
Der »Vorwärtsverteidiger«
dem Merck-Preisträger Wolfram Schütte die Urkunde
© Foto: Isolde Ohlbaum
»Mit einem Wort: Sie imprägnierten die Nachkriegskultur mit bedenkenloser ästhetischer Freiheit und republikanischem Geist. Das ist Ihr Beitrag zur Selbstaufklärung der Bundesrepublik, und dieser Beitrag ist bedeutend. Der Funke sprang über, und als schließlich die Provinz urbanisiert war und man einfach lesen musste, was Schütte aus Cannes zu berichten hat, da schien sogar ein anderer Blick auf die eigene kulturelle Herkunftsgeschichte möglich zu sein. ...

Dieser kognitive Anspruch hat sich erkennbar ermäßigt. Kritik ist heute eher narrativ, einfühlend und atmosphärisch, die Ausübenden verstehen sich zuerst einmal als dienstbare diplomatische Mittler denn als Strategen im Literaturkampf.«
»Wofür steht WoS?«
Dauer: 2:31 Minuten
© Foto: Isolde Ohlbaum
... In dieser Wendung steckt die Ironie all der zermürbenden Kulturkämpfe, die Sie mit dem Florett und wahrhaft furchtlos mit ästhetisch und politisch Andersgläubigen ausgetragen haben. Ausgerechnet das als links verschriene Feuilleton, jene verhassten Kultur-68er, die mit chronischer Besessenheit bis heute für alles Widrige haftbar gemacht werden – ausgerechnet diese vaterlandslosen Gesellen halfen mit, das Selbstbild der schuld-traumatisierten Nachkriegsrepublik zu schärfen.«
»Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 2013
Wolfram Schütte
der als enthusiastischer Journalist das geistige Leben der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt hat, indem er seit den sechziger Jahren der konservativen Deutungshoheit über den Kanon der deutschen Literatur neue Lesarten entgegengesetzt und die Aufmerksamkeit des Feuilletons für Kunstformen wie den Film geöffnet und geschärft hat und in dessen Texten sich eine stupende Bildung mit einer präzisen Wahrnehmung des wirklich Neuen und Originären zu einem engagierten Plädoyer für die Autonomie der Kunst wie für die Freiheit der Kunstkritik verbindet.«

bei der Verlesung des Urkundentexts
© Foto: Isolde Ohlbaum
»Ich will sagen, dass das existenzialistische Timbre Ihrer Texte von Anfang an nicht zu überhören ist, die Semantik des unverkürzten Lebens und das Verlangen nach Intensität, nach Erfahrung und Gegenwärtigkeit.«
»Seither weiß ich, dass Filmkritik – will sie ihrem Gegenstand gerecht werden – mehr sein muss als nur temporäre Kritik eines Films; nämlich stetiges Erkenntnisinteresse an & für Filmpolitik, Filmförderung, für den Verleih & den Vertrieb & für das Kino. Und das sowohl national als auch international. Denn der Film schillerte von seinem Beginn an zwischen Kommerz & Kunst vieldeutig. Er befindet sich immer in prekären ökonomisch-künstlerischen Verhältnissen. (...) Aus solchem Spannungsverhältnis lebt der Film aber gerade – ob als sogenannte ›Massenkunst‹ der Unterhaltungsindustrie oder als cineastisches Meisterwerk, das nur eine Minderheit schätzt.«
»Was war das doch für eine tolle Zeit, meine Damen & Herren! Wenn man nicht selbst dabei gewesen wäre, man würde es nicht glauben! Das ist heute Vergangenheit, noch genauer gesagt: vollendete Vergangenheit. Was hat uns alle miteinander aus diesem »Paradies« vertrieben? Das zu entfalten würde heißen, eine vielseitige Geschichte der technischen Entwicklungen, der gesellschaftlichen Verwerfungen & der kollektiven Mentalitätswechsel zu erzählen. Nicht zuletzt gehört aber dazu auch der Befund, dass sich die Filmkritik von ihrer fördernden, fordernden & herausfordernden Haltung hat abbringen lassen. In
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vorauseilendem Gehorsam hat sie sich fast überall bloß noch zum Kellnerieren des vom Mainstreams diktierten aktuellen Angebots bereitgefunden. Die große Gleichgültigkeit ist nun an der Tagesordnung. Es war einmal (anders); und es war kein Märchen. Daran wollte ich hier noch einmal erinnern: als Dank für den Johann- Heinrich-Merck-Preis.«
»Das einst schöne Geschäft der Filmkritik«

nach dem Ende der Preisverleihung am 26. Oktober 2013
© Foto: Isolde Ohlbaum

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum
