1974:
Joachim
Günther

Ruhm ist auch ein Anfang des Todes. Aber es gibt kaum eine Möglichkeit, Ruhm oder Reichtum abzuwehren.
Joachim Günther: »Findlinge«, Aphorismen, 1976

Im Mai 1974 finden die Mitglieder des Erweiterten Präsidiums für ihre Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis 1974 auf dem »Erinnerungszettel« die Notiz: »für diesen Preis sind außer René Wellek, dessen Name schon seit langem auf der Liste steht, keine weiteren genannt worden.«

Als das Gremium sich am Nachmittag des 11. Mai diesem Preis zuwendet, begründet Horst Rüdiger noch einmal seine Gründe für diese Nominierung. Neue Kandidaten kommen hinzu: Walter Helmut Fritz nennt Gerda Zeltner (die er kurz darauf für dieses Jahr wieder zurückzieht), Horst Bienek schlägt Joachim Günther vor und Dolf Sternberger Marcel Reich-Ranicki, der, so Gerhard Storz, »uns aber noch erhalten bleibe«. Nach kurzer Diskussion findet eine Abstimmung statt, in der Günther, Reich-Ranicki und Wellek zur Wahl stehen und aus der Joachim Günther als Merck-Preisträger 1974 hervorgeht.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 11. Mai 1974, aus den
handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs Ernst Johann

Joachim Günther war bereits 1969 erstmals im Präsidium vorgeschlagen worden. Karl Krolow hatte ihn bei den Beratungen über den Merck-Preis ins Spiel gebracht. Der Vorschlag wurde von mehreren Präsidiumsmitgliedern unterstützt, schließlich aber zog die Runde es vor, mit Erich Heller einen Essayisten auszuzeichnen.

Ein Grund für das Interesse an Günther mögen damals die von ihm herausgegebenen Neuen Deutschen Hefte gewesen sein, die dann 1974 in seiner Preisurkunde ausdrücklich erwähnt werden. Einen Anstoß könnte 1969 jedoch auch Günthers Beitrag in dem viel diskutierten Buch War ich ein Nazi?*Joachim Günther: »Rückblick und Rechenschaft«. In: War ich ein Nazi? Politik – Anfechtung des Gewissens. Mit einer Anleitung für den Leser von Ludwig Marcuse, München u.a. (Rütten + Loening in der Scherz Gruppe) 1968. Siehe auch: Erwin Rothermund: »Denkarbeit und physiognomische Erkenntnis. Zu Joachim Günthers Publizistik im ›Dritten Reich‹«. In: Zeitschrift für Germanistik, Vol. 9, No. 2 (1999), S. 329-343. geliefert haben.

1970 findet sich Joachim Günther erneut auf der Liste mit Vorschlägen für den Merck-Preis, dann wird sein Name erst 1974 wieder von Horst Bienek genannt – und nun entscheidet sich das Erweiterte Präsidium für ihn als Preisträger.

Wahlantrag für Joachim Günther, 18. Juli 1973

Der 1973 von Hans Hennecke, Karl Krolow und Wolfgang Weyrauch vorgelegte Antrag für die Wahl Joachim Günthers in die Akademie*am 18. Oktober 1974, im Herbst seiner Auszeichnung mit dem Merck-Preis, wurde Günther dann zugewählt gewährt einen Einblick, welche Argumente in den Diskussionen des Erweiterten Präsidiums am 11. Mai 1974 eine Rolle gespielt haben könnten. »Bildung als Selbst- und Welterkenntnis« werde, so heißt es in dem Antrag, bei Joachim Günther »wahrhaft aktiv«.

Am 13. Mai bekräftigt Ernst Johann gegenüber dem frisch gekürten Merck-Preisträger Joachim Günther noch einmal schriftlich die frohe Nachricht. Günther antwortet umgehend und sichert zu, am 19. Oktober den Preis entgegenzunehmen und die gewünschte »kleine Rede« zu halten.

Joachim Günther an Ernst Johann, 16. Mai 1974

Im Sommer setzen dann auch die detaillierten Vorbereitungen für das Programm der Herbsttagung und die Preisverleihung ein, am Text für die Preisurkunde wird gefeilt und die Laudatoren der drei Preisträger müssen gewonnen werden. In diesem Jahr gestalten sich die Planungen der Verleihung deutlich aufwendiger, da der Bundespräsident seinen Besuch angekündigt hat und der gesamte Ablauf am Samstag darauf abgestimmt werden muss.

»Das Schlimme«
an Ideologien sind »nicht ihre falschen Meinungen, sondern daß sie kein Verhältnis zur Lüge mehr haben, daß der Begriff der Lüge keinen klaren Sinn mehr für sie behält«.
Joachim Günther im letzten noch zu seinen Lebzeiten erschienen Heft der »Neuen Deutschen Hefte« (Heft 2, 1989).
»Es war eine Ein-Mann-Zeitschrift sehr besonderen Charakters. Eigenbrötlerisch und tapfer und unabhängig wie ihr Herausgeber. Keiner Richtung untertan und dennoch alles andere als weltfremd. So wie Günther, der ›Einzelgänger‹, für alles Neue offen, kritisch offen, und doch in sich geschlossen. Zugleich kämpferisch und diskussionsfreudig und zurückhaltend. Jedem Opportunismus fremd.«
Hilde Domin über Joachim Günther und die von ihm
heraus­gegebenen »Neuen Deutschen Hefte«. In: »Nachruf
auf einen Einzelkämpfer. Zum Tode von Joachim Günther«,
in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: »Jahrbuch 1990«, Darmstadt 1991.
Andruck der Urkunde
Aus der Dankrede von Joachim Günther
Dauer: 2:29 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Preisverleihung am 19. Oktober 1974,
(v. r.) Joachim Günther, Günter Busch (Freud-Preis),
Hermann Kesten (Büchner-Preis), Toni Kesten, Karl Krolow
© Foto: Pit Ludwig