1995:
Michael Maar


Die Würde
der Details

Michael Maar und Herbert Heckmann
© Foto: Barbara Aumüller

Die Jury für den Georg-Büchner-Preis bestimmt am 5. Mai Durs Grünbein zum Preisträger des Jahres 1995. Nachdem der Vertreter der Stadt Darmstadt, Oberbürgermeister Peter Benz*Herman Dieter Betz, der Vertreter des Landes Hessen in der Jury, hatte sich entschuldigen lassen. Die beiden Vertreter der finanziellen Träger des Büchner-Preises nehmen grundsätzlich nur an diesem Teil der Sitzung teil, die Sitzung verlassen hat, beginnt das Erweiterte Präsidium mit seinen Beratungen über die anderen beiden im Herbst zu vergebenden Preise - dabei werden die Tagesordnungspunkte 2 (Freud-Preis) und 3 (Merck-Preis) zusammengezogen. Bereits in der Debatte über den Büchner-Preisträger hatte Herbert Heckmann festgestellt, dass es sich »um eine kulturpolitische Entscheidung« handele: »Geben wir den Preis resümierend an jemanden ohne Risiko oder an jemanden, der uns noch überrascht?« Und so eröffnet Norbert Miller die Diskussion über den Freud- und den Merck-Preis mit der Frage, ob »es denkbar sei, den Freud-Preis an Gustav Seibt zu geben, während sein Lehrer Reinhart Koselleck ihn nicht bekomme?«

Sitzung des Erweiterten Präsidiums, 5. Mai 1995, Anwesenheitsliste,
Eckhard Heftrich, Hans Wollschläger, Ivan Nagel, Norbert Miller,
Elisabeth Borchers, Iso Camartin, Peter Benz (Darmstadt),
Herbert Heckmann

Die Runde tendiert mehrheitlich zum »Risiko«, es sei nicht notwendig, erst »die Alten« auszuzeichnen. Mit den beiden Preisträgern Gustav Seibt und Michael Maar könne die Akademie jetzt »politisch aktuell« sein. Michael Maar war in der am 27. Januar 1995 vom Erweiterten Präsidium aufgestellten Kandidatenliste für den Freud-Preis vorgesehen worden, Gustav Seibt für den Merck-Preis. Nun werden auf Anregung von Iso Camartin die beiden getauscht, Michael Maar ist nun Kandidat für den Merck-Preis und Gustav Seibt für den Freud-Preis. Ivan Nagel äußert daraufhin die Sorge, dies könne als eine Art »Reuebekenntnis« wahrgenommen werden, als eine »Demonstration«, »indem man drei ›Junge‹ auszeichne«. Auch Norbert Miller fürchtet kritische Reaktionen. Eckhard Heftrich hält dagegen: »Die Akademie solle entscheiden, ohne auf Außenwirkung zu achten.« Und Herbert Heckmann betont noch einmal, es sei »eine sichere Sache (...), ein Oeuvre zu würdigen, aber besser wäre es, der Wissenschaft zu zeigen, daß hier eine Chance sei. Die Aufgabe der Akademie sei es, mit den Preisentscheidungen Weichen zu stellen.« Daraufhin wird über die »›Dreierkombination‹ (Grünbein, Seibt, Maar)« abgestimmt: sechs stimmen dafür, eine Enthaltung. Die Abstimmungen über Michael Maar und Gustav Seibt sind nun eine reine Formsache, beide werden einstimmig gewählt.

Der weitere Ablauf folgt nun den Gepflogenheiten: Herbert Heckmann informiert den Preisträger, Gerhard Dette schickt anschließend seinen Brief mit den detaillierteren Informationen und erkundigt sich, wen Michael Maar gerne bei der Preisverleihung als seinen Laudator sehen möchte. Dieser antwortet am 18. Mai: »Als mein Laudator wurde in allseitigem Einvernehmen bereits Dr. Hans Wollschläger bestimmt - nur damit auch Sie es noch einmal schwarz auf weiß haben.« Hans Wollschläger wird dann auch den Text der Urkunde entwerfen, der ohne Veränderung übernommen wird.

Nachdem die Entscheidung der Akademie für die drei Preisträger Durs Grünbein, Gustav Seibt und Michael Maar öffentlich geworden ist, reagiert zunächst am 9. Mai die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Unter dem Titel »Jugend« attestiert Frank Schirrmacher: »Die Darmstädter Akademie hat einen Generationensprung gewagt. Das war nach einigen vorhersehbaren und konfliktlosen Entscheidungen der letzten Jahre ein wichtiger Schritt.« Am 10. Mai folgt die »Süddeutsche Zeitung«, Verena Auffermanns Kommentar »Das dreifache Bubenstück« beginnt mit der Feststellung: »Jahrelang haben wir versucht, die Häupter der greisen Mitglieder der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung zu schütteln und ihr Sicherheitsbedürfnis zu unterwandern.« Nun aber habe die Jury den Staub vom Kragen geschüttelt und »in nie geahnter Kühnheit Generationen und berechtigte Anwärter übersprungen, um vor drei gerade Dreißigjährigen mit einem flachen Diener anzuhalten«. »Die Zeit« schreibt schließlich am 12. Mai von der großen Freude »in diesem Jungmännerborn, in dem alle sich kennen und alle sich mögen und alle einander loben« und konstatiert einen »aparten Fall von Preis-Amigotismus«.

Die in den Diskussionen des Erweiterten Präsidiums geäußerten Befürchtungen, das »3-Spiel« könnte kritische Reaktionen hervorrufen, scheint sich - zunächst - zu bewahrheiten. Hans Wollschläger wird in seiner Laudatio auf Michael Maar zu einem erbosten Rundumschlag gegen den »Veitstanz der langen Kolumnen« ausholen.

»Trotzdem stellen sie sich Jahr für Jahr wieder bei uns ein, und Sie alle, meine Damen und Herren, Zeitungsleser leider, haben die Berichterstattung gesehen und die alljährlichen Versuche, die Akademie in der Sphäre der Schmockerei mehr oder minder gemütlich abzutachteln, und haben, wenn wir dann wieder einmal hereinkamen, nachgeschaut, ob wir auch tatterig und tapert genug hereinkamen und genügend Rotspon und Marzipan im Kopf hatten, um dem Bericht gewachsen zu sein. Heute werden Sie besonders neugierig gespäht haben (...)«

Hans Wollschläger zu Beginn seiner Laudatio
»Sie heißt, diese Aufgabe, umfassend ›Philologie‹, und wo in ihren Taten die wörtliche Logos-Liebe voll erklingt, ist nicht nur der Rang ihrer Arbeit bezeichnet, sondern auch ihr Energiebedarf erklärt – und die wundersame Art der Beglückung, mit der sie sich und uns belohnt. Was heißt das, wo sie so heißt? Als Methode, kritisches Handwerk, spirituelle Scheidekunstübung nichts geringeres als gleichsam eine subliterare Atomforschung: Aufklärung der Vernetztheit der so vielen schwirrenden Ich-Stimmen im Super-Ego-Raum Literatur. Aber es geht dabei nicht allein darum, daß auch die literarischen Figuren Ahnen haben und Verwandtschaft; es geht um die Wort-Partikel Wörter selbst und ihre genealogische Geschichte, die eine ganz andere ist als die der Tageswesen und meta-physisch noch immer. Denn nur ein Teil von ihnen hat sich ja bei jener Versprengung auf die Materieklümpchen gerettet und sich unabänderlich mit Sache aufgeladen und starrem Sinn; ein anderer blieb immer in der Schwebe, wandelbar, geschichtsfähig. Aus ihnen bestehen die sprechenden Werke wie aus jenen die faselnde Welt. Michael Maars Zauberberg-Werk zeigt paradigmatisch, an dem einzigen Autor Thomas Mann, wie die Evolution der Wörter und Werke funktioniert (...)«
Hans Wollschläger in seiner Laudatio
Aus dem Anfang der Laudatio
»Nachrichten aus der Evolution«
von Hans Wollschläger
Dauer: 6:19 Minuten

Leider ist die Tonqualität trotz
Nachbearbeitung sehr schlecht.
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Aus der Dankrede von Michael Maar
»Der Gnom in der Kathedrale«
Dauer: 3:26 Minuten

Leider ist die Tonqualität trotz
Nachbearbeitung sehr schlecht.
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Vor Beginn der Preisverleihung am 21. Oktober 1995
© Foto: Barbara Aumüller

»Die Leistung und das Glücksversprechen der großen Literatur bestehen ja unter anderem darin, daß sie uns Fremdes vertraut macht und Vertrautes wieder fremd; daß das Fremde und das Vertraute ihre Plätze tauschen können (...). Diesem Versprechen der Literatur liegt aber auch eine stille Forderung zugrunde. Sie verlangt vom Leser, daß er Fremdes überhaupt wahrhaben will. Sie verlangt nicht mehr, aber auch nichts Geringeres als Interesse am Nicht-Ich. Von diesem Interesse hängt es letztlich ab, ob wir als Leser taugen oder nicht.«

Michael Maar in seiner Dankrede
Michael Maar bei seiner Dankrede »Der Gnom in der Kathedrale« am 21. Oktober 1995
© Foto: Barbara Aumüller

»Die Kunst ist nichts ohne ihre Details. Diese Details aber leben nur, solange sie wahrgenommen werden und in ihrer Funktion gewürdigt.«

Michael Maar
Michael Maar (Berlin)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum