1997:
Heinz Schafroth

Der
Vermittler

Heinz F. Schafroth in seiner Vorstellungsrede
vor dem Kollegium der Akademie,
Herbsttagung 2002
Dauer: 7:22 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
© Foto: Isolde Ohlbaum

Fünf Namen stehen auf der »Liste«, als das Erweiterte Präsidium mit dem Tagesordnungspunkt »Wahl des Trägers des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay 1997« beginnt. Der Vorschlag Volker Klotz wird gleich zu Beginn zurückgezogen, ebenso die Nennung von Iso Camartin, da er gerade erst aus dem Präsidium ausgeschieden ist. Paul Parin schließlich wandert nach einer Intervention von Peter Hamm und Adolf Muschg auf die Liste für den Sigmund-Freud-Preis. Das Gespräch konzentriert sich nun auf Heinz F. Schafroth. »Er sei vor allem«, so Erika Pedretti, »ein glänzender Vermittler schwieriger Autoren in der Schweiz«. Peter Hamm unterstützt ihr Votum und Klaus Reichert schließt sich an: »Er sei nicht käuflich und habe seit den fünfziger Jahren stetig die Avantgarde begleitet.« Adolf Muschg lobt Schafroths Bescheidenheit, er hält ihn für »einen originellen Preisträger«, Christian Meier sieht ihn als »würdigen Preisträger«.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums, 30. April 1997, Anwesenheitsliste,
Christian Meier, Giuseppe Bevilacqua, Kurt Flasch, Adolf Muschg,
Erica Pedretti, Peter Hamm, Klaus Reichert, Norbert Miller

Das Protokoll dokumentiert jedoch keine Abstimmung über den Merck-Preisträger des Jahres 1997. Festgehalten ist nur, dass diese Wahl bis zur Ankunft von Norbert Miller, der auch Gelegenheit zur Stellungnahme haben soll, verschoben wird. Heinz Schafroth wird aber gewählt, wie die abschließende Bemerkung am Ende des Protokolls belegt: »Da die Telefonnummer von Herrn Schafroth bereits bekannt ist, wird Herr Meier ihn noch an diesem Abend benachrichtigen.«

Heinz Schafroth schreibt am 15. Mai an Gerhard Dette und dankt ihm für »die offizielle Mitteilung«. Seine Bitte, »einen Wunsch-Laudator zu bezeichnen«, bringe ihn allerdings in Verlegenheit. Er selbst halte seit Jahren keine Laudationes mehr, ihm sei aber sehr wohl bewusst, was »man einem anderen damit auflädt«. Wie um den Druck zu verteilen, nennt er dann sechs Vorschläge, darunter auch Raoul Schrott - der diese Aufgabe auch übernehmen wird.

»Doch noch weit mehr zu denken als das Leiden am Sprachverschleiß gibt dem Literaturkritiker das zunehmende Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen. Sie bringen es nämlich mit sich, daß er immer wieder partizipiert an jenem Schweigen, das sich über große Teile einer Literatur breitet, die wahrhaft anderes als dieses Schweigen verdienen würde. ›Warum ich als Schriftsteller nicht hochgekommen bin?‹, sagt Robert Walser zu Carl Seelig: ›Ich will es Ihnen sagen: Ich besaß zu wenig gesellschaftlichen Instinkt.‹ Was aber ist von der Literaturkritik zu halten, wenn wir, die wir sie betreiben, es nicht schaffen, mit unserem eigenen, doch meist erheblichen gesellschaftlichen Instinkt, in die Bresche springen, im Interesse und zu Gunsten des Autors? Dem es daran auch nach Walser tatsächlich unter Umständen mangelt. Schließlich sind mir Autoren auch immer wieder beigestanden. Manchmal mit einem einzigen erhellenden Satz.«

Heinz Schafroth am 25. Oktober 1997 in seiner Dankrede
»Minima Melancholica aus unpassendem Anlaß«
»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1997
Heinz F. Schafroth
dem Kritiker, der sich ›von 3000 Jahren weiß Rechenschaft zu geben‹, von einem heutigen Text aber nur erwartet ‒ dies aber unbedingt ‒, daß er das ihm eigentümliche, nur von ihm selbst gesetzte Maß erfüllt; dem Essayisten, für den die Form zur hinreichend vielsinnigen, stichhaltigen und beweiskräftigen Verräterin des Inhalts entwickelt sein muß, bevor er sie als gute Literatur empfiehlt; dem Freund der Dichtung, der die Tapferkeit vor schreibenden Bekannten – und bekannten Schreibenden – bescheiden, doch hartnäckig bis zu ihrer nachweislichen Förderung getrieben hat.«
Text der Urkunde
Heinz Schafroth in seiner Dankrede
Dauer: 4:38 Minuten

Leider ist die Qualität der Aufnahme schlecht!
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinz Schafroth und Christian Meier
bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Jürgen Bauer
Wilfried F. Schoeller im Gespräch mit Heinz F. Schafroth
und Paul Parin (Freud-Preis), Ausschnitt
© Hessischer Rundfunk / hr fernsehen

» Zur Kritik gehört deshalb wesentlich – auch wenn darüber ringsum meist Stillschweigen herrscht – Schafroths Bekenntnis, daß literarische Qualität nicht als Maxime definiert werden kann. Sie hat vielmehr mit den Eigenarten und Eigengesetzlichkeiten jedes einzelnen Werkes zu tun: diese aufzuzeigen, nur darin findet die kritische Arbeit ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit. Was bereits Voreingenommenheit oder Erwartung ist – wird er nicht müde zu betonen –, muß sich überprüfen lassen: ein gutes Buch wird ohnehin immer derart sein, daß es die Lektüre der vorherigen wieder vergessen macht.«

Raoul Schrott in seiner Laudatio »Schimpf und Ernst der Kritik: Über Heinz Schafroth und die Augenhöhe der Literatur«
»Intelligenz, Wissen und Witz sind Qualitäten, die man vielen guten Kritikern unterstellen kann, aber nur bei wenigen ist das Wort Enthusiasmus auch in seinem ursprünglichen Sinn so angebracht wie bei ihm. Voll der Dämone der Literatur zu sein, war von jeher schon Bedingung des poetischen Aktes. Die Poesie liegt jedoch dann nicht – wie man vielleicht gemeinhin versucht ist zu glauben – im Schreiben, nein, eigentlich entsteht sie erst beim Lesen. Sie zu vermitteln, wach und klar, mit dieser so schwer zu erreichenden Einfachheit, von der Poesie zu erzählen, ihren ganz feinen, unmerklichen Brüchen nachzugehen, um den Worten auf die Spur zu kommen: Heinz Schafroth gehört zu den ganz wenigen, die dieses Fingerspitzengefühl besitzen. Und der beredt, aber umso redlicher seine Eindrücke darzustellen, in ein Argument einbinden und ihnen dann auch einen Standpunkt abzugewinnen vermag: nicht als Urteil in einem absoluten Sinn, sondern als Dafürhalten, Erkenntnis oder Anschauung. Nicht über sie hinweg, sondern in Augenhöhe mit der Literatur.«
Aus der Laudatio von Raoul Schrott »Schimpf und Ernst der Kritik: Über Heinz Schafroth und die Augenhöhe der Literatur«
Raoul Schrott in seiner Laudatio
Dauer: 3:17 Minuten

Leider ist die Qualität der Aufnahme schlecht!
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Heinz Schafroth, der Darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz und Raoul Schrott
beim Empfang nach der Preisverleihung am 25. Oktober 1997
© Foto: Jürgen Bauer