1986:
Heinrich Vormweg
»Ein vorbildlicher Kritiker«

Beda Allemann eröffnet die Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis am 2. Mai 1986 mit der Empfehlung, den von ihm bereits im vergangenen Jahr vorgeschlagenen Heinrich Vormweg jetzt auszuzeichnen. Lea Ritter-Santini bringt den Namen Hugo Loetscher ins Gespräch, »der viel für die Vermittlung der französischen und spanischen Literatur in Deutschland getan habe«. Auf die Frage von Hans-Martin Gauger, ob denn etwas gegen Marcel Reich-Ranicki als Kandidaten spreche, entwickelt sich eine längere Diskussion über diesen Vorschlag. Schließlich greift Hans Paeschke den Vorschlag Vormweg erneut auf, »da bei ihm allein die Sache zum Kriterium erhoben werde, hinter dem die Person ganz zurücktrete«. Dolf Sternberger erwähnt als weiteren Kandidaten Joachim Fest. Eine Entscheidung zwischen Heinrich Vormweg, Joachim Fest und Marcel Reich-Ranicki zeichnet sich ab, die schließlich in der »endgültigen Abstimmung« mit acht Stimmen für Vormweg und einer Stimme für Reich-Ranicki ausgeht.Die beiden im Erweiterten Präsidium schließlich zur Abstimmung stehenden Kandidaten Marcel Reich-Ranicki und Heinrich Vormweg hatten seit 1977 und bis zu diesem Jahr miteinander und gegeneinander in der Jury des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises diskutiert. Vormweg stellte 1989 daraufhin die Frage, ob Literaturkritik mittlerweile nur noch per Stammtisch auf dem Bildschirm stattfinde.

Peter Benz (Darmstadt), Hans Paeschke, Ludwig Harig, Dolf Sternberger,
Ernst Zinn, Günter Busch, Beda Allemann, Lea Ritter-Santini, Hans-Martin Gauger,
Herbert Heckmann, Bernhard Zeller


Erweiterten Präsidiums, 15. April 1986, Seite 1

Erweiterten Präsidiums, 15. April 1986, Seite 2



Herbert Heckmann informiert umgehend Heinrich Vormweg über die am 2. Mai getroffene Entscheidung, ihm den Johann-Heinrich-Merck-Preis 1986 zuzuerkennen. Vormweg antwortet am 5. Mai mit einem Telegramm und dankt ihm für diese Auszeichnung. Im nun einsetzenden direkten Austausch mit Gerhard Dette und dem Büro in Darmstadt beantwortet Vormweg auch die ihm und allen anderen Preisträgern immer gestellte Frage nach dem Laudator: es ist Helmut Heißenbüttel.
Mehr
Dette nimmt Kontakt auf und Heißenbüttel sagt am 2. Juni zu. Den Text seiner Laudatio schickt Heißenbüttel recht früh, so dass Gedanken aus der Rede bei der Arbeit an den Formulierungen des Urkundentexts genutzt werden können.

5. Mai 1986



mit »Heißenbüttel-Worte(n) a. seinem Redetext«

»Vielleicht ist der Satz, daß das Sprichwort: Alles verstehen heißt alles verzeihen eine Warnung sei, ein Schlüssel für die kritische Tätigkeit Heinrich Vormwegs. Damit hat er sich selber zur Debatte gestellt. Er ist nicht bloß irgendein Kritiker, der Bücher bespricht, selber Bücher schreibt, Urteile abgibt, draußen bleibt, nicht eingelassen ist, sondern er ist der, der sich und seine Tätigkeit in Frage stellt. Der den entscheidenden Satz sagt, daß alles verstehen alles verzeihen heißt und daß das keine Aufforderung ist, sondern eine Warnung. Warnung nämlich vor dem, vor dem der Kritiker sich in acht nehmen muß: der allzu offensichtlichen Hingabe an das Kritisierte. Eindringen und Sich-darin-einrichten ist eine Sache, Distanz wahren und versuchen, trotz allem, sich herauszuhalten, ist die andere.«
»Deutlich, ja schrecklich spürbar längst das allmähliche Verschwinden der Kritik aus dem öffentlichen Bewußtsein. Und ihre Medien selbst, so scheint es, tragen zur Verschleierung dieses Sachverhalts bei. Weiterhin gibt man sich ja Widerworte. Geschimpf und Gezänk sind durchaus an der Tagesordnung, der Parteienstreit ist so laut wie je, Bücher, Bilder, Theater, Filme werden gelobt und getadelt. Überall wird dem freiheitlichen Ritual Genüge getan. Eine Verständigung über die Gründe aber ist meist schon kaum noch möglich. Versuche zu einer solchen Verständigung werden schon kaum noch begriffen. Und ganz Altes, ganz und gar überwunden Geglaubtes spielt sich als das neueste Neue auf.«
»Er ist das Element, ohne das die Kritik in Deutschland nicht wäre, was sie ist.«
Abbildung rechts:
Heinrich Vormweg, o.J.
© Foto: ullstein Bild - Schiffer-Fuchs

