1998:
Iso Camartin


»Sporgersi!«

© Foto: Isolde Ohlbaum

Auf der »Liste« stehen vier Namen, als das Erweiterte Präsidium am 18. Mai mit seinen Beratungen über den Johann-Heinrich-Merck-Preis 1998 beginnt: Iso Camartin, Volker Klotz, Gerhard R. Koch und Günther Metken. Elisabeth Borchers bittet darum, Nike Wagner ebenfalls in die Entscheidung einzubeziehen, Klaus Reichert schlägt als sechste Kandidatin Silvia Bovenschen vor. Nachdem alle Mitglieder des Gremiums in einer ersten Gesprächsrunde Argumente für - oder auch gegen - die sechs Kandidatinnen und Kandidaten genannt haben, findet eine »Probeabstimmung« statt. Nike Wagner, Iso Camartin und Silvia Bovenschen zeichnen sich dabei als die aussichtsreichsten Vorschläge ab, Gerhard R. Koch und Günther Metken sollen für das nächste Jahr vorgemerkt bleiben. In der »verbindlichen, geheimen, schriftlichen Abstimmung« wird Iso Camartin daraufhin zum Merck-Preisträger 1998 gewählt.

Sitzung des Erweiterten Präsidiums, 18. Mai 1998,
Anwesenheitsliste; Adolf Muschg, Norbert Miller,
Klaus Reichert, Erika Pedretti, Kurt Flasch,
Elisabeth Borchers, Giuseppe Bevilacqua,
Peter Benz (Darmstadt), Christian Meier

Christian Meier benachrichtigt direkt nach der Sitzung Iso Camartin, der ihm am 19. Mai erfreut und dankbar antwortet. Für die Laudatio am 17. Oktober wird Libgart Schwarz gewonnen.

Erst sehr spät beginnt in diesem Jahr die Arbeit am Urkundentext, der erste Formulierungsversuch stammt von Gerhard Dette, der dann im Austausch mit dem Präsidenten Christian Meier überarbeitet wird.

»Isos Leidenschaft für das andere und Unterschiedliche, für das Unauffällige, Nichtbedachte, nicht Beachtete ist es, so scheint mir, was ihm den Sinn für das Wesentliche im Unauffälligen finden läßt und womit er mich in die Geschichten von anderen und über andere hineinzieht, und auch meine Sehnsucht nach Büchern weckt, die er liebt. Seine Reflexionen über Gelesenes sind kein Ausbreiten gefundener Schätze, er weist mich auf anderes hin, nicht auf sich. Er macht mich hellhörig für Zusammenhänge, die ich ohne ihn nicht bemerkt hätte. Es kommt nur darauf an, diese anders zu betrachten und Andersdenkende zu akzeptieren.«

Libgart Schwarz in ihrer Laudatio »Rettung durch Lesen«
Preisverleihung am 17. Oktober 1998, Iso Camartin und seine Laudatorin Libgart Schwarz,
daneben die ehemalige hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Evelies Mayer
© Foto: Jürgen Bauer

»Als ich vor dreißig Jahren eine Rezension einem Zeitungsredaktor schickte, rief er mich zu sich und sagte: ›Etwas müssen Sie lernen: Lehnen Sie sich nicht zu sehr hinüber in ihre Texte. Es genügt, wenn sie intelligent über ein Buch schreiben. Über Sie selbst braucht man nichts zu erfahren.‹ Das war ›Non sporgersi‹ als journalistisches Berufsgebot! Der Redaktor meinte es ganz technisch: Das Ich des Rezensenten sei in einer Buchbesprechung ein Unwort und habe da nichts zu suchen. Ich möchte ihm darin nicht widersprechen. Nur weiß ich heute, daß man keineswegs das Wort ›Ich‹ braucht, um aus sich hinaus – und in einen Text hinüberzulehnen. Und ich weiß zudem, daß mich eigentlich nur mehr Texte interessieren, in denen ein Individuum sich weit hinauslehnt.

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Es hat dies nichts mit einem konfidenten Ton zu tun. Macht man es richtig, ist es weder aufdringlich noch indiskret. Weder ein Zeichen von Willfährigkeit noch von Mitleid. Aber die andere Seite spürt, daß da jemand spricht, der nicht nur für sich und zu sich sprechen will. Man hört Zweifel, entdeckt Fragen. Es ist, als rufe jemand, manchmal leise und kaum vernehmbar, manchmal laut und aufschreckend.«

Iso Camartin bei seiner Dankrede »›Sporgersi‹ oder: Über das Hinauslehnen«
© Foto: Jürgen Bauer
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay 1998
Iso Camartin
dem Rätoromanen und Kenner der europäischen Kulturen und ihrer Geschichte, der in seinen literaturwissenschaftlichen und kulturkritischen Aufsätzen, indem er von innen fragt und von außen betrachtet, das selten Bedachte der Aufmerksamkeit empfiehlt und das Wesentliche im Unauffälligen entdeckt, der den Leser dank seiner Fähigkeit zur Analyse, dank der Eleganz seiner Sprache hellhörig macht für Zusammenhänge, welche das Fremde wie etwas Vertrautes zur Anschauung bringen.
Urkundentext
Iso Camartin und Christian Meier
bei der Übergabe der Urkunde
© Foto: Jürgen Bauer

»Meine Damen und Herren, dies sind etwas schnellfertige Überlegungen zu einer ziemlich schwierigen Prozedur: das Hinauslehnen. Lassen Sie mich nur noch sagen, daß es nicht ohne Risiko ist. Die Chance, daß niemand da ist, der unser Hinauslehnen als Angebot aufgreift und begreift, ist groß. Doch nur wer so glücklich ist, daß er nichts mehr will, kann ganz darauf verzichten. Wer geplagt ist vom Wünschen und vom Träumen und von einem irgendwie noch ganz anderen Glück, dem bleibt nur das Hinauslehnen. Deshalb empfehle ich: Lehnen Sie sich nicht zurück (...)! Lehnen Sie sich hinaus.«

Iso Camartin bei seiner Dankrede
© Foto: Jürgen Bauer

»Wer will denn nicht durch mutiges Dehnen und Strecken sich erweitern, aus sich selbst hinausbewegen, sich ins noch Unbekannte und Lockende vorrecken und vorstrecken? Also ist ›sporgersi‹ doch eine wunderbare Sache! Die Kunst, den Menschen und Dingen sich mutig zuzuneigen, muß doch geradezu eine Angelegenheit sein, die über unser Lebensglück entscheidet.«

Iso Camartin (Zürich)
Aus der Serie »Arbeitsplätze«, 2013/4
© Foto: Isolde Ohlbaum