1972: Horst Krüger
Ein Schreibkünstler, sprunghaft und treffend.

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Als das Erweiterte Präsidium am 10. Juni zu seiner Sitzung zusammenkommt, stehen bereits mehrere Namen aus den Diskussionen des vergangenen Jahres auf dem »Erinnerungszettel«: Hans Paeschke, Walter Höllerer, K. H. Deschner, Dieter Wellershoff, Hans Bender und Heinrich Vormweg. Horst Rüdiger bringt erneut seinen Vorschlag René Wellek ein. Er moniert, dass in den Jurydiskussionen der Bereich der Kritik zu eng verstanden werde. Bei dem in den USA lehrenden Literaturwissenschaftler Wellek handele es sich um die »große literarische Form«, er schreibe jedoch überwiegend in englischer Sprache. Carl Linfert schlägt Horst Krüger vor und begründet dies mit dem Hinweis auf dessen 1969 erschienenes Buch »Deutsche Augenblicke. Bilder aus meinem Vaterland«.

Walter Helmut Fritz, Wolfgang Weyrauch, Carl Linfert, Gerhard Storz,
Dolf Sternberger, Horst Rüdiger, Horst Bienek, Karl Krolow
Nachdem in der Runde noch einmal die aus dem vergangenen Jahr überlieferten Namen kurz besprochen und neue Vorschläge wie Richard Alewyn, Harald Weinrich oder Werner Mittenzwei eher für den Freud-Preis vorgemerkt worden sind, konzentriert sich die Debatte auf Horst Krüger. Carl Linfert spricht noch einmal für Krüger und dessen »kritische Anmerkungen als Essays«. Dolf Sternberger argumentiert dagegen, Krüger sei weder ein Kritiker noch ein Essayist, sondern ein Feuilletonist. Carl Linfert antwortet: »aber der Aufsatz in der ›Rundschau‹ Die Mauer«. Karl Krolow drängt darauf, die Diskussion zu beenden und eine Entscheidung über den Vorschlag Krüger herbeizuführen. Sternberger besteht jedoch darauf, dass zunächst über seinen Einwand abgestimmt wird - der daraufhin aber im Gremium keine Unterstützung findet. So kann über Horst Krüger entschieden werden, der mit fünf Ja-Stimmen, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen zum Johann-Heinrich-Merck-Preisträger 1972 gewählt wird.

am 10. Juni 1972, Seite 4

aus den handschriftlichen Notizen des
Generalsekretärs Ernst Johann, Seite 10

aus den handschriftlichen Notizen des
Generalsekretärs Ernst Johann, Seite 11

aus den handschriftlichen Notizen des
Generalsekretärs Ernst Johann, Seite 12

am 10. Juni 1972, Seite 1
In den Notizen wie auch im Protokoll findet sich kein Hinweis darauf, ob in der Diskussion über Horst Krüger das Literarische Nachtstudio des SWF in Baden-Baden erwähnt worden ist, in dem Krüger in seiner Zeit von 1952 bis 1967 sich große Verdienste um die Literatur der ins Exil vertriebenen Autoren erworben hat. Interessant ist auch, dass Krügers Erinnerungen an seine Jugendjahre im Nationalsozialismus »Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland« offenbar im Gespräch nicht genannt worden sind. Die Arbeit an den 1966 veröffentlichten Erinnerungen war, nach Auskunft von Horst Krüger, durch seine Erfahrungen als Beobachter im ersten Frankfurter Auschwitzprozess angeregt worden. Bei der Frühjahrstagung 1966 in Köln hatte Krüger sogar als Gast der Akademie aus diesem Buch gelesen.
Seine Vorstellungsrede nach der Zuwahl in die Akademie 1973 wird Horst Krüger so beschließen: »Nach fünfzehnjähriger Lerntätigkeit im Kulturbetrieb (...) lebe ich heute als freier Autor. Fünf Bücher sind seitdem entstanden, die man vielleicht mit dem Oberbegriff ›Deutsche Zeitgenossenschaft‹ zusammenfassen kann.«

entstanden nach der Preisentscheidung vom 7. Juni 1972,
aus den Unterlagen des Sekretariats
Am 13. Juni schreibt Ernst Johann an Horst Krüger »heute habe ich die große Ehre und Freude, Ihnen mitzuteilen, daß das Präsidium unserer Akademie beschlossen hat, Ihnen den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1972 zuzuerkennen«. Die Akademie »erwarte gerne«, dass er den Preis am 7. Oktober persönlich entgegennehme und bei dieser Gelegenheit »eine ›Dankrede‹ von etwa 15 bis 20 Minuten« halte. »Das Thema steht Ihnen frei, doch sollte es in einem Zusammenhang mit dem Sinn des Preises stehen.« Am 18. August teilt Krüger ihm schließlich das Thema mit: »Verteidigung des Einzelnen«.

Für den Text der Urkunde bittet Ernst Johann im August Carl Linfert, der Krüger als Kandidaten in die Sitzung des Erweiterten Präsidiums eingebracht hatte, um einen Vorschlag. Was Linfert ihm dann am 28. August schickt, kommentiert Johann überschwänglich: »einen, der so schön aus der Reihe tanzt, hätten wir lange nicht gehabt«.




»Schreiben ist Ausdruckszwang. Es geht doch nicht um Wahrheiten, Botschaften und Gesinnungen. Die haben wir sowieso. Die verstehen sich von selbst. Es geht um Form, um Ausdruck, um bleibende Gestalt. Hinterlassungsfähige Gebilde nannte es Gottfried Benn. Für diesen Einzelnen, sein Recht auf sich selbst und sein Stück unaufbrechbare Einsamkeit möchte ich hier plädieren. Er droht etwas in Vergessenheit zu geraten in unserem Zeitalter eines rotierenden Soziologismus. Ich plädiere nicht für den Elfenbeinturm, nicht für die Feste der Innerlichkeit in einer zunehmend gewalttätiger und blutiger werdenden Welt. Es gibt keinen unpolitischen Raum für den Schriftsteller. Er lebt mitten in dieser leidenden, von Haß und Hunger und Ungerechtigkeit erfüllten Welt. Er kann aber seinen Beitrag, wenn es wirklich ein Beitrag seiner Sprache sein soll, nur als Einzelner leisten. Schreiben tut man immer allein.«
