2013: Wolfram Schütte
Der »Vorwärtsverteidiger«
»Wolfram Schütte, der neugierige Leser, passionierte Kinogänger und enthusiastische Journalist, wird mit dem Johann-Heinrich-Merck Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet. Als langjähriger leitender Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau hat er die geistige Landschaft der Bundesrepublik mitgeprägt, indem er seit 1967 der konservativen Deutungshoheit über den Kanon der deutschen Literatur neue Lesarten entgegengesetzt und das Feuilleton für Kunstformen wie den Film geöffnet hat. In seinen Texten verbindet sich eine stupende literarische Bildung mit einer präzisen Wahrnehmung des wirklich Neuen und Originären. Sie sind Plädoyers für die Autonomie der Kunst und doch immer mit einem wachen politischen Bewusstsein geschrieben. Wolfgang Schüttes Arbeiten erinnern daran, was das Feuilleton zu leisten vermag.«
Begründung der Jury
Akademiepräsident Heinrich Detering übergibt am 26. Oktober 2013
dem Merck-Preisträger Wolfram Schütte die Urkunde
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Mit einem Wort: Sie imprägnierten die Nachkriegskultur mit bedenkenloser ästhetischer Freiheit und republikanischem Geist. Das ist Ihr Beitrag zur Selbstaufklärung der Bundesrepublik, und dieser Beitrag ist bedeutend. Der Funke sprang über, und als schließlich die Provinz urbanisiert war und man einfach lesen musste, was Schütte aus Cannes zu berichten hat, da schien sogar ein anderer Blick auf die eigene kulturelle Herkunftsgeschichte möglich zu sein. ...

»Für Sie, Herr Schütte, ist Kunstkritik explorativ, sie ist augenöffnend und eingreifend – sie zielt auf Erkenntnis und Wahrheit, ihr Spiel ist Ernst.
Dieser kognitive Anspruch hat sich erkennbar ermäßigt. Kritik ist heute eher narrativ, einfühlend und atmosphärisch, die Ausübenden verstehen sich zuerst einmal als dienstbare diplomatische Mittler denn als Strategen im Literaturkampf.«
Thomas Assheuer in seiner Laudatio
Thomas Assheuer in seiner Laudatio
»Wofür steht WoS?«
Dauer: 2:31 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Thomas Assheuer bei seiner Laudatio
© Foto: Isolde Ohlbaum

... In dieser Wendung steckt die Ironie all der zermürbenden Kulturkämpfe, die Sie mit dem Florett und wahrhaft furchtlos mit ästhetisch und politisch Andersgläubigen ausgetragen haben. Ausgerechnet das als links verschriene Feuilleton, jene verhassten Kultur-68er, die mit chronischer Besessenheit bis heute für alles Widrige haftbar gemacht werden – ausgerechnet diese vaterlandslosen Gesellen halfen mit, das Selbstbild der schuld-traumatisierten Nachkriegsrepublik zu schärfen.«

Thomas Assheuer in seiner Laudatio »Wofür steht WoS?«

»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2013

Wolfram Schütte

der als enthusiastischer Journalist das geistige Leben der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt hat, indem er seit den sechziger Jahren der konservativen Deutungshoheit über den Kanon der deutschen Literatur neue Lesarten entgegengesetzt und die Aufmerksamkeit des Feuilletons für Kunstformen wie den Film geöffnet und geschärft hat und in dessen Texten sich eine stupende Bildung mit einer präzisen Wahrnehmung des wirklich Neuen und Originären zu einem engagierten Plädoyer für die Autonomie der Kunst wie für die Freiheit der Kunstkritik verbindet.«

Heinrich Detering und Wolfram Schütte
bei der Verlesung des Urkundentexts
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Ich will sagen, dass das existenzialistische Timbre Ihrer Texte von Anfang an nicht zu überhören ist, die Semantik des unverkürzten Lebens und das Verlangen nach Intensität, nach Erfahrung und Gegenwärtigkeit.«

Thomas Assheuer

»Seither weiß ich, dass Filmkritik – will sie ihrem Gegenstand gerecht werden – mehr sein muss als nur temporäre Kritik eines Films; nämlich stetiges Erkenntnis­interesse an & für Filmpolitik, Film­förderung, für den Verleih & den Vertrieb & für das Kino. Und das sowohl national als auch international. Denn der Film schillerte von seinem Beginn an zwischen Kommerz & Kunst vieldeutig. Er befindet sich immer in prekären ökonomisch-künstlerischen Verhältnissen. (...) Aus solchem Spannungsverhältnis lebt der Film aber gerade – ob als sogenannte ›Massenkunst‹ der Unterhaltungs­industrie oder als cineastisches Meisterwerk, das nur eine Minderheit schätzt.«

Wolfram Schütte in seiner Dankrede
»Das einst schöne Geschäft der Filmkritik«
Dauer: 7:10 Minuten
© Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
Wolfram Schütte bei seiner Dankrede
© Foto: Isolde Ohlbaum

»Was war das doch für eine tolle Zeit, meine Damen & Herren! Wenn man nicht selbst dabei gewesen wäre, man würde es nicht glauben! Das ist heute Vergangen­heit, noch genauer gesagt: vollendete Vergangenheit. Was hat uns alle mitein­ander aus diesem »Paradies« vertrieben? Das zu entfalten würde heißen, eine vielseitige Geschichte der technischen Entwicklungen, der gesellschaftlichen Verwerfungen & der kollektiven Mentalitätswechsel zu erzählen. Nicht zuletzt gehört aber dazu auch der Befund, dass sich die Filmkritik von ihrer fördernd­en, fordernden & herausfordern­den Haltung hat abbringen lassen. In

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vorauseilendem Gehorsam hat sie sich fast überall bloß noch zum Kellnerieren des vom Mainstreams diktierten aktuellen Angebots bereitgefunden. Die große Gleichgültigkeit ist nun an der Tagesordnung. Es war einmal (anders); und es war kein Märchen. Daran wollte ich hier noch einmal erinnern: als Dank für den Johann- Heinrich-Merck-Preis.«

Wolfram Schütte in seiner Dankrede
»Das einst schöne Geschäft der Filmkritik«
Ursula März, Wolfram Schütte, Thomas Assheuer
nach dem Ende der Preisverleihung am 26. Oktober 2013
© Foto: Isolde Ohlbaum
Wolfram Schütte (Frankfurt am Main)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum