Dank an die Akademie setzte Baier an den Schluss der Rede die Hoffnung auf eine Rettung des »heute weithin zerrissenen Zusammenhang von Kunst- und Gesellschaftskritik«. Er verstehe den Preis auch als »eine öffentliche Geste, die das Bürgerrecht der nicht im Rezensionswesen aufgehenden Kritik hervorhebt«. Er nehme die Auszeichnung als Ermutigung, »die gefährdete, aber überlebensnotwendige Balance zwischen Beteiligung und Distanz aufrechtzuerhalten«.

Als im Jahr 2008 Lothar Müller den Merck-Preis erhielt, geschah dies vor dem Hinter­grund einer weiteren dramatischen Veränderung der Rahmenbedingungen von Literaturkritik: dem rapiden Fort­schritt der digitalen Medien und seinen Auswirkungen auf die traditionellen Publikationsorgane wie die gedruckten Zeitungen. Lothar Müller erinnerte in seiner Rede an die in Johann Heinrich Mercks Briefen und Schriften spürbare »Gärung aus Enthusiasmus, Desillusion und Misstrauen«. Sie sei auch für die heutige Literaturkritik unverzichtbar, in diesen befriedeten Zeiten, in denen »der Kulturbegriff von den alten Plagegeistern der Entzweiung, des Konflikts und der Verschärfung der Gegensätze gereinigt ist und der Literaturbegriff gleich mit«.

Aus der Dankrede von Lothar Müller
»Merck, der Mist und das Misstrauen«
Dauer: 3:08 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Lothar Müller bei seiner Rede, 1. November 2008
© Foto: Isolde Ohlbaum

Die Dämonen, so Lothar Müller, seien aus der heimatlich ausgemalten Bücherwelt verschwunden und in die elektronischen Medien abgewandert. Literaturkritik wie auch Literatur könnten jedoch »auf das in Mercks Epoche wurzelnde Reizklima des Misstrauens in sich selbst und die Kultur nicht verzichten«. Erneut bot im Herbst 2008 die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises den Anlass für eine Standortbestimmung der literarischen Kritik – nunmehr zwischen Bücherwelt und digitalem Universum.

Fünf Jahre später bilanzierten der Merck-Preisträger Wolfram Schütte und sein Laudator Thomas Assheuer in ihren Reden erneut die Lage der Kunstkritik, ob sie sich nun der Literatur, der Bildenden Kunst oder dem Film zuwendet. Für Schütte, so Assheuer, sei »Kunstkritik explorativ, sie ist augenöffnend und eingreifend – sie zielt auf Erkenntnis und Wahrheit, ihr Spiel ist Ernst. Dieser kognitive Anspruch hat sich erkennbar ermäßigt. Kritik ist heute eher narrativ, einfühlend und atmosphärisch, die Ausübenden verstehen sich zuerst einmal als dienstbare diplomatische Mittler denn als Strategen im Literaturkampf.«

Wolfram Schütte trägt sich in das Goldene Buch
der Stadt Darmstadt ein, 26. Oktober 2013
© Foto: Isolde Ohlbaum

Schütte entwarf in seiner Rede eine kleine Geschichte der Filmkritik nach 1945. Diese war, so Schütte, »als neues Feuilletongenre in jener Nachkriegszeit, (…) – pathetisch gesprochen – auch der frohgemute Angriff demokratisch-rationalen Geistes auf jene von den Nazis verordnete ›Kunstbetrachtung‹, die noch in vielen Köpfen der davon einmal Affizierten virulent war«. Diese »tolle Zeit« sei »heute Vergangenheit, noch genauer gesagt: vollendete Vergangenheit«. Und er fuhr fort: »Was hat uns alle miteinander aus diesem ›Paradies‹ vertrieben? Das zu entfalten würde heißen, eine vielseitige Geschichte der technischen Entwicklungen, der gesellschaftlichen Verwerfungen & der kollektiven Mentalitätswechsel zu erzählen.«

Kurz darauf entwarf Schütte im Internetforum perlentaucher das Programm einer Kritik im digitalen Medium. »Wenn die Kritik eine Zukunft hat, dann im Netz – wenn auch in Form einer Zeitung, die online steht. Nennen wir sie Fahrenheit 451.« Sein »Plädoyer« wurde zum Ausgangspunkt einer regen Debatte über alte und neue Formen des kritischen Geschäfts. (Zum Essay von Wolfram Schütte auf perlentaucher hier)

Die Verleihungen des Johann-Heinrich-Merck-Preises boten immer wieder die Gelegenheit zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit der Lage der Literaturkritik. Von Anfang an war dies ein Thema in Vorträgen und Dankreden, bereits der erste Preisträger Günter Blöcker sprach im Frühjahr 1965 »Zur Situation der literarischen Kritik«. Auch einige Akademietagungen haben die Literaturkritik und ihre sich verändernden Rahmenbedingungen zum Thema gemacht, beispielsweise im Herbst 2018. Seit 2022 erarbeitet ein Team gemeinsam mit Partnern wie der Historischen Kommission der ARD einen »Bericht zur Lage der Literaturkritik«.

Helmut Böttiger zur sich verändernden Rolle der Literaturkritik
Dauer: 6:05 Minuten
Herbsttagung 2018 »rühmen, tadeln, unterhalten.
Zur Lage der Literaturkritik: eine Zwischenbilanz«,
Eröffnungsabend in der Centralstation am 25. Oktober
© Foto: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung