1973:
Hans Heinz Stuckenschmidt

Er läßt moderne wie klassische Musik in der Beschreibung durchsichtig werden. Als leidenschaftlicher Kritiker wurde er zu einer Instanz.

» (...) im Herbst 1929 (wurde ich) Musikkritiker der B. Z. am Mittag. (...) Wegen meines Eintretens für atonale und – ich zitiere – »jüdischerseits stark beeinflußte Musik« wurde ich im Dezember 1934 von der Berufsliste der Schrift­leiter gestrichen. 1937 engagierte mich das Prager Tagblatt, für dessen Nachfolge­zeitung Der Neue Tag ich trotz Goebbelsschem Verbot schreiben konnte, solange Neurath Reichspro­tektor in Böhmen und Mähren war. Dem Zugriff der Nazis entzog ich mich nach Neuraths Sturz 1941 durch Meldung zum Wehrdienst und wurde Dolmetscher eines Divisionsstabes in Frankreich und Italien. 1946 (...) übernahm ich das Ressort Neue Musik am Rias, wurde 1947 Musikkritiker der Neuen Zeitung und gab mit Josef Rufer die Monatsschrift Stimmen heraus. 1949 verpflich­tete mich die Technische Universität Berlin zum Aufbau eines musikgeschichtlichen Lehrstuhls, (...) 1957 wurde ich Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.«
(aus der Vorstellungsrede)
Hans Heinz Stuckenschmidt
© Foto: Erika Loos

Die Beratungen am 5. Juni über den Büchner-Preis und den Freud-Preis sind abgeschlossen, nun steht im Erweiterten Präsidium am 5. Juni der Merck-Preis 1973 auf der Tagesordnung. Hans Scholz eröffnet das Gespräch mit der Forderung, »daß man diesmal die Musikkritik berücksichtigen solle, und zwar denke er an den Namen Stuckenschmidt«. Noch bevor darüber ein Gespräch einsetzen kann, bringt Horst Rüdiger wieder René Wellek ins Spiel. Sternberger reagiert diplomatisch, »nennt Wellek eine hervorragende Nennung, gibt aber zu bedenken, daß der Kandidat ein internationaler Gelehrter sei«. Rüdiger fordert daraufhin, dass grundsätzlich über diese Frage einer Öffnung des Preises für vorwiegend nicht in deutscher Sprache publizierende Kandidaten entschieden werden müsse. Sternberger reagiert direkt und betont, es müsse unbedingt eine Entscheidung vermieden werden, »daß internationale Gelehrte nicht unter unsere Kompetenz fallen«. Dem stimmen 9 Mitglieder zu, mit einer Gegenstimme. Nun wendet sich das Gespräch bald wieder dem Vorschlag Hans Heinz Stuckenschmidt zu, der schließlich mit 10 Stimmen als Merck-Preisträger 1973 gewählt wird.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 5. Juni 1973,
aus den handschriftlichen Notizen des Generalsekretärs
Ernst Johann, Seite 8, Beginn der Beratung zu Punkt 3 der
Tagesordnung (Johann-Heinrich-Merck-Preis)

Am 8. Juni informiert Ernst Johann den Preisträger, am 16. Juni antwortet Hans Heinz Stuckenschmidt ihm, dankt für die »hohe Ehrung«. Seine Freude sei jedoch durch den Umstand getrübt, dass er am 20. Oktober nicht in Darmstadt sein könne. Er wolle daher fragen, ob er sich bei der Preisverleihung vertreten lassen könne. Johann schlägt ihm stattdessen vor, seine Dankrede bei der kommenden Frühjahrstagung zu halten - worauf Stuckenschmidt sich dankbar einlässt.

Die Preisverleihung am 20. Oktober muss also ohne Hans Heinz Stuckenschmidt stattfinden. Der Text für seine Urkunde, den bei der Veranstaltung der Akademiepräsident Karl Krolow verlesen wird, muss gleichwohl vorbereitet werden. Die Arbeit an der Begründung für diese Preisentscheidung, die an dem einen noch erhaltenen Entwurfsblatt ablesbar ist, zeigt die Mühen, die Routine der Formulierungen aus dem literarischen Feld für die Musikkritik zu öffnen.

Die Dankrede von Hans Heinz Stuckenschmidt wird im Jahrbuch 1973 veröffentlicht, vortragen wird er sie erst später. Sie trägt den Titel »Kritik und Essay«. Gleich zu Beginn stellt er fest: »Der Kritiker darf – rechtens oder nicht – Autorität für sich und seine Arbeit in Anspruch nehmen; unter den Begriffen, die ihn definieren, steht Bescheidenheit sicher nicht obenan. Der Essayist tritt hinter eine Denkform zurück, die als bloßer Versuch, mit den Dingen fertig zu werden, die Endgültigkeit ausschließt. Wenn Kritik den mildernden Umstand für ihr Urteils-Objekt geltend machen kann, so wohnt dieser dem Essay selbst inne. Kritik ist der Spruch des Richters; Essay die Rede des Verteidigers.« Und er schließt seine Rede mit der Aufgabe, für die Kritik und Essay sich trotz aller Gegensätzlichkeit mehr denn je zu verbünden hätten: der Sprache ihre Fähigkeit zurückzugewinnen, die Mutter von Gedanken zu sein. Die »geistige Situation unserer Zeit weist ihnen ein gemeinsames Ziel. Sie können Verbündete sein in der Aufgabe, die Sprache zu reinigen, zu entideologisieren und ihren einzig wichtigen Zwecken wieder zuzuführen: der Klärung, der Verständigung und der Geburt von Gedanken.«

In dem alten Jagdschloß Kranichstein fanden sich junge Menschen mit uns erfahreneren Männern zusammen, um Orientierung auf einem Gebiet zu gewinnen, das zwölf Jahre lang unter der Herrschaft einer ideologischen Ästhetik gestanden hatte. Bei dem Prozeß gründlicher Ent-Ideologisierung hatte die Sprache die wichtigste Funktion. Erst als die Vokabeln geklärt und von aller außerkünstlerischen Nebenbedeutung gereinigt waren, begann die Verständigung. Aus der Sprache wurden die Gedanken klar.
Hans Heinz Stuckenschmidt in seiner Dankrede
über die 1946 in Darmstadt begründeten
»Ferienkurse für internationale neue Musik«