1966:
geehrt wird
der Theater- und Musikkritiker
Karl Heinz Ruppel

© Foto: Erika Loos
Am 27. Juni 1966 tritt im Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe das Erweiterte Präsidium der Akademie zusammen. Beraten wird über die Kandidaten für die im Herbst zu vergebenden Preise und über das Programm der Herbsttagung. Für den Johann-Heinrich-Merck-Preis einigt sich die Runde darauf, künftig »in die literarische Kritik auch Musikkritiker und die Kritiker der Bildenden Kunst einzubeziehen«. Das Protokoll hält fest: »Unter Einbeziehung dieser Gebiete werden als Kandidaten genannt: Melchinger, Ruppel, Schulze-Vellinghausen; auch der Name Willy Haas wird als möglicher Kandidat genannt.«
Nach kurzer Diskussion, deren Verlauf im Protokoll nicht dokumentiert ist, wird »Karl-Heinrich Ruppel zum Träger des Johann-Heinrich-Merck-Preises« gewählt. Nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr, in dem Hans Mayer den Merck-Preis abgelehnt hat, wird verabredet: die Preisträger sind umgehend »zu fragen, ob sie die Preise annehmen; dabei soll Karl-Heinrich Ruppel gebeten werden, während der Herbsttagung einen Vortrag über seinen Arbeitsbereich zu halten.«
Am 5. Juli teilt Ernst Johann, der Generalsekretär der Akademie, Karl Heinrich Ruppel - der auch unter dem Namen Karl Heinz Ruppel und häufig der Kurzform K. H. Ruppel firmiert - seine Wahl zum Merck-Preisträger des Jahres 1966 mit. Er freue sich besonders, dass ein gebürtiger Darmstädter geehrt werde.Ruppel hat den Kontakt nach Darmstadt immer gehalten. Ein - eher kurioses - Zeichen dieser Verbundenheit ist seine Verbeugung im Mai 1963 vor dem »Datterich«, veröffentlicht unter dem Titel »Niebergall. Der Portätist der Darmstädter« Darmstadt (Roether) 1963. Ruppel antwortet umgehend mit einem Telegramm und bedankt sich für die »hohe und ehrenvolle Auszeichnung«.







In den nächsten Wochen entwickelt sich ein reger Austausch zwischen dem Preisträger und Ernst Johann. Dabei geht es zunächst um den Rahmen des Vortrags, den K. H. Ruppel halten soll. Geklärt werden müssen aber auch Fragen der Reiseplanung oder wer als persönlicher Gast Ruppels zur Verleihung und zum Vortrag eingeladen werden soll. Mit dem Näherrücken der Tagung zeichnet sich jedoch ab, dass aus terminlichen wie gesundheitlichen Gründen der Vortrag immer deutlicher in Frage steht und K. H. Ruppel voraussichtlich nur die Preisverleihung mit der Überreichung der Urkunde wahrnehmen kann.











Der Merck-Preisträger K. H. Ruppel schreibt kurz nach der Tagung an den Akademiepräsidenten Gerhard Storz: »Sie wissen, in welch reduziertem Zustand ich neulich bei der Herbsttagung der Akademie in Darmstadt den mir verliehenen Johann-Heinrich-Merck-Preis entgegennehmen mußte.« Danach habe sich sein Zustand noch dramatisch verschlechtert, so dass er erst heute dazu komme, für die »hohe Ehre und Auszeichnung« zu danken. Die damit verbundene Anerkennung seiner Arbeit habe ihn »tief erfreut und beglückt«. Seinen versprochenen Vortrag über »Maßstäbe der Theater- und Opernkritik«, den er aufgrund seiner Erkrankung leider nicht habe halten können, wolle er gerne nachholen, »wo und in welchem Rahmen es immer sei«.

Otto-Berndt-Halle, alle Aufmerksamkeit
konzentriert sich auf den Büchner-Preisträger
Wolfgang Hildesheimer in der ersten Reihe
© Foto: Pit Ludwig








Im Rahmen der Herbsttagung 1967, am Nachmittag des 20. Oktober, wird die Rede über die »Maßstäbe der Theater- und Opernkritik« von K. H. Ruppel dann ins Programm aufgenommen, zusammen mit der des aktuellen Merck-Preisträgers Werner Weber. Ruppels »Dankrede« hat nun allerdings einen veränderten Zuschnitt, da er sie ganz dem schwer erkrankten Jürgen Fehling widmet.
»Literarische Kritik, für die der Johann-Heinrich-Merck-Preis ausgesetzt ist, heißt in meinem Fall Theater- und Musikkritik, und in der Einladung zu dieser Versammlung ist Ihnen mitgeteilt worden, daß ich über Maßstäbe der Theater- und Opernkritik sprechen würde. Erlauben Sie mir, davon insofern abzuweichen, als ich nicht über die Maßstäbe, die ein Kritiker für sein Métier braucht, sprechen werde, sondern über einen von jenen, die die Maßstäbe schaffen – einen Theatermann, den ich nicht anstehe, als einen der größten des deutschen Theaters in diesem Jahrhundert zu bezeichnen: Es ist Jürgen Fehling, und es gebührt ihm, daß ihm von einer Akademie für Sprache und Dichtung eine Laudatio gesprochen wird, denn er hat im Umgang mit Sprache und Dichtung auf der Bühne Unvergeßliches entstehen lassen.«

In seiner Rede erinnert Ruppel an die zwanziger Jahre, als Fehling zusammen mit Otto Klemperer »in der Berliner Kroll-Oper die kühnsten, provozierendsten Aufführungen des damaligen Musiktheaters herausbrachte«: »Die Deutschnationalen brachten im Preußischen Landtag Anfragen an den Kultusminister ein, wie lange er die skandalösen ›Schandtaten‹ dieser beiden Männer an den ehrwürdigen Gütern der deutschen Kunst noch dulden wolle, in der demokratischen Presse aber feierten Kritiker wie Heinrich Strobel und Hans Heinz Stuckenschmidt sie als die Anführer der künstlerischen Avantgarde, der Avantgarde des Angriffs einer neuen Kunst des Theaters, der Herausforderung auf breitester Front. Wenn sie marschierte, Fehling und Klemperer voran, krachte es. Vor Potenz, vor nichts als purer Potenz.«
Eine zentrale Passage von Ruppels Rede ist Jürgen Fehlings Inszenierung von William Shakespeares »König Richard der Dritte« gewidmet, die am 2. März 1937 am Preußischen Staatstheater unter der Intendanz von Gustav Gründgens Premiere hatte. Es ist aufschlussreich, wie Ruppel bereits 1937 unter dem Eindruck dieser Aufführung in seiner Besprechung für die »Kölnische Zeitung« die herausragende Innovationskraft der Inszenierung gewürdigt hat.

Fünfter Aufzug, Vierte Szene, 2. März 1937
© Theaterhistorische Sammlungen der FU Berlin,
Nachlass Traugott Müller, Foto: René Fosshag
»›König Richard der Dritte‹ in der Inszenierung des Staatstheaters ist eine jener Aufführungen, in denen sich, unabhängig von Forderungen, Wünschen und Proklamationen theaterfremder Kulturumstürzer, ein neuer dramatischer Stil rein aus der Arbeit und dem Ringen um das Werk herauskristallisiert.Dieser Stil entsteht nicht aus tastenden Versuchen und unzulänglichem Wollen, sondern nur auf der Grundlage vollendeter praktischer Erfahrung, vollkommen durchdachter künstlerischer Zielsetzung und überragenden Könnens. An Inszenierungen wie ›Richard der Dritte‹ wird sich einst die Geschichte des deutschen Theaters in unserer Zeit zu orientieren haben.«Karl H. Ruppel in seiner Besprechung der Aufführung am Preußischen Staatstheater am 2.3.1937, wieder abgedruckt in: ders.: »Berliner Schauspiel. Dramaturgische Betrachtungen 1936 bis 1942«, Berlin/Wien (Paul Neff Verlag) 1943, S. 21f.

Vergleicht man die Beschreibung der Szene am Schluss der Inszenierung, so wie Ruppel sie 1937 in seinem Zeitungsbericht gegeben hat, mit der entsprechenden Passage in seiner 1967 bei der Akademie gehaltenen Rede, dann wird deutlich, wie dieser Augenblick, »in dem ein Land aus abenteuerlichster Unterdrückung , unmenschlicher Knechtung und viehisch-dumpfer Unterwerfung wieder zur Freiheit erwacht«, so 1937, von ihm 1967 im Rückblick als eine damals vom Publikum lesbare »Botschaft und Verheißung« dieser »grandiosen wie politisch tollkühnen Inszenierung« gewertet werden kann.Dass Fehlings Inszenierung damals nicht nur Ruppel beeindruckt hat, das lässt eine Passage aus einer Rede von Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2006 erkennen: »Ich war dabei. Es war eine Inszenierung, die mich sehr beeindruckt hatte, und die ich heute als etwas Lächerlich-Läppisches empfinde. Werner Kraus humpelte auf der Bühne von einem Ende zum anderen, so steht es auch bei Shakespeare. Dass das gegen Goebbels gerichtet war, weil auch er humpelte, ist leicht übertrieben. Aber es gab keinen Zweifel, dass man bestimmte Stellen im Shakespeare-Text, die gegen die Grausamkeit und den Terror der Machthaber gerichtet waren, besonders akzentuierte. Aber es ging noch weiter. Die Wächter um ›Richard den Dritten‹ trugen lederne, schwarze und braune Uniformen. Man musste blind sein, um nicht zu sehen, dass das eine Anspielung auf die SA und die SS war.« (»Berlin und ich«. Festvortrag von Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin am 9. Januar 2006)
»Fehlings Phantasie war von riesigen Gestalten erfüllt, von riesigen Räumen und riesigen Klängen. Als am Schluß der unvergeßlichen Premiere von Shakespeares ›König Richard III.‹ am 2. März 1937 das Tedeum über die Bühne brauste, als aus allen Richtungen des Raumes die Stimmen zu kommen schienen, mit denen Englands Ritterschaft Gott für die Befreiung von der Tyrannenherrschaft des gekrönten Ungeheuers dankte, da hielt das Haus den Atem an: Es war der Augenblick der Sprachlosigkeit, der über ein Land kommt, das aus unmenschlicher Knechtung und Unterworfenheit wieder zur Freiheit erwacht – ein Augenblick, in dem der Herzschlag der Völker stillsteht und die Erde Gesang wird. Es gab, als dann ein Beifallssturm ohnegleichen losbrach, niemand, der die Botschaft und
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Verheißung dieser künstlerisch ebenso grandiosen wie politisch tollkühnen Inszenierung nicht gespürt hätte, in der Werner Krauß als das Urbild des machttrunkenen Verbrechers wie ein schwarzer Molch geschmeidig über die Szene hüpfte und hinkte, bald lächelnd und schmeichelnd, bald schrill kreischend, in der Gestalt von Shakespeares mißwüchsigem Gloster das mimische Kompendium aller Infamien und Perversitäten, die damals im sogenannten deutschen Führercorps zum Entsetzen der Welt nach oben gespült worden waren. Was diejenigen, die diese Aufführung miterlebten – ich selbst habe sie nicht weniger als viermal gesehen – damals ahnten, ist später im Rückblick Gewißheit geworden: Sie war die großartigste Tat des deutschen Theaters in jenen Jahren, der Protest seines leidenschaftlichsten Humanisten und größten Künstlers, das Dokument seiner maßlosen Verzweiflung und seines maßlosen Mutes. Was aber Gustaf Gründgens betrifft, seinen Intendanten, so bleibt es dessen Verdienst, daß er, der Spannungen nicht achtend, die Fehlings herrscherliches Naturell und sein ›barbarisches‹ Temperament schufen, den ›gefährlichen‹ Regisseur in voller Freizügigkeit in seinem Haus arbeiten ließ und ihn gegen die unaufhörlichen Wühlereien der Goebbels-Meute abschirmte.«

Karl H. Ruppel: »Berliner Schauspiel. Dramaturgische Betrachtungen 1936 bis 1942«
Berlin / Wien (Paul Neff Verlag) 1943, Seiten 14 und 15
Abdruck des Berichts über die Premiere am 2. März 1937 für die »Kölnische Zeitung«
Links:
K. H. Ruppel: »Über Jürgen Fehling«, Ausschnitt der im Programm
unter dem Titel »Maßstäbe der Theater- und Opernkritik«
angekündigten Rede vor der Akademie am 20. Oktober 1967
Ruppel konnte Jürgen Fehling aus einer doppelten Perspektive würdigen. Er hatte seit den zwanziger Jahren als Kritiker gearbeitet, von 1928 bis 1944 für die »Kölnische Zeitung«, dabei in den 1930er Jahren und bis 1944 in der Berliner Redaktion. In einem Brief an Max Rychner charakterisierte er die „Luft“ nach dem „Orkan von 1933“: „Da sitzen die braven alten Herren unseres Feuilletons und glauben wahrhaftig, es wäre alles getan, wenn sie ihr Vokabular ein bischen militanter halten. Sie täuschen sich, die Guten! Sie nehmen alles genau so unbesehen wie früher und gehen jeder Auseinandersetzung teils listig, teils ängstlich aus dem Weg.“ (K. H. Ruppel an Max Rychner, 24. Juli 1933. Deutsches Literaturarchiv Marbach).
Ruppel begleitete die Entwicklung des »Berliner Schauspiel(s)« unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer Kulturpolitik kontinuierlich mit seinen Aufführungskritiken. Eine Auswahl seiner Artikel erschien 1943 unter dem Titel »Berliner Schauspiel. Dramaturgische Betrachtungen 1936 bis 1942«. Erkennbar ist in den meisten Kritiken die Distanz zu einer von der NS-Kulturpolitik geforderten genuin nationalsozialistischen Aufführungspraxis und die Konzentration auf herausragende Inszenierungen wie die am Preußischen Staatstheater unter Gustav Gründgens. In diesem Sinne mag im Vorwort die gebotene Verbeugung Ruppels vor den »durch den Umbruch grundlegend veränderten künstlerischen Verhältnisse(n) in Deutschland« gelesen werden: »Dieses Buch möchte (…) als Vorarbeit für eine künftige Berliner Dramaturgie – die erste, die vom Geist des neuen Reiches bestimmt wird – aufgefaßt werden.«»Berliner Schauspiel«, a.a.O., S. 10.

Nach Kriegsende entschied sich Ruppel, wie er am 27. August 1945 in einem Brief an Dolf Sternberger erklärte, »endgültig fürs Theater«. Er arbeitete am Staatstheater Stuttgart zunächst als Dramaturg und Spielleiter, seit 1947 und bis 1949/50 als Schauspieldirektor.

© Deutsches Literaturarchiv Marbach

1950 kehrte Ruppel jedoch ins kritische Geschäft zurück und ging zur »Süddeutschen Zeitung«. Carl Zuckmayer schrieb ihm am 12. Juli 1950 daraufhin erfreut: »Lieber K. H.! (…) Ich finde es ganz ausgezeichnet, daß Du nun endgültig wieder zur Kritik zurückgefunden hast, denn ich glaube, daß dort das stärkste Bedürfnis und der größte Mangel vorliegt. Ein Blatt wie die Süddeutsche Zeitung gibt Dir die notwendige weite Resonanz und die Plattform, die Du brauchst, um für uns alle und unsere gemeinsamen Anliegen zu wirken.« (Deutsches Literaturarchiv Marbach)
1962 veröffentlichte dann der Friedrich Verlag eine leicht veränderte und illustrierte Neuauflage der 1943 veröffentlichten Sammlung von Ruppels Theaterkritiken unter dem Titel »Großes Berliner Theater. 1935 - 1943«Velber bei Hannover (Friedrich Verlag) 1962 , in der auf seine Besprechungen der allzu NS-konformen Stücke weitgehend verzichtet wurde.