1997:
Heinz Schafroth
Der
Vermittler
Fünf Namen stehen auf der »Liste«, als das Erweiterte Präsidium mit dem Tagesordnungspunkt »Wahl des Trägers des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay 1997« beginnt. Der Vorschlag Volker Klotz wird gleich zu Beginn zurückgezogen, ebenso die Nennung von Iso Camartin, da er gerade erst aus dem Präsidium ausgeschieden ist. Paul Parin schließlich wandert nach einer Intervention von Peter Hamm und Adolf Muschg auf die Liste für den Sigmund-Freud-Preis. Das Gespräch konzentriert sich nun auf Heinz F. Schafroth. »Er sei vor allem«, so Erika Pedretti, »ein glänzender Vermittler schwieriger Autoren in der Schweiz«. Peter Hamm unterstützt ihr Votum und Klaus Reichert schließt sich an: »Er sei nicht käuflich und habe seit den fünfziger Jahren stetig die Avantgarde begleitet.« Adolf Muschg lobt Schafroths Bescheidenheit, er hält ihn für »einen originellen Preisträger«, Christian Meier sieht ihn als »würdigen Preisträger«.

Christian Meier, Giuseppe Bevilacqua, Kurt Flasch, Adolf Muschg,
Erica Pedretti, Peter Hamm, Klaus Reichert, Norbert Miller
Das Protokoll dokumentiert jedoch keine Abstimmung über den Merck-Preisträger des Jahres 1997. Festgehalten ist nur, dass diese Wahl bis zur Ankunft von Norbert Miller, der auch Gelegenheit zur Stellungnahme haben soll, verschoben wird. Heinz Schafroth wird aber gewählt, wie die abschließende Bemerkung am Ende des Protokolls belegt: »Da die Telefonnummer von Herrn Schafroth bereits bekannt ist, wird Herr Meier ihn noch an diesem Abend benachrichtigen.«
Heinz Schafroth schreibt am 15. Mai an Gerhard Dette und dankt ihm für »die offizielle Mitteilung«. Seine Bitte, »einen Wunsch-Laudator zu bezeichnen«, bringe ihn allerdings in Verlegenheit. Er selbst halte seit Jahren keine Laudationes mehr, ihm sei aber sehr wohl bewusst, was »man einem anderen damit auflädt«. Wie um den Druck zu verteilen, nennt er dann sechs Vorschläge, darunter auch Raoul Schrott - der diese Aufgabe auch übernehmen wird.


Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 2

Protokoll, Seite 6
»Doch noch weit mehr zu denken als das Leiden am Sprachverschleiß gibt dem Literaturkritiker das zunehmende Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen. Sie bringen es nämlich mit sich, daß er immer wieder partizipiert an jenem Schweigen, das sich über große Teile einer Literatur breitet, die wahrhaft anderes als dieses Schweigen verdienen würde. ›Warum ich als Schriftsteller nicht hochgekommen bin?‹, sagt Robert Walser zu Carl Seelig: ›Ich will es Ihnen sagen: Ich besaß zu wenig gesellschaftlichen Instinkt.‹ Was aber ist von der Literaturkritik zu halten, wenn wir, die wir sie betreiben, es nicht schaffen, mit unserem eigenen, doch meist erheblichen gesellschaftlichen Instinkt, in die Bresche springen, im Interesse und zu Gunsten des Autors? Dem es daran auch nach Walser tatsächlich unter Umständen mangelt. Schließlich sind mir Autoren auch immer wieder beigestanden. Manchmal mit einem einzigen erhellenden Satz.«
»Minima Melancholica aus unpassendem Anlaß«

Heinz F. Schafroth
dem Kritiker, der sich ›von 3000 Jahren weiß Rechenschaft zu geben‹, von einem heutigen Text aber nur erwartet ‒ dies aber unbedingt ‒, daß er das ihm eigentümliche, nur von ihm selbst gesetzte Maß erfüllt; dem Essayisten, für den die Form zur hinreichend vielsinnigen, stichhaltigen und beweiskräftigen Verräterin des Inhalts entwickelt sein muß, bevor er sie als gute Literatur empfiehlt; dem Freund der Dichtung, der die Tapferkeit vor schreibenden Bekannten – und bekannten Schreibenden – bescheiden, doch hartnäckig bis zu ihrer nachweislichen Förderung getrieben hat.«
Dauer: 4:38 Minuten
Leider ist die Qualität der Aufnahme schlecht!
bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Jürgen Bauer
» Zur Kritik gehört deshalb wesentlich – auch wenn darüber ringsum meist Stillschweigen herrscht – Schafroths Bekenntnis, daß literarische Qualität nicht als Maxime definiert werden kann. Sie hat vielmehr mit den Eigenarten und Eigengesetzlichkeiten jedes einzelnen Werkes zu tun: diese aufzuzeigen, nur darin findet die kritische Arbeit ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit. Was bereits Voreingenommenheit oder Erwartung ist – wird er nicht müde zu betonen –, muß sich überprüfen lassen: ein gutes Buch wird ohnehin immer derart sein, daß es die Lektüre der vorherigen wieder vergessen macht.«

Dauer: 3:17 Minuten
Leider ist die Qualität der Aufnahme schlecht!
beim Empfang nach der Preisverleihung am 25. Oktober 1997
© Foto: Jürgen Bauer
