1993:
Hans Egon
Holthusen

»ein Akt der Wiedergut­machung ...«

© Foto: Barbara Aumüller

Bereits im Oktober 1992 beginnt das Erweiterte Präsidium sich über Kandidatinnen und Kandidaten für den Herbst des kommenden Jahres zu verständigen. Ivan Nagel hatte angeregt, »bereits jetzt schon Namens- und Buchvorschläge für die Jury-Sitzung im nächsten Frühjahr zu nennen«, damit die Mitglieder des Gremiums ausreichend Zeit für eine gründliche Vorbereitung haben. Für den Merck-Preis werden am 8. Oktober in der Sitzung als neue Kandidaten benannt: Claudio Magris (von Hilde Domin), Chaim Noll (von Herbert Heckmann) und Jens Reich (von Ivan Nagel), jeweils verbunden mit Lektürehinweisen.

Am 20. Januar 1993 tritt das Erweiterte Präsidium dann erneut zusammen, ein Punkt der Tagesordnung ist die Festlegung der »Kandidatenliste für Johann-Heinrich-Merck-, den Sigmund-Freud - und den Georg-Büchner-Preis 1993«. Für den Merck-Preis werden 12 Namen zusammengestellt: Iso Camartin, Sybille Cramer, Peter Gülke, Helmut Karasek, Karl Mickel, Hugo Loetscher, Herbert Lüthy, Jens Reich, Henning Ritter, Hans Dieter Seidel, Dieter Wellershoff, Dieter E. Zimmer. Claudio Magris und Chaim Noll sind nicht dabei. Auch Hans Egon Holthusen, der schließlich den Merck-Preis 1993 erhalten wird, steht nicht auf der Liste.

Das Protokoll der Sitzung am 19. April dokumentiert leider nicht den detaillierten Diskussionsverlauf über die Kandidatinnen und Kandidaten für den Merck-Preis. Nachverfolgen lässt sich, wer sich in der ersten offenen Gesprächsrunde für wen ausgesprochen hat. Vier Kandidaten erhalten in der ersten Probeabstimmung, bei der von jedem Mitglied drei Stimmen unter den Nennungen verteilt werden können, mehrere Stimmen: Hans Egon Holthusen, Karl Markus Michel, Jens Reich, Dieter Wellershoff. Verfolgt man die Entwicklung zwischen der ersten Gesprächsrunde und den dann folgenden insgesamt fünf Abstimmungen, dann wird deutlich, wie sich die Gewichte allmählich verschieben. Anfänglich ist es ausschließlich Peter Wapnewski, der Hans Egon Holthusen als seinen Favoriten nennt.*Für Hartmut von Hentig und Lea Ritter-Santini rangiert Holthausen nach Jens Reich auf dem zweiten Platz, Walter Helmut Fritz nennt ihn nach seinem Favoriten Dieter Wellershoff als mögliche Alternative. Jens Reich - beispielsweise - hat hingegen drei Fürsprecher und Karl Mickel wie auch Dieter Wellershof nennen jeweils zwei Mitglieder des Gremiums als ihren Favoriten.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums, 19. April 1993, Anwesenheitsliste,
Walter Helmut Fritz, Lea Ritter-Santini, Hartmut von Hentig,
Peter Wapnewski, Günter de Bruyn, Oskar Pastior, Ivan Nagel,
Hanno Helbling, Hans Wollschläger, Herbert Heckmann,
Herman Dieter Betz (Hessen)

Hans Egon Holthusen war in vergangenen Jahren als Kandidat immer wieder ins Spiel gebracht worden - bis jetzt ohne Erfolg. Bereits 1985 war dieser Vorschlag von Hans-Martin Gauger auf Ablehnung gestoßen, das Gremium hielt ihn »in seiner Mehrheit aus nicht näher erläuterten Gründen für problematisch«. Am 25. April 1990 unternahm Gauger einen erneuten Versuch, Holthusens Auszeichnung sei »ein Akt der Wiedergutmachung und Gerechtigkeit«, er sei jetzt ein »verbitterter alter Herr«, dem es finanziell schlecht gehe. Unterstützung kommt von Peter Wapnewski*»Holthusen war in den 50er Jahren in der literaturwissenschaftlichen Essayistik der Beste« und von Hartmut von Hentig*»Jugendlicher in Denk- und Sprechweise«, »völlig ungestümer Mann geblieben« . Ein immer wieder vorgebrachtes Argument gegen den Merck-Preis für Holthusen blieb jedoch, die Ehrung komme zu spät.*»Über Hans Egon Holthusen sind sich alle einig: er sei der Chronist einer vergangenen Epoche; ihn auszuzeichnen bedeute aber eine nachträgliche Ehrung.« (Protokoll der Sitzung vom 22. April 1991) »Seine Bedeutung als Literaturkritiker habe er in den 50er und 60er Jahren gehabt«, hatte Herbert Heckmann noch in der Sitzung des vergangenen Jahres gegen seine »nachgetragene Ehrung« eingewandt.*z.B. mit »Der unbehauste Mensch. Motive und Probleme der modernen Literatur«, München 1951 (3. erweiterte Auflage 1955).

Auffällig ist, dass offenbar, folgt man den Sitzungsprotokollen, in keiner der Beratungen die Mitgliedschaft Holthusens in der SS und der NSDAP eine Rolle gespielt hat. Dies überrascht umso mehr, als der Rückblick auf seine bedeutende Rolle in den 50er und 60er Jahren auch auf ganz andere Erinnerungen hätte stoßen müssen. So hatte sich Mascha Kaléko im Jahr 1960 geweigert, von Holthusen den Fontane-Preis entgegenzunehmen, den er ihr in seiner Rolle als Jurymitglied und Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste, Berlin (West) zu überreichen hatte. Die dadurch ausgelösten Debatten mögen Holthusen dazu gebracht haben, sich im Oktober und November 1966 in der Zeitschrift »Merkur« mit einer Erinnerung »Freiwillig zur SS« öffentlich zu Wort zu melden. Im April 1967 erschien dann im »Merkur« eine Reaktion »›Fragen an Hans Egon Holthusen - und seine Antwort‹ von Jean Améry und Hans Egon Holthusen«: »Sie gingen zur SS, freiwillig«, so Améry, »Ich kam anderswo hin, ganz unfreiwillig.«*Merkur, Heft 229, April 1967, Jahrgang 21; vgl. auch: Nicolas Berg: »Jean Améry und Hans Egon Holthusen. Eine Merkur-Debatte in den 1960er Jahren«, in: »Mittelweg 36«, 2012, Heft 2, S. 28 - 48 Jean Améry sollte im Juli 1972 dann aus den Händen des damaligen Präsidenten Holthusen den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste entgegennehmen, mit gemischten Gefühlen.

Aus welchen Gründen sich die Stimmung im Erweiterten Präsidium im April 1993 gewandelt hat, lässt sich aus den Unterlagen nicht rekonstruieren, festgehalten sind nur die verschiedenen Abstimmungsergebnisse, in denen sich die Favoritenrolle von Holthusen immer deutlicher verfestigt. In der vierten Probeabstimmung, mit jeweils nur einer zu vergebenden Stimme, erhält Holthusen fünf, Karl Markus Michel drei und Jens Reich zwei Stimmen. Am Schluss fällt die Entscheidung dann zwischen Holthusen mit sechs Stimmen und Michel, für den vier Mitglieder des Gremiums votieren.

Nachdem Herbert Heckmann den Preisträger Hans Egon Holthusen über die Entscheidung informiert hat, setzt die direkte Kommunikation zwischen Gerhard Dette und Holthusen ein. Am 22. April versorgt Dette ihn mit allen wichtigen Information rund um die Verleihung, am 7. Juni antwortet Holthusen ihm - und entschuldigt sich für die »skandalöse Verspätung«. Zwischen Darmstadt und München entwickelt sich daraufhin in den kommenden Monaten ein reger Briefverkehr.

Bereits am 19. April hatte sich Peter Wapnewski in der Sitzung des Erweiterten Präsidiums bereiterklärt, die Laudatio auf Hans Egon Holthusen zu halten. Dabei wird es in diesem Jahr eine ungewöhnliche Situation geben, denn Wapnewski hat nicht nur diese eine Rede, sondern alle Laudationes während der Verleihungs­zeremonie übernommen - »nach einigem Zögern«, wie im Protokoll zu lesen ist. Vermutlich stammt auch der erste Entwurf des Urkundentexts für Holthusen von ihm.

Entwurf des Urkundentexts

»Da sitzt er vor uns, unter uns, 8o-jährig, ein gegenwärtiges Stück Geschichte. 1937 begann es, mit einer Dissertation über Rainer Maria Rilke. Und endet – vorerst und durchaus vorläufig – mit einem Essayband, der sehr bezeichnend betitelt ist Vom Eigensinn der Literatur (Stuttgart 1989). Das selbstbewußte Substantiv meint allererst natürlich die Berufung auf die Autonomie des Literarischen, die Willkür der Poesie. Aber so ganz zufällig hat sich der Begriff des Eigensinns hier nicht in den Titel gestohlen. Denn wahrlich, an eigenem Sinn und Eigensinn hat es dem Literaten Holthusen auf seinem langen Weg durch die Bücher nicht gefehlt.

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Ein Leben – nicht für die Literatur, sondern durch die Literatur, in der Literatur. Ihre theoretischen Voraussetzungen, ihre praktischen Möglichkeiten, ihre tatsächlichen Wirkungen unermüdlich bedenkend.«

Peter Wapnewski in seiner Laudatio
Hans Egon Holthusen und Norbert Miller (Freud-Preis)
bei der Preisverleihung am 16. Oktober 1993
© Foto: Barbara Aumüller

»Es gibt ja bei uns in der literarisch empfänglichen Öffentlichkeit seit wer weiß wie lange schon ein philiströs-provinzielles Vorurteil gegen den Essay als ein bloßes ›Schreiben über‹, als ein Produkt blutloser Gehirnmenschen, wenn nicht ›subversiver‹ Intellektueller, dem die Hervorbringungen drittklassiger Gedichteschreiber und unbedarfter ›Fabulier‹-Talente mit ›Weserlied‹-Horizont (wie Gottfried Benn gesagt hätte) immer noch vorzuziehen seien. Dies Vor­urteil, diese spießige Geringschätzung einer Gattung, die nun auch in Deutschland von Lessing bis Kassner,

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von Herder, Wieland und Lichtenberg bis Nietzsche, von Schiller bis Thomas Mann, bis zu Jünger, Benn und Benjamin eine mehr als glanzvolle Geschichte gehabt hat. Dies Mißtrauen gegen die kritischen Köpfe ist bekanntlich im Dritten Reich zum kunstpolitischen Dogma erhoben worden; unter Goebbels wurde sogar der Begriff ›Kritiker‹ offiziell abgeschafft und durch den albernen Terminus ›Kunstbetrachter‹ ersetzt. Daß dieser Unfug auch nach dem Untergang der Nazi-Herrschaft noch ernst genommen wurde, kann niemand behaupten. Heute steht bekanntlich, wie schon angedeutet, alles ›kritische‹ Denken auf dem Felde der gesellschaftspolitischen Diskussion in hohen Ehren –, an der Einschätzung des Essays als einer literarischen Kunstform hat sich aber in der literarischen Öffentlichkeit, auch in den Köpfen der meisten Gutachtergremien, Kunstdezernenten usw. immer noch kaum etwas geändert.«

Hans Egon Holthusen in seiner Dankrede
Aus der Dankrede von Hans Egon Holthusen
Dauer: 2:50 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Hans Egon Holthusen bei seiner Dankrede
© Foto: Barbara Aumüller

»... daß man sich selber, alles Seinige ins Treffen führt: Phantasie und Intelligenz, Kennerschaft und Leidenschaft, Träume, Erinnerungen, Verzichte, Entwürfe, all das muß verpfändet werden an den Prozeß, in dem man das Werk eines andern zu verstehen und zu beurteilen versucht. So wird kritische Autorschaft und unter Umständen kritische Autorität erworben.«

Hans Egon Holthusen