2018: Martin Pollack

»Anfang der 1980er Jahre hatte sich ein Gefühl ausgebreitet, dass es jenseits der in Ost und West geteilten Welt noch etwas Drittes geben muss. Milan Kundera hatte seinen Essay Die Tragödie Mitteleuropas. Un occident kidnappé verfasst. Intellektuelle in Prag, Warschau und Budapest sprachen von etwas, was es eigentlich nicht mehr geben sollte, und Martin Pollack war der Spurensucher, der Fährtenleser, der Navigator, der die Wege beschrieb und die Karten zeichnete, die ins Kernland Mitteleuropas hineinführten; dorthin, wo sich, so Joseph Roth, die Grenzen verwischten, dorthin, wo einmal die Vielvölkerwelt war, die in der Weltkriegsepoche mit ihren Grenzverschiebungen, Säuberungen und dem Judenmord untergegangen war. ...
... Am Beginn meiner Laudatio steht also der Dank an den Autor, der wohl nicht nur mir die Augen geöffnet und den Weg in eine weithin unbekannte Welt eröffnet hat. (...) Wie soll man angemessen über ein Werk sprechen, das so umfangreich und vielfältig ist wie das von Martin Pollack: literarische Reportage, Essay, Gespräch, große Erzählung, Bildanalyse und last but not least und nun auch schon ein Leben lang: die Übersetzung. Weil er das alles kann, braucht er sich an die Grenzen, die das jeweilige Genre definieren, nicht zu halten.«
»Wir dürfen nicht wegschauen, im Gegenteil, wir müssen genau hinschauen (...) Wir dürfen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Das ist es nicht! Die Situation ist gefährlich, brandgefährlich sogar.«
»Die Welt hat sich rasant verändert, darauf müssen wir uns einstellen, auch wenn uns das nicht leichtfallen mag. Wir im Westen sind träg geworden, Wohlstand und Sicherheit haben uns verwöhnt und eingelullt. Viele Menschen glauben, die Demokratie sei von Gott gegeben, sie falle wie Manna vom Himmel. Ein fataler Irrtum, wie wir jetzt erkennen. Für die Demokratie müssen wir kämpfen, jeden Tag.«

nach der Preisverleihung am 27. Oktober 2018
© Foto: Isolde Ohlbaum

