1988:
Walter Jens
lehnt den
Merck-Preis ab,
daraufhin zeichnet die Akademie
Ivan Nagel aus

Ivan Nagel in seiner V orstellungsrede
vor dem Kollegium der Akademie
während der Herbsttagung 1986
Dauer: 5:49 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Ivan Nagel
© Foto: Isolde Ohlbaum

Als das Erweiterte Präsidium am 4. Mai mit seinen Beratungen über die Kandidatinnen und Kandidaten für den Merck-Preis beginnt, sind bereits mehrere Namen für die Diskussion gesetzt. In seiner Einladung hatte Herbert Heckmann am 18. April die Vorschläge aus der vergangenen Sitzung vom 15. Januar für alle zusammengefasst: Lothar Baier, Walter Boehlich, Iso Camartin, Harald Hartung, Eckart Nordhofen, Karl Schlögel, Wolf Jobst Siedler, Peter Sloterdijk und Gerda Zeltner-Neukomm.

Am 4. Mai kommen zu Beginn der Beratungen noch zwei weitere Kandidaten hinzu. Peter Wapnewski erinnert daran, dass über Walter Jens zuvor als Kandidat für den Büchner-Preis gesprochen worden sei und die Runde ihn dann einvernehmlich für den Merck-Preis vorgesehen habe. Und Herbert Heckmann fügt noch Ivan Nagel hinzu, ihn habe Michael Krüger nach der Januarsitzung noch zu den damals besprochenen Vorschlägen ergänzt. Die folgende Diskussion konzentriert sich dann auf drei Kandidaten: Wolf Jobst Siedler, Walter Jens und Ivan Nagel.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums am 4. Mai 1988, Anwesenheitsliste; Michael Krüger, Hartmut von Hentig,
Lea Ritter-Santini, Hans Wollschläger, Dolf Sternberger,
Peter Wapnewski, Günther Metzger (Darmstadt),
Georg Hensel, Hans-Martin Gauger, Walter Helmut Fritz,
Herbert Heckmann, Guntram Vesper

Hartmut von Hentig reagiert auf den Vorschlag Walter Jens direkt mit einem Hinweis, der wie eine Vorwegnahme künftiger Auseinandersetzungen anmutet: »daß Kritik und Essay zwar prominent bei Jens vorkommen, aber den Schriftsteller Jens doch nicht ganz fassen«. Peter Wapnewski, der Jens ursprünglich für den Büchner-Preis vorgeschlagen hatte, unterstützt von Hentig, er nehme sein Argument gegen Jens als Merck-Preisträger sehr ernst. Siedler habe er mit Bewunderung gelesen, sei aber doch eher für eine Auszeichnung Nagels. Michael Krüger nennt Siedler einen der »wenigen gutschreibenden Essayisten«, Nagels Bücher hätten jedoch »ein großes Plus: eine Gelehrsamkeit, die bis in die sprachliche Formulierung hinein zu verfolgen sei«.*z.B. »Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern«, München (Hanser) 1985 (1988 3. veränderte Auflage). Herbert Heckmann spricht sich nachdrücklich für Jens aus, neben dem für ihn nur Nagel bestehe. Nach einer ersten »Probeabstimmung« stehen schließlich noch Walter Jens und Ivan Nagel zur Wahl. Mit acht Stimmen wird dabei Walter Jens zum Merck-Preisträger 1988 gewählt.

Herbert Heckmann informiert Walter Jens direkt nach der Sitzung über seine Wahl zum Merck-Preisträger. In dem Telefon­gespräch macht Jens, wie Heckmann später dem Präsidium berichten wird, »erhebliche Bedenken gegenüber dem Merck-Preis geltend«, bittet aber noch um etwas Bedenkzeit.

Helmut Böttiger über die »Causa Jens«
Walter Jens, 1987
© ullstein bild, Franz E. Möller

Am 8. Mai teilt Walter Jens dann seine endgültige Entscheidung mit: »Zu meinem Bedauern kann ich die Auszeichnung nicht annehmen: Sie kommt um ein knappes Vierteljahrhundert zu spät.« Begleitet wird die Absage von einem handschriftlichen Brief an Heckmann. Dieser habe wohl »zumindest auf unterem Rang« ein Zeichen setzen wollen, mit der Annahme des Preises werde er aber wohl sicher nicht gerechnet haben.

In der Akademie setzt daraufhin hektische Betriebsamkeit ein. Der Generalsekretär Gerhard Dette informiert telefonisch alle Mitglieder des Gremiums und bittet sie im Auftrag des Präsidenten um »erneute Stimmabgabe zur Bestimmung eines Merck-Preisträgers«. »Das Ergebnis fiel einstimmig zugunsten Ivan Nagels aus«, kann Dette in einem Brief am 10. Mai festhalten, auch um das Verfahren nun noch einmal mit der Hilfe aller zu formalisieren und »durch eine nachprüfbare Grundlage im Akademie-Archiv zu stützen«.

Am 11. Mai veröffentlicht Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift »Lauter Unglücke« eine entschiedene Abrechnung mit den drei Preisentscheidungen der Akademie. Der Büchner-Preis für Albert Drach sei nicht nur fragwürdig, er sei auch das Ergebnis einer »Interessenver­quickung«, der Freud-Preis für Carl-Friedrich von Weizsäcker sei nur ein weiterer Preis für den bereits vielfach Geehrten und zum Merck-Preis für Ivan Nagel heißt es schließlich: »Keine Bedenken - oder doch, aber ganz anderer Art. Es wäre fairer, wenn die Akademie uns auch den - wiederum etwas peinlichen - Hintergrund mitgeteilt hätten.«

Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens,
Tagung der Gruppe 47 am Wannsee, 1962
Foto: Toni Richter
Hans-Werner-Richter-Archiv (0848_036),
Archiv der Akademie der Künste
© Hans-Werner-Richter-Stiftung, www.richter-stiftung.de

Gemeint ist die vorherige Ablehnung der Auszeichnung durch Walter Jens. Und dann zitiert der Artikel ausführlich aus dem Absagebrief und unterstützt die Begründung von Jens, dass der Preis zu spät komme - und eigentlich, so Reich-Ranicki, sei Jens ja zunächst für den Büchner-Preis diskutiert worden. »Viel Unheil wurde angerichtet, ein Scherbenhaufen liegt vor uns.«

Gerhard Dette hatte in seinem Brief vom 10. Mai dem Erweiterten Präsidium berichtet: »Ivan Nagel hat den Preis in Kenntnis der Ablehnung von Walter Jens angenommen, unter der Bedingung freilich, daß die Akademie von sich aus diese Ablehnung der Öffentlichkeit nicht bekannt gebe. Nagels Argument dabei war, daß ein Preis erst dann als vergeben gelten könne, wenn der designierte Preisträger ihn auch angenommen habe.« Am 11. Mai teilt Dette dem vom Erweiterten Präsidium telefonisch neu bestimmten Preisträger Ivan Nagel in aller Form seine Wahl mit und versorgt in mit allen Informationen. Am 31. Mai schreibt Ivan Nagel ihm daraufhin seinen Wunsch für die Laudatio: Reinhard Baumgart.

»Der Essayist müßte so lang an sich arbeiten, bis seine Jugend oder sein Alter, sein Wille und seine Erlah­mung, bis alle Visionen und alle Revisionen seiner Weitsicht verfügbar werden für das Begreifen eines Fremden. Mit Erkundungen seiner Sinnlichkeit und Klärungen seiner Gedanken müßte er sich durchsichtig und leicht und disponibel machen für jene Ton­folge, jene Zeile, jenen Pinsel­strich, die seine Liebe verteidigen soll gegen das Vergehen. Schon deshalb herrscht über den Essayisten das Gebot von Liebe oder Zorn, von Verehrung oder Verachtung, von Dank oder Warnung: Sonst wäre sein Sich-verfügbar-Machen nichts als Hurerei.«

Ivan Nagel in seiner Dankrede
Vor Beginn der Preisverleihung am 15. Oktober 1988,
Dolf Sternberger, Carl-Friedrich von Weizsäcker (Freud-Preis),
Constanze Eisenbart (Laudatorin Freud-Preis), Ivan Nagel,
Hildegard Baumgart
© Foto: Peter Hönig

»Richtig ist zwar, was Nagel nicht erst von Adorno oder Peter Szondi zu lernen brauchte, daß Form nicht mehr und nicht weniger ist als der auskomponierte Gehalt, und das gilt für kritische Texte so gut wie für die Musik- oder Dichtwerke, von denen sie handeln. Richtig ist auch, daß Ivan Nagels bis in die Sprache hinein wachsame Moralität, dieses energisch Gestochene, Kristalline und auch Elegante seiner Schreibweise immer schon beides sind, Medium und Botschaft. Aber bereits auf dieser Ebene des Gestus und der Schreibstrategie ist unübersehbar, was dann überdeutlich wird, wenn Nagel Position bezieht: ohne die doppelte Erfahrung der nationalsozialistischen Verbrechen und einer stalinistischen Diktatur wäre diese Nagelsche Hellhörigkeit kaum entstanden. Was diesen Essayisten und Kritiker von den meisten anderen unterscheidet, die aus Lust oder Not oder Bequemlichkeit lieber von Fall zu Fall reagieren, das ist nämlich die erstaunliche Kontinuität seines vorherrschenden Interesses, seines Engagements. Nur deshalb geht er den Sachen so beharrlich auf den Grund und an die Wurzeln, das heißt, er dringt in die Vor- und Nachgeschichte alles dessen ein, was er zu bedenken hat, das sei Don Giovanni, Peter Stein, Kleist, Kierkegaard oder Kafka. Überall entdeckt er, betroffen und auch polemisch, die Spuren einer bürgerlichen Geschichte, in der Selbstentdeckung und Selbstverrat von früh an unheilvoll ineinander verschränkt sind.«

Reinhard Baumgart in seiner Laudatio auf Ivan Nagel am 15. Oktober 1988
»Ich war, mochte das im Vergleich mit manchen Kollegen auch anders erscheinen, als Kritiker nicht zu sehr, sondern zu wenig Essayist. Den Essayisten einen Richter zu nennen – solche Dummheit ist noch niemandem eingefallen. Der Unterschied, den ich meine, reicht tief in die Methode, also in die Substanz, dessen, was man als Schreibender tut.
Der Tageskritiker als Richter gibt vor, einen Teil des Gültigen, Allgemeinen, das er weiß und hat, auf ein Werk anzuwenden, welches er damit aus einem Ganzen in ein Teilphänomen verwandelt: Zeichen des Zeitgeists, Aufstieg oder Verfall des Neuen Realismus oder des Neuen Mystizismus, Sie kennen das schon. Kein Urteil gibt es ohne Subsumtion. Der Essayist versucht dagegen, sich mit seiner äußersten Partikularität, seinem eigentümlichsten Teilwesen in ein fremdes Universum einzuschleichen – oder in plötzlicher, paradoxer Umkehrung: alles, was er in seinem Leben nur erfahren, eingesehen hat, sein Ganzes also, ins Beschreiben und Begreifen vielleicht nur des kleinsten Partikels von einem Kunstwerk einzubringen.«
Ivan Nagel in seiner Dankrede
Ivan Nagel beim Empfang nach der Preisverleihung,
links verdeckt neben ihm sein Laudator Reinhard Baumgart,
rechts vorne Herbert Heckmann
© Foto: Peter Hönig