1970:
Joachim Kaiser wird geehrt
Ein verlässlicher wie faszinierender Chronist

© Foto: Erika Loos
Im Mai 1970 bereitet der Generalsekretär Ernst Johann die Sitzung des Erweiterten Präsidiums vor, in der am 6. Juni auch die Preisträger für den Büchner-, den Freud- und den Merck-Preis bestimmt werden sollen. Am 27. Mai schreibt Johann an den Präsidenten Gerhard Storz, skizziert für ihn kurz die finanzielle Lage der »beiden kleineren Preise« und nennt dann die Kandidatinnen und Kandidaten, die in der Jury für den Büchner-Preis und den Freud-Preis im vergangenen Jahr diskutiert worden sind. Für den Merck-Preis gibt es nur eine kurze Liste. Auch in dem Brief, der dann für die Sitzungsvorbereitung am 1. Juni an die Mitglieder des Gremiums geht, taucht zum Merck-Preis nur ein Name auf.



Nachdem über den Büchner-Preis und den Freud-Preis entschieden ist, beginnen die Mitglieder des Erweiterten Präsidiums mit ihrer Beratung über den Merck-Preisträger 1970. Neben Joachim Günther, der als einziger Name von Ernst Johann auf der Liste aus dem vergangen Jahr festgehalten worden war, werden weitere Kandidaten aus der letzten Sitzung ergänzt: Hans Paeschke, Walter Höllerer, W. E. Süskind. Und neue Vorschläge werden gemacht: K. H. (Karlheinz) Deschner, Hans Bender, Dieter Wellershoff. Erst etwas später bringt Wolfgang Weyrauch noch Joachim Kaiser ins Spiel. Die Diskussion konzentriert sich rasch auf diesen »wirklich schreibenden Kritiker von hoher Qualität«. Mit sieben Stimmen bei zwei Enthaltungen wird Joachim Kaiser dann zum Merck-Preisträger 1970 gewählt.

aus den handschriftlichen Aufzeichnungen
des Generalsekretärs Ernst Johann

Protokoll, Seite 4

Protokoll, Seite 1

Protokoll, Seite 2

Protokoll, Seite 3
Bereits zwei Tage nach der Sitzung teilt die Akademie dem frisch gekürten Merck-Preisträger die Entscheidung des Präsidiums mit. Der Brief ist knapp gehalten und endet mit der Bitte, Kaiser möge diese Nachricht zunächst noch für sich behalten. Kaiser richtet seinen Dank an den Präsidenten Gerhard Storz. Er nehme den Preis »von Herzen gerne an«, auch weil er »es richtig finde, daß auch einmal Essayisten und Kritiker ein paar Lorbeerblätter bekommen«.
Kaiser bekräftigt im Brief seine Bereitschaft, »sich mit einer Rede zu bedanken«. »Da ich über mein Thema natürlich vieles auf dem Herzen habe, wäre es mir angenehm zu erfahren, wie lang diese Rede sein dürfte.«

Am 13. August wendet sich Ernst Johann an Gerhard Storz, denn die Suche nach einem Laudator für den Büchner-Preisträger Thomas Bernhard gestaltet sich schwierig. Johann berichtet von seinem Gespräch mit Bernhards Verleger Siegfried Unseld, der schließlich Joachim Kaiser für diese Aufgaben vorgeschlagen hat. Johann ist von diesem Plan überzeugt, mit dem sie, wie er schreibt, »zwei Fliegen mit einer Klappe« schlagen könnten: Kaiser würde sich mit seiner Rede dem Auditorium vorstellen, indem er die Laudatio auf Bernhard hält, obwohl er - wie sonst üblich - kein Akademiemitglied sei. Seine Dankrede als Merck-Preisträger könne daher entfallen. Storz stimmt zu und so versucht Johann, Kaiser diese Idee näherzubringen - der jedoch mit einer ausführlichen Begründung diesen ›gut gemeinten Plan‹ ablehnt. So bleibt es bei einer Dankrede, die am Samstagvormittag in die »Öffentliche Arbeitssitzung« eingefügt wird - bei der Preisverleihung am Samstagnachmittag sind weiterhin nur für den Büchner-Preis Laudatio und Dankrede vorgesehen.







Im September beginnt auch die Arbeit an den Urkundentexten. Ernst Johann schickt am 22. September die Entwürfe, das »Ergebnis einer schöpferischen Stunde, die ich gestern mit Herrn Krolow hatte«, an Gerhard Storz. Auch Dolf Sternberger erhält die Entwürfe. Anhand der handschriftlichen Veränderungen lässt sich der Überarbeitungsprozess des Textes nachverfolgen.





Joachim Kaiser, Werner Heisenberg (v. l.), 17. Oktober 1970
© Foto: Pit Ludwig
Die Pflicht, anlässlich der Ehrung eine (Dank-)Rede zu halten, hat Joachim Kaiser bereits am Samstagvormittag absolviert. »Wer den Titel »Die Freiheit der Kritik heute« hört«, erklärt Joachim Kaiser einleitend, »macht – es sei niemandem verdacht – ein undurchdringliches Gesicht. Man bedauert sich, nun noch einmal festrednerhafte Umkreisungen dieses derart weiten, tausendmal beackerten, unergiebigen Feldes miterleben zu müssen. Und falls man ein guter Mensch ist, bedauert man sogar den Vortragenden, der sich diesem Banalitäten-Abgrund aussetzt.« Dann bricht er zu seiner »Thesenfahrt« auf, in der er die »drei Worte, die im Thema ›Freiheit der Kritik heute‹ auf einander bezogen sind«, erkundet.

»Die Schwierigkeiten der schwebenden, auf sich selbst, aufs Subjekt verwiesenen Kritiker-Existenz will immer wieder jemand heilen. Aber jedes Argument, jedes Ziel, das dem Kritiker aus dieser Notsituation heraushelfen soll, ist eine Art Verrat an seiner ungewissen Freiheit.«

links Büchner-Preisträger Thomas Bernhard, Preisverleihung am 17. Oktober 1970
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