1980:
Sebastian Haffner
Parteilichkeit und Objektivität

© ullstein Bild - Teutopress
Im vergangenen Jahre hatte gegen Ende der Beratungen über den Merck-Preis der Akademiepräsident Peter de Mendelssohn zu Protokoll gegeben, »daß man als Kandidaten für den Merck-Preis 1980 Sebastian Haffner vorsehen sollte«. In der Sitzung am 20. Juni 1980 wiederholt de Mendelssohn diese Empfehlung und weist auf Haffners gerade erschienenes Buch »Überlegungen eines Wechselwählers« hin, »bei dem es sich um eine ausgezeichnete und zugleich verständliche Darlegung unseres Verfassungszustandes handle«.Raimund Pretzel, der seit der Veröffentlichung seines Buches Germany. Jekyll and Hyde im Jahr 1940 im englischen Exil den Namen Sebastian Haffner führte, war in den Jahren vor der Jurysitzung als Publizist vielfach öffentlich präsent. Seine 1978 erschienenen Anmerkungen zu Hitler, ein bewusst verständlich formuliertes, knapp 200 Seiten umfassendes Buch, hatten sich 43 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste gehalten. Die »Überlegungen eines Wechselwählers« (München 1980), ein vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wahlen verfasster Blick auf Verhältnisse in der Bundesrepublik, waren ein Plädoyer für die Demokratie, für den seine Optionen prüfenden Wechselwähler. Beda Allemann äußert daraufhin Bedenken, dass die Akademie mit einer Auszeichnung Haffners so kurz vor den Wahlen »den Verdacht der Wahlbeeinflussung auf sich ziehe«. Auch sei es fraglich, ob »das Werk Haffners unter die Rubrik ›literarische Kritik und Essay‹ falle«. Angesichts der Liste der bisherigen Preisträger, die verlesen wird, betont Dolf Sternberger - wieder einmal -, dass der Preis nicht auf die »literarische Thematik« beschränkt sei; eine »politische Thematik« sei nicht ausgeschlossen, es komme vorrangig auf die literarische Qualität an. »Ohne Gegenstimme und ohne Stimmenthaltung« wird daraufhin beschlossen, Sebastian Haffner mit dem Johann-Heinrich-Merk-Preis 1980 auszuzeichnen.

Peter de Mendelssohn, Ludwig Harig, Eva Zeller, Dieter Betz (Hessen),
Dolf Sternberger, Heinz Winfried Sabais (Darmstadt), Karl Krolow, Bernhard Zeller,
Hans-J. Weitz, Marieluise Hübscher Bitter (Referentin für Öffentlichkeitsarbeit),
Gerhard Dette (Generalsekretär), Beda Allemann, Gerhard Storz
Ungewöhnlich ausführlich wird anschließend über den Laudator für Sebastian Haffner beraten. Peter de Mendelssohn schlägt den Politikwissenschaftler Eugen Kogon vor, »der allerdings kränklich sei, an zweiter Stelle Joachim Fest«. Er selbst könne die Laudatio als Präsident nicht übernehmen. Bernhard Zeller würde einen »Zeithistoriker vom Schlage Sontheimers, Jäckels oder Brachers« für diese Aufgabe bevorzugen. Die Mehrheit der Mitglieder des Gremiums unterstützt den Vorschlag Eberhard Jäckel, der Sebastian Haffner unterbreitet werden soll. Die Laudatio wird schließlich François Bondy halten, der, so Dolf Sternberger in der Sitzung am 20. Juni, unter den bisherigen Preisträgern Sebastian Haffner an nächsten stehe.

Protokoll, Seite 8

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette, S. 8

aus den handschriftlichen Notizen von Gerhard Dette, S. 9

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 7
Peter de Mendelssohn informiert kurz nach der Sitzung Sebastian Haffner , der am 23. Juni in einem Telegramm antwortet und für die ihm zuerkannte Auszeichnung dankt.
Für den Urkundentext, an dessen Formulierungen im September gearbeitet wird, liegen dem Präsidium drei Vorschläge vor, aus denen Dolf Sternberger schließlich einen - mit einer kleinen Modifikation - auswählt: »Vielleicht ist das eine schiedliche Lösung.« Sie wird am 16. Oktober bei der Preisverleihung auf der Urkunde zu finden sein, die Peter de Mendelssohn dem Preisträger überreicht.



mit Anmerkungen von Dolf Sternberger

Marieluise Hübscher-Bitter, 9. Oktober 1980
