2002:
Volker Klotz
»Aus der Mitte des Publikums«

In der Sitzung am 25. Januar, bei der wieder neben anderen Themen auch die Vorbereitung der Wahlen für die drei Herbstpreise auf der Tagesordnung stand, waren Wilhelm Hennis, Volker Klotz, Lutger Lütkehaus und Henning Ritter als Kandidaten für den Johann-Heinrich-Merck-Preis 2002 festgelegt worden. Das Protokoll der dann entscheidenden Zusammenkunft des Erweiterten Präsidiums im Mai in Turin hält leider nur das Ergebnis der Beratungen fest: »Zum Träger des Johann-Heinrich-Merck-Preises wird einstimmig Volker Klotz gewählt.«
Direkt nach der Präsidiumssitzung ruft Gerhard Dette noch aus Turin bei Volker Klotz an und informiert ihn über seine Wahl. Auf die im Brief kurz darauf von Dette gestellte Frage, wen er sich bei der Preisverleihung als seinen Laudator wünsche, nennt Klotz drei Namen - einer davon, Peter von Matt, wird am 26. Oktober diese Aufgabe übernehmen. Er entwirft dann auch den Text für die Preisurkunde.

»Kaum dreißig Jahre war er alt, als er seine souveräne Theorie der Bühnenkunst vorlegte: Geschlossene und offene Form im Drama. Daran kam gleich keiner mehr vorbei, der über Bühne und Theater schreiben wollte. Von jetzt an sprach man von Klotz mit dem bestimmten Artikel. ›Der Klotz‹, das war dieses Buch; ›der Klotz‹, das war auch dieser Autor. Ein schöner, ein deutlicher, ein nützlicher Einsilber.«
»Literatur ist für Volker Klotz ein Ereignis, das von vielen erlebt wird. Zu einem Roman gehört für ihn ein Heer von Lesern. Zu einem Theaterstück gehört für ihn die Menge der Zuschauer, ihr Klatschen, Pfeifen, Johlen und Jubeln, ihr Verstummen und Schluchzen dort, wo es ans Herz greift, ihr Herausplatzen dort, wo das Zwerchfell angegriffen wird. Dabei fragt er nicht, ob sich das Schluchzen ästhetisch rechtfertigen lasse oder etwa nur der Sentimentalität unkultivierter Seelen entspringe. Und er fragt ebenso wenig, ob der Anlaß des Gelächters geistvoll genug sei oder unter Umständen mit niedrigen Impulsen in Verbindung stehe. Volker Klotz ist der Mann, der immer im Publikum sitzt. Aus dieser Perspektive sieht er die Kunst, erfährt er die Kunst. Er kann ein Werk nicht ohne die Menschenmenge denken, in die es hineinwirkt. Er ist schlechthin nicht imstande, das Kunstwerk nur in sich selber schweben und scheinen zu sehen, erdenfern, ein Ereignis des reinen Geistes für den reinen Geist.
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Diese Leidenschaft, die ihm einst unmittelbar in die Glieder gefahren sein muß, hat einen ganz eigenen Blick und eine ganz eigene Neugier entstehen lassen. Es ist der Blick aus der Mitte des Publikums heraus. Es ist die Neugier auf das, was die Kunst mit dem Publikum, was das Publikum mit der Kunst anstellt. Kein Gedicht, kein Roman, kein Theaterstück ist ja an sich real vorhanden. Real vorhanden sind nur Papier und Druckerschwärze. Zum Gedicht, zum Roman, zum Theaterstück wird die Verbindung von Papier und Druckerschwärze erst in den Köpfen der Leser und bei jedem von ihnen auf andere Weise. Das Publikum ist eine phantastische Hydra, in deren sich unentwegt multiplizierenden Gehirnen das angeblich einmalige Kunstwerk sich unentwegt multipliziert und tausendfache Gestalt gewinnt. Die Germanisten machen sich gerne vor, daß das singuläre Werk in ihrem singulären Gehirn zur singulären Wirklichkeit finde. Hier hat Volker Klotz stets protestiert, ist trotzig aufgefahren, aus der Mitte des Publikums heraus: Einspruch, meine Herren Kollegen! Geschätzte Kolleginnen, Einspruch! Die Wirklichkeit der Kunst steckt in den Köpfen der Hydra! Erst die Vielen schaffen das Einmalige!«

mit Änderungsvorschlägen von Gerhard Dette
In seiner Dankrede spricht Volker Klotz »nicht von getanen Arbeiten«, vielmehr »von ungetanen, von halbfertigen oder lediglich geplanten. Auch ihre Gegenstände aphrodisieren schon lang oder neuerdings meine lauernde Herauskriegelust«. Dazu gehört die »publizistische Verwandlung von fragwürdigen wissenschaftlichen Begriffen in politische«, der »imperatorische Gestus« bei Dr. Oetker und Stefan George oder auch »die Macht und Ohnmacht dunkler Metaphorik«. Diese Vorhaben »verfolgen, an diversen Gegenständen, das Widerspiel zwischen poetischen und außerpoetischen Verwendungsformen von Sprache.«

© Foto: Jürgen Bauer
»1. Wie geistlos ist das Alphabet?Dies ist eines der Projekte, die Volker Klotz in seiner Rede skizziert. »Sie verfolgen, an diversen Gegenständen, das Widerspiel zwischen poetischen und außerpoetischen Verwendungsformen von Sprache. Rücksichtslos vergleichend, richten sie ein poetisch geschärftes Augen- und Ohrenmerk auf sprachliche Alltagsäußerungen und ein alltagsgeschultes Augen- und Ohrenmerk auf poetische Werke.« Wieso hat es, durch Jahrtausende und viele Sprachen, das Grundmuster seiner Reihenfolge beibehalten? Wodurch entsteht der Eindruck, die Sequenz seiner Buchstaben − erst Alpha, dann Beta und so fort − sei nicht beliebig, sondern zwingend, folgerichtig, ja sogar sinnhaltig? So, daß die Flanken, der erste und der letzte Buchstabe, sowohl Vollständigkeit wie schlüssigen Zeitablauf suggerieren. Redewendungsreif: von Alpha bis Omega, von A bis Z. Aber: das Alphabet reiht nicht bloß sichtbare Schriftzeichen, es reiht zugleich hörbare Laute, jedenfalls dort, wo es überhaupt Vokale erfaßt. Was besagt nun das klingende Ensemble ihrer Nachbarschaft? Und wie ziehen Dichter ihren Nutzen daraus?«
Ein Literaturbeamter auf LebenszeitVolker Klotz: »Literaturbeamter auf Lebenszeit - Spielräume der akademischen Verwaltung von Dichtkunst. Essays und Notizen«, Veröffentlichung der Gesellschaft hessischer Literaturfreunde e.V. Nr. 85, Darmstadt 1991
»Zu danken ist aber auch noch einem anderen Adressaten. (...) Es ist die Bevölkerung unsrer Sozietät, die − via Steuergelder − einen Literaturbeamten auf Lebenszeit in jeder Hinsicht aushält. Hinreichend und dauerhaft hat sie ihn ins Brot gesetzt sowie an den Schreibtisch, nebst Lehrstuhl einer staatlichen Universität. Allein dadurch konnte er tun, was im freiwirtschaftlichen Berufsleben ausgeschlossen wäre. Er konnte beinah unentfremdet arbeiten und dabei aufwendige wissenschaftliche Bücher hervorbringen − ganz nach eigenem Gutdünken. Jene Steuerzahler machten und machen möglich, daß er redend und schreibend Leuten hilft, das erstaunliche Vergnügungsvermögen der poetischen Künste zu erkennen, zu genießen und zu gebrauchen.«

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum
