2001:
Friedrich Dieckmann

»Eingaben«

Friedrich Dieckmann in seiner Vorstellungsrede
vor dem Kollegium der Akademie
während der Frühjahrstagung 1996
Dauer: 6:12 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
© Foto: Claire Jacob

In seiner Sitzung am 9. Februar schlägt das Erweiterte Präsidium für die Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis 2001 drei Kandidaten vor: Henning Ritter, Wolfram Schütte und Peter Sloterdijk.*»Auf der Backlist bleiben: Lutger Lütkehaus, Andrea Köhler, Thomas Macho, Wilhelm Hennis«

Als das Gremium am 2. Mai in Freiburg zu seiner Beratung über die drei im Herbst von der Akademie zu vergebenden Preise zusammenkommt, hat sich die Vorschlagsliste deutlich verändert. Peter Sloterdijk wurde auf die Liste für den Freud-Preis gesetzt und Friedrich Dieckmann von der Backlist für den Merck-Preis*auf der er im Protokoll vom 9. Februar allerdings nicht zu finden ist in der engere Wahl einbezogen. Das knappe Ergebnisprotokoll hält fest: »Nach ein gehender Diskussion ist Friedrich Dieckmann der favorisierte Kandidat für den Merck-Preis.« Er wird in der anschließenden Abstimmung vom Erweiterten Präsidium, das die Jury für den Merck-Preis bildet, zum Preisträger 2001 gewählt.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums, 2. Mai 2001,
Anwesenheitsliste; Uwe Pörksen, Ilma Rakusa,
Herman Dieter Betz (Hessen), Klaus Reichert, Peter Hamm,
Peter von Matt, Christian Meier, Harald Hartung

Am 28. Juni wendet Gerhard Dette sich mit der Frage an Uwe Pörksen, ob dieser sich vorstellen könne, am 27. Oktober die Laudatio auf Friedrich Dieckmann zu halten: »Ich finde das eine sehr gute Konstellation.« Pörksen sagt am 2. Juli zu*»Friedrich Dieckmanns Wunsch ehrt mich sehr und freut mich. ich hätte bei der Laudatio an Nike Wagner oder Christoph Hein gedacht, aber gut. Ich übernehme die Laudatio.« und so kann Dette umgehend den Preisträger informieren - der »hocherfreut« ist.

Uwe Pörksen liefert auch - auf Bitten von Gerhard Dette - den Entwurf für den Urkundentext. Dieser wird in einem Austauschprozess zwischen Dette und dem Präsidenten Christian Meier noch etwas modifiziert. Das Ergebnis, »mit den Korrekturen schon fertig«, kann dann kurz vor dem Termin der Preisverleihung an den Typographen geschickt und von ihm gesetzt werden.

Entwurf für den Urkundentext von Uwe Pörksen
mit Änderungsvorschlägen von Christian Meier,
16./17. Oktober 2001

»... von wem sollen wir sprechen? Von dem Essayisten der DDR, auf den nicht nur die Leser der Zeitschrift Sinn und Form achteten? Von dem Monographen des Bühnenbildners Karl von Appen am Berliner Ensemble? Von dem Chronisten des Übergangs der beiden ungleichen Teilstaaten in die eine Republik aus ungleichen Teilen, der diesen Übergang von Herzen bejahte und der im Strudel des Umbaus, an vielen Enden und Ecken den Kopf hinhaltend, der Deutungshoheit des übermächtigen Teils in die Parade fuhr? Von der geachteten Stimme in einer veränderten Landschaft? Man könnte den Theaterschriftsteller zum Thema machen oder den Musikgelehrten, wozu ich allerdings nicht in der Lage wäre, sondern Nike Wagner −, den Literaturkritiker oder den eher seltenen Architekturkritiker. Den Historiker und politischen Kopf. Warum nicht auch den hartnäckigen Frager? Den an den überraschendsten Ecken plötzlich über genaue Kenntnisse Verfügenden? Oder vielleicht den Verfasser satirischer Verse?«

Uwe Pörksen in seiner Laudatio am 27. Oktober 2001
Uwe Pörksen bei seiner Rede
© Foto: Jürgen Bauer

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2001 Friedrich Dieckmann, dem Essayisten der DDR, der sich seit den frühen siebziger Jahren als eigenständige Stimme Respekt erworben hat; dem Chronisten des Übergangs der beiden deutschen Teilstaaten in die gemeinsame Republik, der das Recht beider Seiten auf ihre eigene Geschichte und Erfahrung mutig behauptet und ihre Defizite mit Energie, Scharfsinn und Witz analysiert hat; dem nahezu universellen Publizisten, der als Theaterschriftsteller und Musik­gelehrter, Literatur- und Architektur­kritiker, Historiker und politischer Kopf den öffentlichen Gebrauch der Vernunft beispielhaft und unverdrossen praktiziert.«

Urkundentext
Christian Meier und Friedrich Dieckmann
© Foto: Jürgen Bauer

»Merck, der durch das c verschärfte Imperativ, ist ein sprechender Name, erst recht für einen Kritiker; steigert man ihn, so wird er als Merker zum Antipoden, der Gegengestalt des schulmeisternd-rechthaberischen Genietöters. Doch kann man ihn, um das c entlastet, auch in spezifischem Inkognito wahrnehmen. »Mein Freund, das grad’ ist Dichters Werk, / daß er sein Träumen deut und merk«, läßt Wagner seinen Sachs singen. Daß er des Dichters Träumen deut und merk, in dessen Werk nämlich, wird zuweilen des Interpreten Werk sein.«

Friedrich Dieckmann in seiner Dankrede
Friedrich Dieckmann und Christine Dieckmann vor Beginn der Preisverleihung
© Foto: Jürgen Bauer

»... ein jeder, der auf dem Gebiet des Essays, der Kritik und angrenzender Gebiete tätig geworden ist, wird über die Jahrhunderte, die Generationen hinweg Konstellationen der Merckschen Literatur-Arbeit da und dort in der seinigen wiedererkennen, und wenn man vierzig Jahre eines deutschen Nachkriegsstaatswesens durchmessen hat, das unter ähnlichen Umständen ans Licht trat wie im Jahre 1792 die Mainzer Republik nämlich in einer Verschränkung von ausländischer Besetzung und sozialer Revolution, wenn diese nicht so bald von ihrer Besatzungsmacht verlassene Gründung sich im Lauf der Zeit in eine zugleich sozialfeudale und – im strengsten Sinn – monopolkapitalistische Ordensmonarchie verwandelte deren hierarchische Erstarrung derjenigen nicht unverwandt war, die Merck zu seinen Zeiten erfuhr, so bleibt es nicht aus, daß die Vergleichung der Umstände mehr Bezügliches zutage fördert als andernorts, auch, wenn ich erwäge, daß ich ungefähr so nah war wie der an seinem landgräflichen Kleinst-Deutschland verzweifelnde Paris-Enthusiast Merck, als ich eine Revolution erlebte, die nicht in aussichtsloser Ferne, sondern im eigenen Land, in der eigenen Stadt sich nicht nur begab, sondern sogar glückte, in der ambivalenten Weise, als ob ein sich revolutionierendes Deutschland um das Jahr 1805 zu einem Bestandteil Frankreichs geworden wäre.«

Friedrich Dieckmann in seiner Rede
Friedrich Dieckmann (Berlin)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum