1983:
Albrecht Schöne
- nicht Freud,
aber Merck

Die Beratungen im Erweiterten Präsidium am 29. April 1983 sind ein beredtes Beispiel für die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den drei im Herbst von der Akademie vergebenen Preisen. In dieser Sitzung betrifft dies einmal nicht die Abgrenzung zwischen dem Büchner-Preis und dem Merck-Preis, nun geht es um den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Nach der Wahl des Büchner-Preisträgers steht am 29. April zunächst die Diskussion der Vorschläge für den Sigmund-Freud-Preis auf der Tagesordnung. »Als Kandidaten (...) stehen zur Debatte: Albrecht Schöne, Peter Graf Kielmansegg, Walther Killy und Wolf Lepenies.« Als weiterer Vorschlag wird Hartmut von Hentig, der zunächst für den Merck-Preis genannt worden war, eingebracht. Die Diskussion konzentriert sich in der Folge auf Schöne, Kielmansegg und von Hentig. Vor allem Dolf Sternberger spricht für Graf Kielmansegg,
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Beda Allemann unterstreicht die Qualitäten Schönes. Er »erfülle Freuds Stilideal«. Eva Zeller »plädiert ebenfalls ›mit Nachdruck‹ für Schöne«. Die Schlussabstimmung gewinnt Graf Kielmansegg ganz knapp vor Schöne.

Dolf Sternberger, Ernst Zinn, Ludwig Harig,
Lea Ritter-Santini, Dieter Herman Betz (Hessen),
Beda Allemann, Eva Zeller, Herbert Heckmann
In den sich direkt anschließenden Verhandlungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis schlägt Lea Ritter-Santini gleich zu Beginn vor, Albrecht Schöne nun mit diesem Preis auszuzeichnen. Beda Allemann unterstützt sie, »unter der Voraussetzung, daß man ›literarische Kritik‹ im weitgefaßten angelsächsischen Sinne versteht«. Herbert Heckmann bringt noch Joachim Fest ins Spiel, von dem wohl schon einmal die Rede gewesen sei, und Reinhard Baumgart aus den Diskussionen des Vorjahrs. Nach einer Probeabstimmung zwischen allen drei Kandidaten fällt die Entscheidung zwischen Albrecht Schöne und Reinhard Baumgart - die Albrecht Schöne gewinnt.

Protokoll, Seite 8

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 5

Protokoll, Seite 6

Protokoll, Seite 7
Die Arbeit am Text für die Preisurkunde lässt noch einmal die Schwierigkeiten erkennen, die das Verschiebemanöver zwischen dem Preis für wissenschaftliche Prosa und dem für literarische Kritik und Essay hinterlassen hat. Dies ist bis in einzelne Wendungen hinein spürbar, an denen gefeilt wird - wie beispielsweise dem Verhältnis zwischen dem für Albrecht Schöne so bestimmenden philologischen Ethos und der den Preis nach Beda Allemann nur im weiten angelsächsischen Verständnis rechtfertigenden Auszeichnung im Felde literarischer Kritik.

für die Weitergabe an den Typographen




Adolf Muschg in der Laudatio und Albrecht Schöne in seiner Dankrede gehen beide auf das Verhältnis von Philologie und literarischer Kritik ein. Adolf Muschg attestiert dem Preisträger »›akademisch‹ genannte Tugenden« wie »sachkundige Genauigkeit« und »Freiheit der Reflexion«, durch die man am Ende »nicht nur einen bekannten Autor wie zum ersten Mal wahrnimmt, sondern auch ein Stück eigene Lebenserfahrung dazugewonnen zu haben meint«. Und er endet damit, dass er den »Preis der Kritik« als »Dank einer durch Germanisten zwar oft repräsentierten, aber nicht oft geförderten Kultur« (um-)interpretiert. Und Albrecht Schöne stellt in einer Mischung aus Diagnose und Ironie fest: »Unter meinesgleichen erfüllt die Verleihung eines Preises für Literarische Kritik und Essayistik nahezu den Tatbestand des öffentlichen Rufmords.«
»Als man mich telegraphisch befragte, ob ich diesen ›Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay‹ anzunehmen bereit sei, ist mir die Antwort nicht ganz leicht geworden. Was der Lobredner verschweigen muß, darf der Dankredner eingestehen: Ginge es mit rechten Dingen zu, hielte man sich nämlich an das, was hierzulande unter der literarischen Kritik und dem Essay verstanden wird, käme ich für eine solche Auszeichnung gar nicht in Frage.«

© Foto: Christel M. Bauer
»Aufs Einfachste und Äußerlichste gebracht, meint literarische Kritik bei uns die rezensierende Literaturkritik, die man im Feuilleton findet, und läßt sich der Essay am ehesten daran ausmachen, daß er keine Fußnoten braucht. Einmal habe auch ich ein kleines Schreibstück an Reich-Ranicki geschickt, aber unser Kritikerpapst hat das aus gutem Grund nicht eingerückt in seine Zeitung. Und beinahe jeder der von mir an anderer Stelle gedruckten Seiten reichen die Anmerkungen leider bis zum Knöchel oder zum Knie, wenn nicht gar bis zum Halse, so daß die Textzeilen oben kaum Luft bekommen – bleifüßig steht sie im gelehrten Ballast. So ist das doch in aller Regel: unsere Dichter und Schriftsteller, unsere Kritiker und Essayisten dann, unsere Literaturwissenschaftler und Literarhistoriker schließlich ackern auf getrennten Feldern. Und selbst einen kleinen Grenzverkehr bewachen sie nicht ohne Argwohn. Um aus der Schule meiner eignen Zunft zu plaudern: Reden zwei Germanisten über einen dritten (von dem wir, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, hoffen wollen, daß er wenigstens nicht selber Verse schreibt oder Romane verfaßt) und einigen sie sich darauf, daß seine Geisteswerke eher doch zum Genre literarischer Kritik gehörten, journalistischen oder essayistischen Charakter besäßen, dann ist das alles andere als ein Ausdruck kollegialer Wertschätzung. Unter meinesgleichen erfüllt die Verleihung eines Preises für literarische Kritik und Essayistik nahezu den Tatbestand des öffentlichen Rufmords.«

am 21. Oktober 1983
Dauer: 5:19 Minuten

Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum