
Abgesänge - die Krisen der Kritik
Spätestens in den 1980er Jahren begann das Bewusstsein einschneidender Veränderungen des kritischen Geschäfts sich über die feierliche Ehrung der Merck-Preisträger zu legen. Heinrich Vormweg, einer der bekanntesten Literaturkritiker der Zeit, markierte 1986 in seiner Dankrede den eingetretenen Verlust.
»Die Kritik aber, die erste Waffe der Aufklärung, sie verlor sich in all dem Rezensionswesen nach und nach bis zur Unkenntlichkeit. (…) Deutlich, ja schrecklich spürbar längst das allmähliche Verschwinden der Kritik aus dem öffentlichen Bewußtsein. Und ihre Medien selbst, so scheint es, tragen zur Verschleierung dieses Sachverhalts bei. (…) Bücher, Bilder, Theater, Filme werden gelobt und getadelt. Überall wird dem freiheitlichen Ritual Genüge getan. Eine Verständigung über die Gründe aber ist meist schon kaum noch möglich.«
Im Folgejahr wurde der Ton noch melancholischer. Merck-Preisträger 1987 war Reinhard Baumgart, Michael Krüger hielt die Laudatio auf ihn. Beide umkreisten in ihren Reden bei der Preisverleihung die Situation der »literarischen Kritik«. Michael Krüger würdigte Reinhard Baumgart, unter Anspielung auf Hans Magnus Enzensbergers Diktum vom Verschwinden des Berufsstandes des Literaturkritikers, als einen »der Letzten, Abschließenden der Gattung«. Und Reinhard Baumgart ließ sich, wie er sagte, »wieder einmal ergreifen von meiner alteingesessenen Sympathie für eine – gesetzt den Fall – verlorene Sache und ergreifen vom Merck-Preis,
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der so etwas Vergängliches und Untergehendes auch noch fördern will. Den siegreichen Sachen wird ja ohnehin und triumphal geholfen, im Himmel und auf der Erde, von Göttern und Medien, Zeit- und Weltgeist.«

© Foto: Peter Hönig

Am 21. Oktober 1989 fand die Preisverleihung vor dem Hintergrund der friedlichen Revolution in der DDR statt. Merck-Preisträger war in diesem Jahr Lothar Baier, der in dieser historischen Umbruchsituation auf ideale Weise die Verbindung zu einer anderen Epochenwende vor allem im Westen verkörperte: dem mit 1968 verknüpften Prozess gesellschaftlicher Demokratisierung und dem Ende des Beschweigens der NS-Zeit. Helmut Scheffel nannte in seiner Laudatio den Preisträger einen »unnachgiebigen Kritiker bestehender Verhältnisse«. An den Arbeiten Baiers zeige sich, »daß erhellendes Denken nicht das in der Mitte liegende sein kann, sondern das abweichende, das sich abarbeitet und nie zur Ruhe kommt. Eine unbequeme Position.«

© Foto: Peter Hönig
Die anschließende Dankrede von Lothar Baier entwarf im Spiegel von Johann Heinrich Mercks Werk eine Diagnose der gegenwärtigen Lage der Literaturkritik in der »ausgelassenen Kulturgesellschaft« der Bundesrepublik: »Merck hinterlässt für mich das Beispiel einer Kritik, die nicht im Sitzen stattfindet, die sich nicht damit begnügt, die kulturellen Veranstaltungen fröhlich oder stirnrunzelnd zu rezensieren. Sie bückt sich zwischendurch nach dem Boden, auf dem sich das alles abspielt, und stößt dort auf den Teppich, der sich unter den Füßen der Tanzenden und Spielenden wegziehen läßt. Die ausgelassene Kulturgesellschaft steht derzeit ja hoch im Kurs, aber Kurse können auch wieder fallen, und der Teufel, zu dem sie sich schicken läßt, hockt im Hintergrund und grinst sich eins. Sie lebt nicht aus eigener Kraft, sondern immer noch von höheren Gnaden, auch wenn diese den Purpurmantel abgelegt haben und in der zivilen Erscheinung des Sponsors auftreten. Kritik allerdings steht selten auf seinem Förderprogramm, was sich verstehen lässt, da eine Kritik, die ihre Sache ernst nimmt, vor dem geförderten Betrieb selbst nicht haltmachen kann.«
In seinem Dank an die Akademie setzte Baier an den Schluss der Rede die Hoffnung auf eine Rettung des »heute weithin zerrissenen Zusammenhang von Kunst- und Gesellschaftskritik«. Er verstehe den Preis auch als »eine öffentliche Geste, die das Bürgerrecht der nicht im Rezensionswesen aufgehenden Kritik hervorhebt«. Er nehme die Auszeichnung als Ermutigung, »die gefährdete, aber überlebensnotwendige Balance zwischen Beteiligung und Distanz aufrechtzuerhalten«.
Als im Jahr 2008 Lothar Müller den Merck-Preis erhielt, geschah dies vor dem Hintergrund einer weiteren dramatischen Veränderung der Rahmenbedingungen von Literaturkritik: dem rapiden Fortschritt der digitalen Medien und seinen Auswirkungen auf die traditionellen Publikationsorgane wie die gedruckten Zeitungen. Lothar Müller erinnerte in seiner Rede an die in Johann Heinrich Mercks Briefen und Schriften spürbare »Gärung aus Enthusiasmus, Desillusion und Misstrauen«. Sie sei auch für die heutige Literaturkritik unverzichtbar, in diesen befriedeten Zeiten, in denen »der Kulturbegriff von den alten Plagegeistern der Entzweiung, des Konflikts und der Verschärfung der Gegensätze gereinigt ist und der Literaturbegriff gleich mit«.
Die Dämonen, so Lothar Müller, seien aus der heimatlich ausgemalten Bücherwelt verschwunden und in die elektronischen Medien abgewandert. Literaturkritik wie auch Literatur könnten jedoch »auf das in Mercks Epoche wurzelnde Reizklima des Misstrauens in sich selbst und die Kultur nicht verzichten«. Erneut bot im Herbst 2008 die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises den Anlass für eine Standortbestimmung der literarischen Kritik – nunmehr zwischen Bücherwelt und digitalem Universum.
Fünf Jahre später bilanzierten der Merck-Preisträger Wolfram Schütte und sein Laudator Thomas Assheuer in ihren Reden erneut die Lage der Kunstkritik, ob sie sich nun der Literatur, der Bildenden Kunst oder dem Film zuwendet. Für Schütte, so Assheuer, sei »Kunstkritik explorativ, sie ist augenöffnend und eingreifend – sie zielt auf Erkenntnis und Wahrheit, ihr Spiel ist Ernst. Dieser kognitive Anspruch hat sich erkennbar ermäßigt. Kritik ist heute eher narrativ, einfühlend und atmosphärisch, die Ausübenden verstehen sich zuerst einmal als dienstbare diplomatische Mittler denn als Strategen im Literaturkampf.«

der Stadt Darmstadt ein, 26. Oktober 2013
© Foto: Isolde Ohlbaum
Schütte entwarf in seiner Rede eine kleine Geschichte der Filmkritik nach 1945. Diese war, so Schütte, »als neues Feuilletongenre in jener Nachkriegszeit, (…) – pathetisch gesprochen – auch der frohgemute Angriff demokratisch-rationalen Geistes auf jene von den Nazis verordnete ›Kunstbetrachtung‹, die noch in vielen Köpfen der davon einmal Affizierten virulent war«. Diese »tolle Zeit« sei »heute Vergangenheit, noch genauer gesagt: vollendete Vergangenheit«. Und er fuhr fort: »Was hat uns alle miteinander aus diesem ›Paradies‹ vertrieben? Das zu entfalten würde heißen, eine vielseitige Geschichte der technischen Entwicklungen, der gesellschaftlichen Verwerfungen & der kollektiven Mentalitätswechsel zu erzählen.«
Kurz darauf entwarf Schütte im Internetforum perlentaucher das Programm einer Kritik im digitalen Medium. »Wenn die Kritik eine Zukunft hat, dann im Netz – wenn auch in Form einer Zeitung, die online steht. Nennen wir sie Fahrenheit 451.« Sein »Plädoyer« wurde zum Ausgangspunkt einer regen Debatte über alte und neue Formen des kritischen Geschäfts. (Zum Essay von Wolfram Schütte auf perlentaucher hier)
Die Verleihungen des Johann-Heinrich-Merck-Preises boten immer wieder die Gelegenheit zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit der Lage der Literaturkritik. Von Anfang an war dies ein Thema in Vorträgen und Dankreden, bereits der erste Preisträger Günter Blöcker sprach im Frühjahr 1965 »Zur Situation der literarischen Kritik«. Auch einige Akademietagungen haben die Literaturkritik und ihre sich verändernden Rahmenbedingungen zum Thema gemacht, beispielsweise im Herbst 2018. Seit 2022 erarbeitet ein Team gemeinsam mit Partnern wie der Historischen Kommission der ARD einen »Bericht zur Lage der Literaturkritik«.



